Erhalten Kunden in der Apotheke das verordnete Medikament nicht sofort, liegt dies meist nicht am Apotheker. Laut einer Untersuchung der Apothekergenossenschaft Noweda waren im Zeitraum von Juni bis August 2216 verschreibungspflichtige Arzneimittel in Deutschland durchgehend nicht lieferbar. Die Gründe verortet die Genossenschaft bei Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen.

Aktuell 246 gängige Lagerartikel nicht lieferbar

Immer öfter müssen auch Apotheker Rainer Hinger von der Central Apotheke und seine Mitarbeiter Kunden auf andere Arzneimittel verweisen als die, die ihnen der Arzt verordnet hat. Mitarbeiterin Patricia Krumm sagt nach einem Blick auf den Computer: „Aktuell sind 246 gängige Lagerartikel nicht lieferbar. Da vergeht einem der Spaß, wenn man nur am Suchen und Recherchieren ist.“ Die Apotheker sprechen in diesem Fall von einem „Defekt“. Von den Lieferschwierigkeiten sind nicht nur die Hauptapotheke, sondern auch die beiden Pfullendorfer Apothekenfilialen betroffen.

Rainer Hinger von der Central Apotheke Pfullendorf zeigt seine vielen leeren Schubladen im Apothekerschrank.
Rainer Hinger von der Central Apotheke Pfullendorf zeigt seine vielen leeren Schubladen im Apothekerschrank. | Bild: Sandra Häusler

Vor-Ort-Apotheken unter Druck

Tag für Tag kämpfen 19 268 Vor-Ort-Apotheken darum, die Versorgung der Patienten in Deutschland trotz dieser Lieferengpässe sicherzustellen. Im Schnitt alle 31 Stunden muss eine Vor-Ort-Apotheke aufgeben und für immer schließen: Das geht aus dem Wirtschaftsbericht 2019 des Deutschen Apothekerverbandes hervor.

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Rainer Hinger berichtet, Lieferschwierigkeiten habe es bereits vor zwei Jahren bei Schilddrüsenpräparaten gegeben. Seit Herbst 2018 hätten sich die Lieferengpässe ausgeweitet. Vor allem bei Bluthochdruckmitteln einer Wirkstoffklasse, gängigen Schmerzmitteln, diversen Antidepressiva und Antiepileptika, Antibiotika, und Diuretika mit einem bestimmten Wirkstoff sei der „Markt komplett leer“, so Hinger.

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Weniger Zeit für Kundenberatung

Ist ein bestimmtes Präparat in der Apotheke nicht vorrätig, fragen der Apotheker und seine Mitarbeiter zunächst beim Großhändler nach, dann bei der Lieferfirma. Diese Nachfragen sind jedoch sehr zeitintensiv und gehen von der Beratungszeit für andere Apothekenkunden ab: „Wir suchen mittlerweile länger im Computer als wir Kontakt zum Kunden haben“, bedauert die pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA) Birgit Schepsky.

Ist die verschriebene Arznei nicht erhältlich, klären die Apothekenmitarbeiter mit dem verschreibenden Arzt, welche Alternativmittel herausgegeben werden können. „Irgendeine Lösung müssen wir finden“, unterstreicht Hinger.

Apothekenmitarbeiter bekommen Ärger der Kunden ab

Während einige Kunden Verständnis zeigten, seien andere einfach nur verärgert. „Wir sind die, die den Ärger abbekommen, wir sind das letzte Glied in der Kette“, bedauert der Apotheker. Er könne verstehen, dass Alternativmittel bei Kunden für Verwirrung sorgen. Durch Rabattverträge der Krankenkassen mit den Herstellern wechsle das Präparat in der Regel ohnehin alle ein bis zwei Jahre.

Medikamentenhersteller von Wirkstoffproduzenten im Ausland abhängig

90 Prozent aller Wirkstoffe von Arzneimitteln werden aus Kostengründen nicht mehr in Deutschland, sondern überwiegend in Asien, Indien und China hergestellt. „Die Hersteller in Deutschland und Europa sind auf diese Wirkstoffe angewiesen“, wird Vizepräsident Christoph Gulde vom Landesapothekerverband Baden-Württemberg in einer Pressemitteilung zu diesem Thema zitiert. Komme es bei den Vorlieferanten zu Ausfällen, beispielsweise aufgrund von Produktionsschwierigkeiten, könnten entsprechende Arzneimittel nicht produziert werden und fehlen in den Apotheken.

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Auch der globalisierte Markt wirke sich auf Arzneimittel aus. Unterschiedliche Preisbildungssysteme in Europa und darüber hinaus könnten bewirken, dass Arzneimittelhersteller oder Zwischen- und Großhändler die Ware eher ins Ausland als nach Deutschland liefern, weil dort höhere Preise erzielt werden können, erklärt Gulde.

Apotheke erhält statt 20 Präparaten im Monat nur drei

Viele gängige Artikel seien zudem mittlerweile kontingentiert, fügt Apotheker Rainer Hinger an. Benötige er pro Monat 20 Stück eines Präparats, erhalte er nur noch drei Artikel. „Wie versorgen wir die restlichen Patienten?“, fragt er sich.

„Die deutschen Apotheken müssen sich an die Gesetze halten, an die Rabattverträge und sind verpflichtet, die Rezeptgebühr zu kassieren und abzuführen“, beklagt er und ist überzeugt: Versandapotheken im Ausland kümmere das nicht.

Besonders ältere Kunden schätzen persönliche Beratung

Bei der Frage, was man gegen die aktuellen Versorgungsengpässe unternehmen könne, sieht er die Politik in der Pflicht: „Apotheker ist ein schöner Beruf, wird aber durch solche Hindernisse verleidet.“ Das Apothekenpersonal habe auch eine soziale Funktion. Diese sei vor allem für ältere Kunden enorm wichtig.

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Die Apothekenmitarbeiter seien Ansprechpartner bei den unterschiedlichsten Gesundheitsfragen. Nicht umsonst laute der bekannte Spruch am Ende von Medikamentenwerbungen: „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.“

Tipp: Medikamente frühzeitig verschreiben lassen

Als Rat gibt der Pfullendorfer Apotheker seinen Kunden mit, Arzneimittel rechtzeitig vom Arzt verordnen zu lassen und nicht zu warten, bis man den letzten Rest des Medikaments aufgebraucht hat.