Im Jahr 1799 liegen die Anfänge der Pfullendorfer Stadtmusik. Sie hat sich also 220 Jahre in den Dienst der Musik gestellt. Doch angestaubt ist das Orchester keinesfalls. Das konnten die Zuhörer beim 48. festlichen Jahreskonzert eindeutig erfahren. Die rund 60 Musikerinnen und Musiker boten ein Programm auf höchstem Niveau und begeisterten am Samstagabend rund 600 Besucher vom ersten Takt an. Stadtmusikdirektor Thomas Stöhr hat mit seinem Ensemble einmal mehr bewiesen, dass die Reichsstädter keinen Vergleich zu scheuen brauchen.

Bezirksdirigent Willi Lutz, Michael Molle, Stefan Rehm, Julia Wellan, Maren Schmid, Nico Hammer, Vorsitzende Roswitha Hoffmann und ihre Stellvertreterin Katrin Sigel (von links).
Bezirksdirigent Willi Lutz, Michael Molle, Stefan Rehm, Julia Wellan, Maren Schmid, Nico Hammer, Vorsitzende Roswitha Hoffmann und ihre Stellvertreterin Katrin Sigel (von links). | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Das wurde schon beim Auftakt mit der Ouvertüre aus „Tancredi“ von Gioachino Rossini deutlich. Dieser hatte wegen vorausgehender Arbeiten kaum Zeit für die Komposition von Tancredi. Möglicherweise ist das der Grund dafür, dass er als Ouvertüre diejenige von „La pietra del paragone“ wiederverwendete. Die Qualität bleibt davon unberührt und das gilt auch für die Ausführung durch die Stadtmusik. Ein durchgängiges Leitthema – mal bombastisch und mal filigran interpretiert, und dazu das Klarinettenregister mit den tänzelnden Melodienfolgen, das macht so richtig Lust auf mehr.

Mystische Klänge begeistern

Das wurde dann auch mit „Arabesque“ des US-Amerikaners Samuel R. Hazo geboten. Es waren die mystischen Klänge des Vorderen Orients, die zwar ungewohnt, aber hoch interessant und mit einem ausgezeichneten Schlagwerkregister die Stadthalle erfüllten. Die Flötenkadenz am Anfang des Stückes ist zwar ausnotiert, soll aber nach dem Willen des Komponisten klingen wie ein „Taksim“. Dabei handelt es sich um ein orientalisches Improvisationsstück, das in seiner musikalischen Freiheit durchaus mit einer Jazzimprovisation zu vergleichen ist. Jutta Spähler zeigte hier an der Querflöte eine super Leistung als Solistin. Auch als Moderatorin zusammen mit dem in seiner Art unvergleichlichen Philipp Dürr wusste sie zu begeistern.

Das Publikum in der nahezu voll besetzten Stadthalle bedankte sich bei der Stadtmusik mit lang anhaltendem Applaus für einen abwechslungsreichen Konzertabend auf hohem Niveau.
Das Publikum in der nahezu voll besetzten Stadthalle bedankte sich bei der Stadtmusik mit lang anhaltendem Applaus für einen abwechslungsreichen Konzertabend auf hohem Niveau. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

„Mein Name ist Bond – James Bond“. Wer kennt diesen Satz nicht? Und natürlich haben auch die Filmmusiken zu den Abenteuern des Agenten im Dienste der englischen Königin ihren Ruhm weg. Mit der Titelmusik zu „James Bond jagt Dr. No“ hat sich Monty Bormann ein Denkmal gesetzt und für John Barry gilt das mit „Goldfinger“ und anderen Filmmusiken, die von der Stadtmusik äußerst abwechslungsreich und technisch ausgezeichnet präsentiert wurden. Besonders gefiel hier Clemens Rosenberger an der Bassgitarre. Ohne sein präzises Spiel hätte dem Stück eine Menge gefehlt.

Die Stadtmusik begeisterte einmal mehr ihr Publikum.
Die Stadtmusik begeisterte einmal mehr ihr Publikum. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Nach der Pause ging es auf den „Mount Everest„. Es war ein musikalisches Abenteuer der besonderen Art, das die Schönheit und das Mysterium des höchsten Berges der Welt auf besondere Art präsentierte. Robuste Bass-Melodien, mitreißende Holzbläser-Passagen und treibende Rhythmen machten die Darbietung zum Erlebnis. Wieder um Filmmusik ging es bei „The Incredibles“ von Michael Giacchino. Der Oscar-Preisträger hat auch Musik für Videospiele geschrieben und liebt Jazz-Elemente, die auch am Samstag unüberhörbar waren. Hermann Kaister brillierte hier mit einem ausgezeichneten Saxophonsolo und das Schlagwerk sorgte mit Marimbaphon und Xylophon für ganz besondere Akzente. „The Power of Music“ hat Komponist Christoph Walter auch zusammen mit dem Heeresmusikkorps 10 aus Ulm eingespielt und die Stadtmusik stand hier den Profis kaum nach.

Julia Spähler und Philipp Dürr sind (von links) als Moderatoren unverzichtbar.
Julia Spähler und Philipp Dürr sind (von links) als Moderatoren unverzichtbar. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Barry Manilows „Copacabana„ brachte Latin-Feeling in die Stadthalle und das Schlagwerk leistete hier ganze Arbeit. Denn ohne den richtigen Rhythmus wäre dieses Stück mit den dominanten Blechbläserpassagen nur die halbe Miete gewesen. Mit „Baba Yeti“ als Zugabe empfahl sich Stefan Rehm sehr positiv als Dirigent. Er wir im kommenden Jahr die C-Ausbildung antreten. Mit dem Weihnachtsklassiker „White Christmas“ verabschiedete sich die Stadtmusik dann vom begeisterten Publikum. Da gab es nur zufriedene Gesichter. Kein Wunder. Dieses Konzert dokumentierte einmal mehr den hohen Leistungsstand der Kapelle unter der Leitung von Thomas Stöhr.

Das Publikum in der nahezu voll besetzten Stadthalle bedankte sich bei der Stadtmusik mit lang anhaltendem Applaus für einen abwechslungsreichen Konzertabend auf hohem Niveau.
Das Publikum in der nahezu voll besetzten Stadthalle bedankte sich bei der Stadtmusik mit lang anhaltendem Applaus für einen abwechslungsreichen Konzertabend auf hohem Niveau. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

„Nachholbedarf bei der Akzeptanz“

Willi Lutz ist Bezirksdirigent im Bezirk III des Kreisblasmusikverbandes Sigmaringen.

Wie sehen Sie den Stellenwert der Blasmusik im Landkreis?

Durchaus etwas unterrepräsentiert im Vergleich zu Biberach und Ravensburg. Das betrifft nicht das musikalische Niveau, sondern die Akzeptanz in der Bevölkerung. Da haben wir Nachholbedarf. In der Qualität sind wir gut. Das sieht man an der Stadtmusik.

Im Landkreis formieren sich immer mehr Brassband. Gehen die den Musikvereinen verloren?

Es gibt Leute, die nur für die Musik leben. Denen sind die Auftritte mancher Musikkapellen zu wenig.

Liegt es auch am Musikstil?

Das kann man so nicht sagen. Viele Blaskapellen spielen anspruchsvolle Polkas und konzertante Stücke. Die Qualität der ist unheimlich gestiegen. Aber in einem Festzelt braucht man eben auch unterhaltsame Stücke. Da ist das Böhmisch-Mährische derzeit sehr beliebt. Das kommt bei den Menschen an. Da ist nichts einzuwenden.

Fragen: Karlheinz Fahlbusch

Nicht nur mit Noten aktiv

Man kann sich darüber streiten, ob Ehrungen von verdienten Musikern in einem Jahreskonzert richtig angesiedelt sind. Die Verantwortlichen selbst werden die Frage mit einem klaren „Ja“ beantworten. So auch Bezirksdirigent Willi Lutz bei der Auszeichnung von zwei Frauen und drei Männern, die sich seit insgesamt 90 Jahren in den Dienst der Stadtkapelle gestellt haben. Und nicht nur das: „Sie haben bewiesen, dass das Miteinander und das Einfügen in eine Gemeinschaft auch dem Gemeinwohl zu Gute kommt“, wie Lutz feststellte. Für ihn sind die örtlichen Musikvereine eine große Stütze im Leben der Gemeinden und durch ihre Präsenz bei vielen Gelegenheiten schlichtweg unverzichtbar. Deshalb seine eine öffentliche Ehrung eine besondere Art des Dankeschöns.

Mit der Bronzenen Ehrennadel des Blasmusikverbandes zeichnet er Flötistin Maren Schmid (sie ist auch aktiv im Ausschuss und eine große Hilfe für den Kassierer) und Nico Hammer (der Schlagwerker gilt als zuverlässig, engagiert und hilfsbereit) aus. Die Silberne Ehrennadel ging an Flötistin Julia Wellan (sie auch im Ausschuss als Schriftführerin aktiv und übernimmt gerne Verantwortung) und Bassposaunist Stefan Rehm, der nach zwei Jahren Pause wieder aktiv im Ausschuss tätig ist. Er bildet sich zum Dirigenten weiter. Ein „Musikant, der bei jeder Arbeit unterstützt“, ist laut der Vorsitzenden Roswitha Hoffmann Posaunist Michael Molle. Und das nun schon 30 Jahren. Dafür gab es die Goldene Ehrennadel mit Urkunde. Molle ist seit 2014 auch im Ausschuss tätig. (kf)

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