Die Menschen sollen ihre sozialen Kontakte reduzieren, ja eliminieren. Wie schwer ist das für uns?

Für einige Menschen kann es sehr schwer sein auf seine sozialen Kontakte zu verzichten. Andere wiederum genießen vielleicht die Abgeschiedenheit. Da sind wir Menschen doch sehr verschieden. Ich denke jedoch, dass wenn sich alle darüber bewusst sind, dass wir dies tun um die Schwächeren in unserer Gesellschaft zu schützen, es vielleicht etwas leichter fällt. Zudem kann man heutzutage über verschiedene Medien sehr gut im Kontakt bleiben und sich austauschen, beispielsweise über Videotelefonie mit den Großeltern, Social Media, WhatsApp oder ähnliches.

Familien, Partner sitzen jetzt aufeinander, oft ohne Möglichkeit, sich aus dem Weg zu gehen. Wie lange geht so was gut?

Ich denke hierbei ist es sehr wichtig eigene Bedürfnisse zu kommunizieren und sich gegenseitig zu unterstützen. Gemeinsam Wege finden und überlegen, was man selbst gerade braucht. Da kann es schon mal vorkommen, dass der eine den Mittag im Wohnzimmer verbringt und der andere es sich im Schlafzimmer gemütlich macht. Es gibt auch in einer kleinen Wohnung durchaus die Möglichkeit sich gegenseitig Freiräume zu schaffen. Allerdings muss das offen besprochen werden, der Andere kann schließlich nicht riechen, was man gerade braucht. Vielleicht hilft es auch, den Fokus darauf zu legen, was nun möglich ist, statt darauf, was wir gerade nicht können. Das geht über das lang fällige Ausmisten der Wohnung bis hin zum Lesen eines Buches oder Ausprobieren eines neuen Hobbys. Gemeinsame Projekte können helfen das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken und die Zeit zu vertreiben.

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Wie und wann entstehen die ersten Konflikte?

Die ersten Konflikte entstehen vermutlich in uns selbst. Viele reagieren mit Ärger auf die Einschränkungen und sind es nicht gewohnt, ihr Leben von anderen bestimmen zu lassen. Auch hierbei kann es sehr hilfreich sein sich vor Augen zu führen, warum diese Maßnahmen aktuell so nötig sind. Auch eigene Ängste können uns übermannen und reizbar werden lassen. Viele Konflikte entstehen aus einem unbefriedigten Bedürfnis heraus. Hierbei gilt es zunächst zu prüfen: Was brauche ich gerade? Was fehlt mir? Und wie kann ich das für mich ermöglichen?

Treten jetzt womöglich lang verborgene Konflikte zutage?

Das kann natürlich passieren. Wenn man permanent mit dem anderen konfrontiert ist, kommen vielleicht alte Verletzungen hoch. Man ist auch nicht durch die Arbeit oder anderes abgelenkt. Wer nicht darüber reden oder dem anderen aus dem Weg gehen kann, wird es dann sehr schwer haben. Gleichzeitig bietet diese Situation aber auch eine Chance, um wieder näher zusammenzurücken und Konflikte zu besprechen. Die Zeit hierfür fehlt uns ja sonst im stressigen Alltag.

Werden diese Auseinandersetzungen im Lauf der Zeit härter – und damit schwieriger zu lösen?

So lange die Dinge nicht gleich angesprochen werden, haben sie die Tendenz zu wachsen und damit auch größer zu werden. Da wird dann aus einer kleinen Mücke schnell ein großer Elefant.

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Welche Tipps zum Zusammenleben auf engstem Raum haben Sie für Familien, besonders jenen mit Kleinkindern?

Familien müssen viele Bedürfnisse unter einen Hut bringen. In einer Quarantänesituation ist das eine enorme Herausforderung. Mein Rat wäre, eine geregelte Tagesstruktur festzulegen, in der sich verschiedene Elemente wie Lernzeiten, Ruhezeiten, körperliche Aktivität oder Kreativzeit abwechseln. Es kann hilfreich sein, sich im Voraus Aktivitäten zu überlegen, die an den kommenden Tagen gemacht werden können. Das Internet ist eine wunderbare Quelle für Ideen, vom gemeinsamen Backen über Lernaufgaben, Spiel und Bastelideen findet man fast alles. Gleichzeitig kann es auch gut sein bisher geltende Regeln etwas aufzulockern. Natürlich nur in dem Rahmen, in dem es für die Familie okay ist. Da darf der Fernseher vielleicht etwas länger an sein, oder auf dem Sofa/Bett darf gehüpft werden?

Was sollte man (als Eltern) auf gar keinen Fall machen?

Ich denke, das Schlimmste können die eigenen Gedanken sein. Wenn ich mir sage, dass dies schrecklich sein wird, dann wird es das vermutlich auch sein. Eine positive Grundhaltung kann hierbei sehr hilfreich sein. Gleichzeitig müssen wir in dieser Zeit anerkennen, dass wir manche Entwicklungen doch nicht beeinflussen können und viele Dinge doch nicht selbstverständlich sind.