Wie gut sich das Café Moccafloor als stimmungsvolle Kleinkunstbühne eignet, konnte das Publikum wieder einmal beim Konzert von Lüül und Band aus Berlin erleben. Der mit allerhand Relikten aus vergangenen Jahrzehnten dekorierte Raum, in dem es sich die Besucher an kleinen Tischchen und in Sofas gemütlich machen können, strahlt eine familiäre Atmosphäre aus. Darin springt der Funke von der Bühne unglaublich schnell auf die Zuhörer über. Für Lutz Graf-Ulbrich, Künstlername Lüül, und seine Band war es bereits der dritte Auftritt in dieser lauschigen Umgebung.

Bei "Untergang" wird fröhlich mitgesungen

Lüül (Gesang, Gitarre, Banjo, Ukulele), Kerstin Kaernbach (Violine, Theremin), Kruisko (Akkordeon, Xylophon, Gesang) sowie Daniel Cordes (Kontrabass) spielten Stücke aus ihrem Album "Fremdenzimmer" sowie auch Altbekanntes und Beliebtes. Spätestens beim Song „Untergang“ setzten sich auch diejenigen rhythmisch in Bewegung, die es zunächst ruhig auf ihrem Stuhl ausgehalten hatten. Dass das gesamte Publikum fröhlich dabei in den Refrain einfiel, mag in Anbetracht des düsteren Szenarios des Textes, in dem Münder geduldig Katastrophen hinunter schlucken und Politiker Wortkanonaden aus Lügen und Intrigen abschießen, verwundern. Dabei wirkte jede gesungene Silbe von "Das ist der Untergang, der Untergang kommt" wie eine Befreiung aus dem Wahnsinn der Welt.

Gegensätze bestimmen viele Liedtexte

Die Liedtexte von Lüül sind werden häufig von Gegensätzen bestimmt. Sie betonen, dass Erlebnisse stark subjektiv bestimmt sind oder von der Gunst beziehungsweise Ungunst der Situation abhängen. Das gilt für paradiesisch wirkende Orte wie den Kalalau-Trail, Hawaii, an dem im gleichnamigen Song jedoch unmäßiger Regen zu einer Tortur und zum Überlebenskampf führt. Umgekehrt wird in "Schwarz war der See" ein nahezu schiffbrüchiger Kahn in Kolumbien besungen, in dem alles schmutzig und marode ist. Im Text aber heißt es: "Nah war die Sonne. Ich saß am Bug und fühlte nichts als Wonne".

Mischung vieler Musikstile

Es ist nicht zuletzt die raue, etwas knarzende Stimme von Lüül, die den Stücken ihren besonderen Charakter verleiht. Sie erzählen von Abenteuern auf der ganzen Welt und bringen verschiedene Musikstile zu einer anregenden Mischung zusammen: von Reggae über Sprechgesang bis zur Neuen Deutschen Welle, „von der wir damals noch gar nicht wussten, was es ist“, wie Lüül belustigt erzählte. Der Sound der Band erinnert an den der "17 Hippies". Einige Elemente hat Lüül weiter ausgebaut und entwickelt. Es fließen Anregungen aus dem französischen Chanson mit ein, aus Polka und Blues, aber auch viele weitere Eindrücke.

Die Musik von Lüül animierte die Zuhörer beim Konzert im Café Moccaflor zum Tanzen und zum Mitklatschen.
Die Musik von Lüül animierte die Zuhörer beim Konzert im Café Moccaflor zum Tanzen und zum Mitklatschen. | Bild: Michelberger, Isabell

Mit Wehmut blickt Lüül auf West-Berlin, "das heute nicht mehr wirklich existiert". Mit dem Stück „West-Berlin" und dem Refrain "Unser Meer war der Wannsee, unsere Insel West-Berlin" setzt er ein Denkmal und beschreibt liebevoll eine Stadt, in der alles möglich war, „wenn die Sonne schien“. Das Stück "Party People" greift ein Bild der Stadt auf, nach dem es bei jungen Leuten Usus geworden sei, mit einer Flasche Bier in der Hand durch die Straßen zu laufen – ganz nach dem Grundsatz: "Uns gehört die Stadt, uns gehört der Spaß."

Neben den Lied-Texten bereiteten auch die Musik und das gute Zusammenspiel der Musiker den Zuhörern viel Vergnügen. Erstaunt schaute das Publikum zu, als Kerstin Kaernbach das sogenannte Theremin bediente und dadurch elektronische Synthesizer-Klänge erzeugte. Wie eine Dirigentin bewegte sie ihre Hände und Finger, um damit das elektromagnetische Feld des Instruments zu verändern. Die Schwingung des Feldes wird in Töne übertragen. Die Zuhörer hatten viel Spaß mit der Band Lüül und forderten klatschend drei Zugaben ein.

Violinistin Kerstin Kaernbach entlockt dem sogenannten Theremin durch die Bewegung ihrer Hände elektronische Klänge.
Violinistin Kerstin Kaernbach entlockt dem sogenannten Theremin durch die Bewegung ihrer Hände elektronische Klänge. | Bild: Isabell Michelberger

Wer das Konzert im Café Moccafloor verpasst hat, kann Lüül im Duo mit Kerstin Kaernbach am Samstag, 13. April, 20 Uhr, bei einem Wohnzimmerkonzert in Tafertsweiler bei Ostrach hören. Dort ist er beim Kinder- und Jugendchor zu Gast.

Lüül im Kurzinterview: "Hier ist es ein bisschen urig"

Lutz Graf-Ulbrich alias Lüül hat eine Jahrzehnte umfassende musikalische Biografie. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern der „17 Hippies“, ist solo, im Duo und mit seiner Band in ganz Deutschland auf Tournee.

Das ist Ihr dritter Auftritt mit Band in Pfullendorf, der inmitten eines dichten Tournee-Plans liegt. Haben Sie die Stadt eigentlich auch schon bei Tag gesehen?

Ja. Mit den „17 Hippies“ trat ich beim Fisimatenten-Festival zum ersten Mal in Pfullendorf auf. Da mussten wir bereits am Nachmittag aufbauen. Ich kaufte mir in der Innenstadt sogar ein Paar Schuhe.

Nach diesem Auftritt im Jahr 2013 gehört Pfullendorf schon fast als fester Bestandteil zu ihrem Tourneen-Plan.

André Heygster spielt da eine Rolle. Damals habe ich ihm erzählt, dass ich auch eine eigene Band habe, mit der ich hier auftreten könnte.

Reagiert das Publikum im Norden ähnlich wie im Süden?

Das unterscheidet sich von Ort zu Ort. In Berlin ist das Publikum durch das riesige Angebot insgesamt abgeklärter und reservierter. Hier im Café Moccafloor ist es ein bisschen urig. Das macht das Besondere aus. Wir haben auch schon in der Alten Kirche in Rulfingen gespielt und traten vergangene Woche zum ersten Mal in der Zehntscheuer in Ravensburg auf. Das war toll.

Genießen Sie die Auftritte im Süden?

Es gibt immer wieder neue Entdeckungen. Die Leute sind immer sehr herzlich. Wenn Sie uns buchen, freuen sie sich ja immer auf uns und auf unsere Geschichten aus der ganzen Welt und haben Spaß mit unserer Musik.

Fragen: Isabell Michelberger