Aus für landwirtschaftliche Klasse droht

Der Landkreis investiert viele Millionen Euro in das Berufsschulwesen und errichtet für 60 Millionen Euro einen Neubau für die marode Bertha-Benz-Schule am Standort Sigmaringen. Möglicherweise wird der Nachwuchs eines Jahrtausende alten Berufsstandes nicht mehr in den Genuss der verbesserten Infrastruktur kommen, denn die Landwirtschaftsklasse steht vor dem Aus. Aktuell werden nur elf Auszubildende unterrichtet, darunter drei junge Frauen, und es liegen nur vier Anmeldungen für das neue Schuljahr vor. Wenn die Klasse drei Jahre in Folge die Regelstärke von 16 Schülern unterschreitet, dann wird die Berufsschule geschlossen. So erging es vor Jahren schon dem Metzgerhandwerk, und im vergangenen Jahr wackelte die Bäckereiklasse.

Negatives Renommee

Alle handwerklichen Berufe haben enorme Nachwuchssorgen, weiß Clemens Schäfer, der mit Tochter Katja in Neubrunn einen Schweinzucht- und mastbetrieb betreibt, und etwa 100 Hektar Fläche bewirtschaftet. Schäfer unterrichtet seit 32 Jahren angehende Landwirte in der Schule, und hat quasi etliche Generationen von Jungbauern geprägt. Er macht sich Sorgen um den Berufsstand, dem es an Nachwuchs mangelt und dessen Renommee sich in den vergangenen Jahren negativ entwickelt hat. Zwar werde die Kulturlandschaft immer bearbeitet werden, ist er überzeugt, dass nach der Aufgabe von kleineren und mittleren Höfen die verbleibenden Großbetriebe die frei werdenden Flächen bewirtschaften. Betriebswirtschaftlich machten größere Schläge durchaus Sinn, sagt Schäfer, dass er bei der Bewirtschaftung 20 Prozent weniger Zeit benötige, wenn es sich um ein zusammenhängendes Feld handle und nicht um mehrere Einzelflächen.

Auszubildende finden Beruf cool

Viele Leute in seinem Freundes- und Bekanntenkreis hätten keine Beziehung mehr zur Natur, bestätigt Pablo Oehler, Berufschüler im ersten Lehrjahr. "Sie verstehen die Landwirtschaft nicht mehr und haben alte Bilder vom Leben und Arbeiten auf einem Bauernhof im Kopf", ergänzt der 17-Jährige aus Mössingen, dass etliche Alterskollegen sich die Werbeklischees über das Bauernleben angeeignet hätten. Sein Alterskollege Rick Schuler, der aus Hechingen-Schlatt einmal wöchentlich nach Neubrunn pendelt, stammt als Einziger der Drei von einem Bauernhof, und hatte von Klein auf mit Tieren, Technik und Natur zu tun. "Mir gefällt der Beruf, und die Arbeit", nimmt der 17-Jährige den langen Weg in die Schule nach Sigmaringen ohne Murren auf sich. Die nächste Berufsschule ist in Herrenberg: "Das wäre gleich weit", nimmt es der junge Mann gelassen.

"Vielseitigkeit macht Spaß"

Levin Huber kommt aus Benzingen, und hat schon als Kind beim Nachbarn auf dem Bauernhof mitgeholfen. Er ist sichtlich zufrieden mit seiner Berufswahl und hat Freude an der Vielseitigkeit. "Landwirt ist nicht nur ein Beruf, sondern es sind sieben Berufe in einem", bestätigt Katja Schäfer. Die 35-Jährige hat ihren Entschluss, Landwirtin zu werden nie bereut. Wie ihr Vater Clemens ist sie auch als Lehrkraft an der gewerblichen Schule tätig und vermittelt als Angehörige der jungen Bauerngeneration ihren jüngeren Schülern das notwendige Know-how, wie ein Hof wirtschaftlich überlebensfähig bleibt. In der aktuellen Berufsschulklasse werden elf angehende Landwirte unterrichtet, darunter drei junge Frauen, die wie Katja Schäfer diesen besonderen Beruf lieben. Das erste Jahr ist Vollzeitunterricht angesagt, wobei an vier Tagen Theorie unterrichtet wird und es einen Praxistag gibt, der auf dem Hof von Schäfers stattfindet. Im zweiten und dritten Lehrjahr absolvieren die Nachwuchslandwirte vier Fünftel ihrer Zeit auf dem Hof, und einen Tag, in der Berufsschule.

Extreme Preisschwankungen

Die Schäfers haben ihren Weg, sprich ihre Nische, gefunden. Sie betreiben ihren Schweinebetrieb als geschlossenes System. Sie halten rund 80 Muttersauen, übernehmen die Aufzucht der Ferkel und die Vermarktung ihrer jährlich 1500 Mastschweine selbst. Als Kooperationspartner haben sie eine Metzgerei in Konstanz gefunden, die großen Wert auf die artgerechte Tierhaltung legt. So sind die Schweine in Neubrunn nicht eingepfercht, sondern die Tiere haben eine Auslauffläche ins Freie.

Verlässliche Kooperation

Selbstverständlich ist für Katja und Clemens Schäfer, dass sie beispielsweise kein genverändertes Futter verwenden. Dank dieser Zusammenarbeit und der ganzheitlichen Produktion hat der Hof verlässliche Grundbedingungen, was das Einkommen angeht. Andere Erzeuger, wie die Getreidebauern, kämpfen mit extremen Preisschwankungen. Trotz der Trockenheit im vergangenen Sommer bekommen die Landwirte für 100 Kilogramm Getreide lediglich 15 Euro. Vor drei, vier Jahrzehnten gab es für den Doppelzentner schon 40 bis 50 DM. Extrem erhöht haben sich indessen die Pachtpreise für landwirtschaftliche Flächen. In der Vergangenheit waren ein bis zwei Euro je Aar, also 100 Quadratmeter, noch üblich und damit 100 bis 200 Euro je Hektar. In den vergangenen Jahren explodierten die Preise, besonders mit dem Aufkommen der Biogasbetriebe auf bis zu 600 Euro.