Pfullendorf – So manches Zeugnis der Vergangenheit hat Jahrtausende überdauert. Die Pyramiden in Ägypten, die Maya-Tempel in Mittelamerika oder die geheimnisvollen Riesensteine in Stonehenge. Und immer waren es Menschen, die buchstäblich Hand angelegt haben, um Steine zu formen. Genauer gesagt: Es waren die Steinmetze. "Unser Handwerk ist buchstäblich in Stein gemeißelt", sagen Carola Sonntag und Stephanie Grießhaber schmunzelnd. Sie sind beide Steinmetz und Steinbildhauer mit Meisterbrief und wenn man sich mit ihnen über das Thema "Stein" unterhält, dann merkt man sehr schnell: Was für den Laien ein kaltes und eigentlich unsympathisches Material ist, das ist für die beiden Frauen etwas, das sich vielfältig bearbeiten lässt und das vor allem bestens geeignet ist, die Vergänglichkeit des Lebens in eine dauerhafte Erinnerung zu verwandeln.

Berufswahl nie bereut

Schwerpunkt des Handwerksbetriebs, der seinen Standort gegenüber des Pfullendorfer Friedhofs hat, ist die Grabgestaltung. "Ich bin lieber in der Werkstatt als am Schreibtisch", sagt die 51-jährige Sonntag, die aus Vogt stammt und 1997 den Betrieb von Josef Bräg übernommen hat. Sie wollte eigentlich Kunst studieren. Ihre Bewerbungsmappe für die Hochschule hatte sie schon fertig. Nun sollte sie noch ein mehrmonatiges Praktikum in einem Handwerksbetrieb machen. Sie fragte dann bei einem Steinmetz nach. "Der ließ mich machen. Ich hatte wirklich freie Hand", erinnert sie sich. Aus dem Studium wurde dann nichts. Der Meister nahm sie als Lehrling und später auch Gesellin. Bereut hat sie ihre Berufswahl nie.

Das gilt auch für ihre Kollegin Stephanie Grießhaber, die in Pfullendorf Abitur gemacht hat und nur einen vagen Ansatz hatte: Etwas Handwerkliches fand sie nicht schlecht und kreativ sollte es auch noch sein. "Holz kam mir sehr entgegen. Das ist leicht zu bearbeiten", sagt sie. Sie absolvierte zunächst ein Praktikum bei einer Möbelrestauratorin und danach bei einem Steinmetz – und fand ihre Berufung. Die heute 39-Jährige erinnert sich noch gut daran, dass es in einer Männergesellschaft wie dem Steinmetzhandwerk nicht so einfach war für eine Frau. Aber: "Wenn man beweist, dass man was kann, dann kommt man bei den Steinmetzen gut durch", hat sie mittlerweile festgestellt.

Kunde kam extra aus München

Und dass die beiden Handwerksmeisterinnen etwas von ihrem Metier verstehen, das haben sie schon mehrfach bewiesen. Sogar aus München kam mal ein Kunde, weil die dortigen Betriebe nicht in der Lage waren, einen Grabstein nach seinen Vorstellungen zu fertigen. Es war dann ein Werk aus Stein und Glas mit einer ganz besonderen Bildgebung, für die ein kompliziertes Verfahren nötig ist. Da mussten gefärbte Glaspigmente zusammengeschmolzen werden. Dafür suchten sich Grießhaber und Sonntag einen Glaskünstler.

Doch das Handwerkliche ist nur eine Seite der Medaille. "Der Stein muss zum Verstorbenen passen", sind Sonntag und Grießhaber überzeugt. Deshalb sei das Gespräch mit den Angehörigen so wichtig. Und möglich ist eigentlich alles. Wichtig ist: Die Pietät muss gewahrt bleiben. Manche Angehörige machen sich sehr viel Mühe, kommen mit Handyfotos von Grabsteinen, die sie irgendwo gesehen haben oder äußern ganz besondere Wünsche. So arbeiten die beiden Frauen gerade an einem Grabstein für einen verstorbenen Förster. Es ist der Wunsch seiner Frau, dass ein Hirschgeweih auf Sandstein kommen soll. "So etwas gibt es natürlich nicht aus dem Katalog", sagt Sonntag.

Stephanie Grießhaber (links) mit einem Krönel und Carola Sonntag mit einem Flächenbeil: Auch traditionelles Werkzeug wird immer wieder benötigt.
Stephanie Grießhaber (links) mit einem Krönel und Carola Sonntag mit einem Flächenbeil: Auch traditionelles Werkzeug wird immer wieder benötigt. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

"Das ist ökologischer Schwachsinn"

Es gibt Kataloge mit fertigen Grabsteinen, die dann preiswert in Indien gefertigt werden. Stephanie Grießhaber findet das "total daneben". Nicht nur, dass da oft Kinderarbeit ins Spiel komme, es sei doch ökologischer Schwachsinn, dass man Grabsteine aus Indien nach Europa holt. Zudem könne es dann vorkommen, dass identische Steine, nur mit unterschiedlichen Inschriften, auf einem Friedhof stehen. "Das geht gar nicht", sagen die beiden Meisterinnen. Denn jeder Grabstein sei eine ganz persönliche Erinnerung, die die Einzigartigkeit des Verstorbenen und die Verbindung über den Tod hinaus zum Ausdruck bringen soll. Erinnerungen könne man nicht kopieren.

In Pfullendorf gibt es für jeden Grabstein einen gezeichneten Entwurf, der dann, nach Absprache mit den Angehörigen, realisiert wird. Meistens übrigens mit Steinen aus Deutschland oder Europa. Granit, Kalkstein und Sandstein sei auch hier verfügbar. Übrigens können alte Steine auch umgearbeitet werden.

Am Arbeitsprinzip hat sich in den Jahrtausenden nichts verändert. Allerdings haben sich die Werkzeuge weiterentwickelt. War in der Antike noch Schlag für Schlag mit dem Hammer auf einen Meißel nötig, so erleichtert heute ein mit Pressluft getriebener Hammer mit integriertem Meißel die Arbeit. "Trotzdem muss man die Arbeit mit Hammer und Meißel immer noch beherrschen. Bei besonders feinen Arbeiten braucht man sie noch", wissen Carola Sonntag und Stephanie Grießhaber.

Steinmetz/Steinbildhauer

In Deutschland gibt es im Steinmetzhandwerk rund 5100 Unternehmen mit etwa 11 000 Mitarbeitern. 1400 Betriebe sind Ein-Mann-Firmen. Im Jahr 2016 wurden 769 Nachwuchskräfte ausgebildet. Derzeit sind 2000 Mitgliedsbetriebe in bundesweit rund 84 Innungen in 17 Landesinnungsverbänden im Bundesverband deutscher Steinmetze organisiert. Das Tätigkeitsfeld reicht von der Gestaltung von Grabmalen über die Landschafts- und Denkmalpflege bis zu Restaurierungsarbeiten. Das Oberlandesgericht Celle hat einem Urteil im Jahr 2016 entschieden, dass ein Dienstleister nur dann mit den Begriffen "Steinmetz und Steinbildhauer" werben darf, wenn er auch in der Handwerksrolle eingetragen ist. (kf)