Wenn man heute an Erdöl denkt, dann erscheinen vor dem geistigen Auge Länder wie Saudi-Arabien, Iran oder die USA. Vor rund 55 Jahren hätte man da vielleicht auch an den Linzgau gedacht. Denn hier wurde Öl gefördert. Nicht mit so riesigen Fördertürmen, wie man sie aus Texas kennt, sondern mit Pumpen, die an einen Hammer erinnerten. Und ein echter "Hammer" war es auch, als die ersten Liter Erdöl ans Tageslicht kamen.

Industriegeschichte ohne große Hinterlassenschaften

So mancher Pfullendorfer hoffte auf den großen Öl-Boom. Der ging zwar am Linzgau vorbei, doch gefördert wurde viele Jahre. Was 1962 begann, das endete 1997. Und damit auch ein Stück Industriegeschichte, an die man kaum noch denkt, weil keine großen Hinterlassenschaften zu sehen sind und keine einschneidenden Veränderungen in der Landschaft. Wer es nicht weiß, der würde nie daran denken, dass in Pfullendorf einmal Erdöl gefördert wurde.

Kesselwagen transportierten Fracht nach Ingolstadt

Damals gab es in Pfullendorf noch die Eisenbahn und deshalb auch den Bahndamm in Richtung Aach-Linz. Etwa auf der Höhe, wo heute die neue Zufahrt von der Franz-Heilig-Straße zu Geberit abzweigt, war die Verladestation für das Erdöl, das mittels einer Leitung von der Betriebsstätte im heutigen Gewerbegebiet Mengener Straße zur Bahnverladung gepumpt wurde. Dort standen dann Kesselwagen, die mit ihrer Fracht nach Ingolstadt in eine Raffinerie fuhren. 17 000 bis 18 000 Kubikmeter der wertvollen Fracht wurden pro Zugladung abtransportiert.

Aus dem Erdöl wurden Diesel und Benzin

Aus dem Erdöl aus Pfullendorf wurde Diesel und Benzin hergestellt. Der Bahndamm ist vor noch gar nicht so langer Zeit abgetragen worden, die Schienen fehlten schon länger. Und damit auch das Gleis, wo die Kesselwagen auf ihre wertvolle Fracht warteten.

18 Förderstellen für das "schwarze Gold"

Eine alte Pumpe, die gleich nach dem Kreisverkehr Richtung Mengen auf der linken Seite vor der Firma Waldvogel steht, erinnert an die Zeiten, als auch im Linzgau und in Oberschwaben „schwarzes Gold“ gefördert wurde. Von 1962 bis 1997 wurden in Pfullendorf und dessen Umgebung an 18 Förderstellen 391 000 Tonnen Erdöl und 116 Millionen Kubikmeter Erdgas gefördert. Das Vorkommen begrenzte sich auf eine sieben Kilometer lange und etwa 600 bis 2000 Meter breite Stubensandsteinformation, die sich von Südwest nach Nordost zog.

Leitungen überwanden etliche Kilometer und Höhenmeter

An vielen Stellen verrichteten die mächtigen Pferdekopfpumpen ihre Arbeit. Im Waldgebiet Weithart zwischen Mottschieß und Mengen waren sie ebenso zu finden wie bei Zell und Schwäblishausen. Rund um die Uhr wurde die wertvolle Flüssigkeit der Erde entnommen und dann mittels spezieller Leitungen zum Betriebsgelände gepumpt. Das war gar nicht so einfach. Denn es mussten etliche Kilometer und Höhenmeter überwunden werden. Und sowohl Leitungen als auch Pumpen mussten ständig überwacht werden. Denn ein Defekt hätte zu einer Umweltkatastrophe führen können.

Auch Geberit mit Ölgas beliefert

1962: Hier wurde das Erdöl aus dem Andelsbachtal in großen Behältern aufgefangen und abtransportiert. Das entstandene Ölgas ging an mehrer Abnehmer in der Umgebung, so auch den Sanitärhersteller Geberit. Dort kommt auch heute noch Gas zum Einsatz. Es stammt zum Teil auch aus der Biogaserzeugungsanlage in Hahnennest.
1962: Hier wurde das Erdöl aus dem Andelsbachtal in großen Behältern aufgefangen und abtransportiert. Das entstandene Ölgas ging an mehrer Abnehmer in der Umgebung, so auch den Sanitärhersteller Geberit. Dort kommt auch heute noch Gas zum Einsatz. Es stammt zum Teil auch aus der Biogaserzeugungsanlage in Hahnennest. | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

Auf dem Betriebsgelände auf der Anhöhe musste das Erdöl zunächst einmal aufbereitet werden, weil der Wassergehalt noch zu hoch war. Dieser Prozess wurde zweimal durchlaufen. Ein Nebenprodukt war das Ölgas, das teilweise abgefackelt wurde. Die Flamme konnte man in der Nacht schon von Weitem sehen. Heutzutage ist es das beleuchtete Obertor, dass die Stadt auch aus größerer Entfernung markiert. Ölgas ging auch mittels einer speziellen Leitung zu Geberit. Das Unternehmen ist noch heute an das Gasnetz angeschlossen. Allerdings kommt jetzt Erdgas aus der Leitung und auch Biogas aus dem Energiepark Hahnennest.

Zwei Gewerkschaften für Förderung zuständig

1962: Die Förderpumpen gehörten den Gewerkschaften Elwerath und Brigitte. Deren Anteile waren im Besitz von Wintershall, Esso und der Deutschen Shell. Sie gehörten zu den größten Energiekonzernen in Deutschland und wollten sich das große Geschäft mit dem "schwarzen Gold" nicht entgehen lassen.
1962: Die Förderpumpen gehörten den Gewerkschaften Elwerath und Brigitte. Deren Anteile waren im Besitz von Wintershall, Esso und der Deutschen Shell. Sie gehörten zu den größten Energiekonzernen in Deutschland und wollten sich das große Geschäft mit dem "schwarzen Gold" nicht entgehen lassen. | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

Für die Förderung waren zwei Gewerkschaften zuständig. So heißen nämlich nicht nur Arbeitnehmervertretungen, sondern auch Unternehmen, die im Bergbau tätig sind. In Pfullendorf waren es Elwerath und Brigitta, die sich der Erdölförderung verschrieben hatten. Beide gehen auf eine Bergbau-Konzession zurück. Im Jahr 1866 erhielt Bergwerksdirektor Theodor Stein das Bergwerkseigentum auf Eisenerz in der Gemeinde Elwerath.

Erdölgewinnung kam nach zweitem Weltkrieg in Fahrt

1911 verkaufte er das Bergwerk an Ernst und Ewald Giebeler aus Siegen, die aus dem Bergwerk eine Gewerkschaft machten. Sie schlossen mit der Preußischen Staatsforstverwaltung einen Erdölgewinnungsvertrag über 30 Jahre in Brand bei Nienhagen. Im Jahr 1922 kam dann er erhoffte Erfolg. Im Laufe der Jahre weitete Elwerath das Aktionsgebiet deutlich aus. So richtig in Fahrt kam man dann nach dem zweiten Weltkrieg.

Shell und Esso beteiligt

1951 änderten sich die Eigentumsverhältnisse in der Gewerkschaft Elwerath. Die Wintershall AG besaß nun 34 Prozent der Anteile, die Deutsche Shell AG und die Esso AG jeweils 11,5 Prozent und die Familiengruppe Seifer noch 23 Prozent. Die Wintershall AG und die Familiengruppe Seifer verkauften 1966 ihre Anteile an die Deutsche Shell AG und die Esso AG, die damit je zur Hälfte Alleinbesitzer des Unternehmens wurden.

Anfang der 60er Jahre Fördergebiet auf Süddeutschland ausgedehnt

Mit der Zusammenführung der Gewerkschaft Elwerath mit der Gewerkschaft Brigitta wurde das Fördergebiet auf Süddeutschland ausgedehnt. So kam auch Pfullendorf in den Ruf einer Erdölstadt. Das hier gefundene Erdöl stammt übrigens aus dem Mesozoikum. Dieses Erdzeitalter begann vor etwa 252,2 Millionen Jahren und endete vor etwa 66 Millionen Jahren.

Überlegungen, Förderung wieder aufzunehmen

In den vergangenen Jahren gab es verschiedentlich Überlegungen, die Förderung von Erdöl wieder aufzunehmen. Dabei wurde auch die Möglichkeit des Fracking diskutiert, eine Methode, die in den USA oft angewendet wird, in Deutschland aber aus Gründen des Umweltschutzes keine Akzeptanz in der Bevölkerung genießt. Das Thema ist mittlerweile wieder aus der Diskussion verschwunden. In Pfullendorf gibt es keinen Hunger nach dem Rohstoff Erdöl mehr. Die Stadt hat sich zum Industriestandort entwickelt.

"Die Anlagen waren ständig in Betrieb"

Hermann Riester (84) war viele Jahre in der Erdölförderung tätig.

Der 84-jährige Hermann Riester war viele Jahre in der Erdölproduktion in Pfullendorf tätig.
Der 84-jährige Hermann Riester war viele Jahre in der Erdölproduktion in Pfullendorf tätig. | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

Was war Ihre Tätigkeit?

Die war sehr vielfältig. Ich musste mich auf dem Betriebsgelände um alles kümmern, damit es keine Störungen gibt. So auch die Sammelbehälter überwachen, wo das Erdöl aus den verschiedenen Zuleitungen konzentriert wurde. Wichtig war auch, die Pumpen und alle benötigten Maschinen zu überwachen.

Wie sahen denn die Arbeitszeiten aus?

Es wurde rund um die Uhr gearbeitet, denn die Anlagen waren ja ständig in Betrieb. An Werktagen dauerte eine Schicht acht Stunden, am Sonntag zwölf Stunden. Gearbeitet wurde immer sieben Tage am Stück. Dann hatte man drei Tage frei und wechselte danach in eine andere Schicht. Urlaub gab es natürlich auch.

Wie groß war die Belegschaft?

Wenn ich mich richtig erinnere, dann waren wir zu meinen Zeiten 16 Mann. Mehr Leute wurden auch nicht gebraucht, da viele Dinge ja automatisch abgelaufen sind.