Das Gespräch über ihre Auszeichnung mit dem Deutschen Lehrerpreis 2019 beginnt mit Verspätung. Dem weinenden Schüler, der vor dem Lehrerzimmer der Pfullendorfer Sechslindenschule steht, will Nadine Royer sofort helfen. Erst nachdem sie sich um den Jungen gekümmert und mit beteiligten Mitschülern über den Konflikt gesprochen hat, überlässt sie die endgültige Klärung der neuen Rektorin Ursula Matt-Pfeifer und widmet sich dem SÜDKURIER.

Ein Mensch, der überall Liebe hinbringt

Diese Szene wirft ein Schlaglicht darauf, was die jungen Erwachsenen einer der letztjährigen Abschlussklassen der Hauptschule motiviert hat, Nadine Royer für den Deutschen Lehrerpreis 2019 vorzuschlagen. „Eine Lehrerin, die für uneingeschränkte Hilfsbereitschaft, Feinfühligkeit und gute Nerven steht. Eine offene und freundliche Bezugsperson für alle. Und ein Mensch, der überall Liebe hinbringt, wo er ist“ – mit diesen herzlichen Worten begründeten die Schüler ihre Nominierung und überzeugten die Fachjury.

2001 wechselte Nadine Royer an die Sechslindenschule. Dort ist sie bei den Schülern für ihre herzliche Art und ihre Hilfsbereitschaft so geschätzt, dass die Schüler sie sogar für den Deutschen Lehrerpreis nominiert hatten.
2001 wechselte Nadine Royer an die Sechslindenschule. Dort ist sie bei den Schülern für ihre herzliche Art und ihre Hilfsbereitschaft so geschätzt, dass die Schüler sie sogar für den Deutschen Lehrerpreis nominiert hatten. | Bild: Lorenz, Stefanie

„Frau Royer, Sie werden weinen“ – nur soviel hatte die Klasse vor der Abschlussfeier im vergangenen Juli über das Geschenk verraten, das sie ihrer Lehrerin zum Abschied machen würde. Und nachdem die anderen Pädagogen mit Blumen und Präsenten beschenkt worden waren, kullerten bei Nadine Royer und vielen anderen Gästen in der Pfullendorfer Stadthalle tatsächlich die Tränen der Rührung, als die Schüler ihrer Klasse verkündeten, dass das Engagement ihrer Lehrerin für sie preiswürdig sei und sie die Bewerbung in Berlin eingereicht hätten. Damit habe sie nicht gerechnet, bekennt sie dem SÜDKURIER. „Es war ein bewegender Moment in meinem Berufsleben“, sagt Nadine Royer.

Hauptschule ist kein Getto

Ein Moment, der sehr genau das abbilde, was ihr in ihrem Alltag als Haupt- und Werkrealschullehrerin begegne: Liebevolle Kinder und Jugendliche, die nicht nur unterrichtet und auf das Berufsleben vorbereitet werden wollen, sondern bei denen es sich lohne, Beziehungen zu ihnen aufzubauen. Ziemlich sauer werde sie, bekennt die sonst so freundliche Pädagogin, wenn ihr von außen angetragen werde, dass sie in der Hauptschule in einer Art Getto unterrichte. „Das ist Quatsch. Bei uns herrscht ein herzliches Miteinander“, bricht sie für die Sechslindenschüler eine Lanze. Dass viele Schüler einen Migrationshintergrund haben, erlebt sie als Stärke der Schule, die zum rücksichtsvollen Umgang miteinander beitrage.

Die Schüler der zweiten Klasse zeigten unter Leitung von Lehrerin Karoline Brucker Ausschnitte aus dem Musical, das bei der Einschulung aufgeführt wurde.
Die Schüler der zweiten Klasse zeigten unter Leitung von Lehrerin Karoline Brucker Ausschnitte aus dem Musical, das bei der Einschulung aufgeführt wurde. | Bild: Lorenz, Stefanie

Schon zum siebten Mal hat sie in diesem Schuljahr die Klasse 10 H übernommen. „Am Ende des Schuljahres weißt Du so viel über die Familien, Freunde und auch über Liebeskummer“, erzählt Nadine Royer mit einem Schmunzeln. Dass die jungen Erwachsenen schon nach einem Jahr die Schule und damit ihre Obhut verlassen, empfindet sie oft als schmerzhaft. Ein guter Kontakt zu den Eltern ist Royer wichtig. Dass dieser auch ganz besondere Früchte tragen kann, durfte die 42-Jährige erfahren, als nicht nur ihr Schüler, sondern auch dessen Vater mit den an der Schule verfassten Bewerbungsschreiben einen Arbeitsplatz erhielt.

Unterstützung für ein gutes Leben

„Wenn unsere Unterstützung aufgeht für ein gutes Leben, wenn der Lebensweg funktioniert, das ist einfach ein tolles Gefühl“, sagt Nadine Royer, die nicht nur Mathematik, Chemie, Biologie und Englisch unterrichtet, sondern auch in den Bereichen Kompetenztraining und Berufsorientierung engagiert ist. Das Ziel bei der Begleitung auf dem Weg in den Beruf hat sich die Lehrerin hoch gesteckt: „Jeder Schüler bei uns, der einen Ausbildungsplatz will, kriegt auch einen“, sagt sie. Ihr Engagement wird von einem Schüler bei der Nominierung zum Deutschen Lehrerpreis 2019 gewürdigt: „Sie haben sich mit mir stundenlang an einen PC gesetzt und mir geholfen, Bewerbungen zu schreiben und etwas zu finden, was mir gefällt“.

Eigene Schulzeit ein „Glücksfall“

Sich in der Schule aufgefangen zu fühlen, dieses Gefühl durfte Nadine Royer selbst erleben. Die Tochter einer Deutschen und eines Franzosen hatte zunächst in Frankreich gelebt, zog dann nach Friedrichshafen, wo sie die Realschule St. Elisabeth besuchte. „Das war ein absoluter Glücksfall“, blickt die 42-Jährige zurück. Noch genau erinnert sich Nadine Royer, die bis dato Tierpflegerin werden wollte, daran, wie ein Lehrer sie darauf ansprach, ob sie nicht Mathematik-Lehrerin werden wollte, da er diese Begabung in ihr sah.

Bürgermeister Thomas Kugler lobte das Engagement von Nadine Royer und überreichte einen Blumenstrauß der Stadt Pfullendorf.
Bürgermeister Thomas Kugler lobte das Engagement von Nadine Royer und überreichte einen Blumenstrauß der Stadt Pfullendorf. | Bild: Lorenz, Stefanie

Das war eine Initialzündung für das junge Mädchen, die anschließend auf das Gymnasium wechselte und später in Weingarten an der Pädagogischen Hochschule Lehramt studierte. „Auch das kann Schule, wenn sie genau hinguckt. Jemand, der Dich kennt, findet das Richtige für Dich“, sagt sie. Schwächen zu schwächen und Stärken zu stärken, das hat sie aus der eigenen Schulzeit für ihren Lehrauftrag mitgenommen.

Seit 2001 an der Sechslindenschule

An ihre erste Stelle an der Billharz-Schule in Sigmaringen hat sie viele gute Erinnerungen. Ebenso an das Lehrerseminar in Albstadt. Dort habe man ihr klargemacht, so die Pädagogin, dass man vieles lernen könne im Lehrerberuf. „Das Wichtigste aber ist die Lehrerpersönlichkeit – entweder du hast sie, oder du hast sie nicht. Du kannst sie nicht einfach herholen“, sagt Royer. Seit 2001 ist sie – mit einer einjährigen Zwischenstation in Tübingen – an der Sechslindenschule tätig.

Schüler aller Klassen begrüßten Nadine Royer mit einem langen Spalier.
Schüler aller Klassen begrüßten Nadine Royer mit einem langen Spalier. | Bild: Lorenz, Stefanie

Im Wandel der Zeit ist sich Nadine Royer treu geblieben: „Bei mir gab es früher klare Regeln und Strukturen. Und heute mache ich es genauso. Ich habe früher eine Beziehung zu den Schülern aufgebaut und heute mache ich es genauso“, betont sie. Und ist sich immer noch sicher: „Nichts anderes als eine Lehrerin möchte ich sein“.