Rund zwei Millionen streunende Katzen leben in Deutschland. In Herdwangen-Schönach versuchte eine Tierfreundin mit Hilfe einer Lebendfalle mehrere wilde Katzen einzufangen, um diese kastrieren zu lassen. Sie scheiterte und schickte einen Hilferuf an Behörden und Institutionen und erhielt Unterstützung vom Tierschutzverein Markdorf, weil ein Angehöriger dort Mitglied ist, wie Vorsitzende Annemarie Hendricks auf Anfrage des SÜDKURIER bestätigte. Ihren Leuten gelang es, mehrere Katzen, auch mittels einer Funkfalle einzufangen, wobei die Tiere sich in einem schlechten Zustand befanden. Trotz aller Fangbemühungen erwischte man nicht alle Tiere. "Leider ist es immer sehr schwer, scheuen Katzen zu helfen. Darum ist es so wichtig, dass sie sich nicht noch weiter vermehren. Kastrationen sind der einzige Weg, um das Katzenelend nachhaltig zu lindern", fordert Hendricks.

Das Problem kennt auch Martin Grillenberger, Leiter des Kreistierheims in Sigmaringen, das der Tierschutzverein Bad Saulgau 2016 vom Landkreis als neuer Träger übernommen hatte. Bis 2009 hatte der Tierschutzverein Sigmaringen das Heim betrieben, war dann zahlungsunfähig geworden. Der Kreis unterstützt die Arbeit der neuen Trägerschaft mit einem jährlichen Zuschuss von 80 000 Euro und übernahm die Finanzierung für die notwendigen Sanierungen, wobei besonders das neue Katzenhaus mit rund 300 000 Euro zu Buche schlug, in dem 36 Vierbeiner Platz finden. Martin Grillenberger berichtet, dass im Heim im ersten Quartal 2018 etwa 70 Tiere aufgenommen wurden, davon 90 Prozent Katzen. "Im vergangenen Jahr hatten wir im Tierheim und beim Tierschutzverein Bad Saulgau etwa 500 Abgabe- und Fundtiere", ergänzt Grillenberger im SÜDKURIER-Gespräch. Als Abgabetiere werden Katzen, Hunde oder sonstige Tiere bezeichnet, die von ihren Besitzern im Tierheim abgegeben werden, was vielerlei Gründe haben kann. Beispielsweise geben Angehörige Katzen von Verstorbenen ab oder die Tieren werden abgegeben, wenn sich plötzlich Allergien gegen Tierhaare entwickeln. Wenn Katzen abgeben werden, verlangt das Tierheim eine einmalige Gebühr von 60 oder 100 Euro, je nachdem, ob das Tier kastriert ist oder nicht.

Im vergangenen Jahr wurden 487 Tiere im Kreistierheim und beim Tierschutzverein Bad Saulgau aufgenommen. Von Pfullendorf waren es 2017 zwei Hunde und 25 Katzen, die im neuen Katzenhaus untergebracht wurden.
Im vergangenen Jahr wurden 487 Tiere im Kreistierheim und beim Tierschutzverein Bad Saulgau aufgenommen. Von Pfullendorf waren es 2017 zwei Hunde und 25 Katzen, die im neuen Katzenhaus untergebracht wurden. | Bild: Siegfried Volk

Als Fundtiere werden Katzen dann bezeichnet, wenn sie menschenbezogen sind. Wenn es gelingt, wilde Katzen in einer Lebendfalle zu fangen, werden sie kastriert und wieder in die Freiheit entlassen. Eine solche Aktion müssen engagierte Bürger vor Ort erledigen, weil das Tierheim keine Kapazitäten hat. Froh ist Martin Grillenberger, dass sich viele Gemeinden an einer vom Landkreis vor Jahren initiierten Kastrationsaktion beteiligten, und die Kosten für die Kastration streunender Katzen auf ihrer Gemarkung übernehmen. Das Tierheim hatte 2017 Tierarztkosten von 54 000 Euro, also monatlich rund 4500 Euro. Hinzu kommen noch Unterhaltungs- und Personalkosten. Aktuell sind dort zwei Vollzeitkräfte, zwei Auszubildende und mehrere Minijobber beschäftigt, dazu kommen fünf ehrenamtliche Helfer aus Sigmaringen und 20 aus Bad Saulgau. Für Katzen, die als Fundtiere untergebracht sind, berechnet das Kreistierheim einen Tagessatz von acht Euro, der von der Gemeinde für maximal sechs Monate bezahlt werden muss, auf deren Gemarkung das Tier beheimatet war. Die Zusammenarbeit mit den Kreisgemeinden funktioniere, bis auf wenige Ausnahmen, sehr gut, erklärt Grillenberger.

Der Tierschutzfreund, der viele Jahre Vorsitzende des Tierschutzvereins Bad Saulgau war, ist ein eindeutiger Befürworter der von Tierschutzverbänden geforderten Kastrationspflicht für Katzen. Auch zum Thema "Anfüttern" hat er eine klare Meinung: "Ich halte nichts von diesen zentralen Plätzen, wo Katzen gefüttert werden." Er erzählt von einer älteren Frau, die in Bad Saulgau bis zu 50 wilde Katzen fütterte. Als die betagte Dame ins Pflegeheim musste, gab es ein großes Problem. Und häufig befänden sich Futterplätze in der Nähe von Kinderspielplätzen, was die Gefahr von Krankheitsübertragungen erhöhe. "Die Katzen sind häufig krank und können Pilze oder Darmparasiten auf Menschen übertragen", warnt Grillenberger. Der Tierexperte bestätigt auch die Richtigkeit eines Aufrufes im Gemeindeblatt von Wald. Dort warnt das Bürgermeisteramt, dass Katzen, die längere Zeit an einer Futterstelle versorgt werden, nicht mehr als herrenlos gelten, sondern der "Fütterer" als Katzenhalter betrachtet werde, der auch mögliche Tierarzt- und Unterbringungskosten zu tragen habe. "Das ist ein ungeschriebenes Gesetz", sagt Grillenberger.

Dies bestätigt Simon Klaiber, Ordnungsamtsleiter der Stadt Pfullendorf. Rechtlich betrachtet führe das längere Anfüttern von Katzen dazu, dass derjenige quasi zum Halter des Tiers und damit dafür verantwortlich werde. Nach seinen Angaben gibt es in Pfullendorf kein wirkliches Problem mit streunenden oder wilden Katzen. Im vergangenen Jahr wurden aus Pfullendorf und den Ortsteilen neun Fundtiere im Kreistierheim abgegeben, darunter acht Katzen und ein Hund, für deren Unterbringung die Stadt dann ein halbes Jahr die Kosten übernehmen musste.

Martin Grillenberger leitet das Kreistierheim.
Martin Grillenberger leitet das Kreistierheim. | Bild: Siegfried Volk

Voraussetzung für Heimunterbringung

Kreistierheimchef Martin Grillenberger erklärt, warum nicht alle Katzen ins Heim kommen:

"Eine Katze, die über längere Zeit in Freiheit gelebt hat, lässt sich nicht mehr an ein Leben in häuslicher Gemeinschaft gewöhnen. Sie können auch über ein Tierheim nicht mehr vermittelt werden, da sie Menschen gegenüber nicht zugänglich sind. Da sie keine Vermittlungschancen haben, müssten sie den Rest ihres Lebens im Tierheim verbringen. So schön unser Tierheim ist, wir können die Katzen nur in begrenzten Gehegen unterbringen, für wilde und halbwilde Katzen reicht dies aber nicht aus. Nur sehr junge Katzen lassen sich noch an ein Zusammenleben mit dem Menschen gewöhnen. Die Jungtiere und Katzen, die noch nicht lange ohne Halter leben, die also noch an den Menschen gewöhnt sind, können im Tierheim aufgenommen werden, um sie in ein Zuhause weiterzuvermitteln. (siv)

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