Pfullendorf – Lüül und Band im Moccafloor, das ist ja fast ein Heimspiel. Dabei liegt ihr erstes Gastspiel schon über ein Jahr zurück. Die Lokalität ist gerammelt voll, über 100 Leute wollen die vierköpfige Combo aus Berlin mit ihrer keineswegs aufgesetzten Fröhlichkeit sehen. Manche Lieder sind von einfühlsamer Melancholie getragen, sie finden locker und leicht in die Gehörgänge, insbesondere wenn sie rebellisch und kraftvoll sind. Nach jedem Song brechen wahre Begeisterungsstürme los, so manchem ist es zum Juchzen zumute. Eine Lady aus Liggersdorf hält es nicht auf dem Sitz, sie hüpft, vor allem wenn es heftig groovt und swingt beim "hey hey dapp daduba", das ganz schön in die Unterleibsregionen geht. Selbst der schmissig gespielt-besungene "Untergang" ruft allergrößte Heiterkeit hervor.

„Die Bude ist voll, alle sind happy, das gefällt uns natürlich“, sagt Lüül, der sehr gern die Einladung des Pfullendorfer Kulturbeauftragten André Heygster angenommen hat. Mit Gitarre, Mandoline und einem ganz eigenen Gesangstil kommt er im Auditorium bestens an. Mit seinen humorvoll erzählten Anekdötchen greift er selbstironisch Allüren und Spleens von sich und anderen auf, um so das nächste Stück anzukündigen. Das Publikum ist amüsiert. Mit den meisten seiner Bandkollegen spielt er seit fast 15 Jahren zusammen. Direkt aus Leipzig sind sie angereist: Kerstin Kaernbach (Geige, Flöte und singende Säge), Kruisko (Akkordeon) und Daniel Cordes (Kontrabass).

Sie haben einen neuen Tonträger „Wanderjahre“ mitgebracht, der sich thematisch mit der gesamtdeutschen Vergangenheitsbewältigung beschäftigt. Lüül ist sehr gerne Berliner, die Hauptstadt sei ein richtiger Magnet für die ganze Welt geworden, erzählt er im Gespräch mit dem SÜDKURIER. Im Song "Westberlin", den er zum Anlass des 25. Jahrestags des Mauerfalls geschrieben hat, gelingt es ihm, in grandioser Manier und urwitzigem Text temposcharf durch die geschichtlichen Höhepunkte dieser eingemauerten Stadt zu galoppieren.

Lüül – das ist mit bürgerlichem Namen Lutz Ulbrich, den Künstlernamen verdankt er wohl seiner Schwester, die neben der Namensverballhornung auch Amon Düül miteinfließen ließ, jene kultige Kommunarden-Rockband der 1960er Jahre, die den libertären Weg von improvisationsgeprägter künstlerischer Freiheit eingeschlagen hatte und mit der er selbst mal in der Kommune I musizierte. Der 63-Jährige ist Sänger, Gitarrist, Texter und Komponist, eben alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. In Berlin-Charlottenburg hat er die Welt erblickt und fühlte sich schon früh von den Beatles inspiriert, „Roll over Beethoven“ war sein absoluter Favorit. So wusste er schon mit zehn Lenzen ganz genau, dass er mal Berufsmusiker werden will. Mit zwölf lernte er klassisches Gitarrenspiel. Erste Erfahrungen sammelte er als Mitbegründer der progressiven Rockband Agitation Free. Dann schloss er sich Ash Ra Tempel an, die Speerspitze des Krautrocks mit ihren psychedelischen Schwingungen, wo Manuel Göttsching, sein Kumpel aus Jugendtagen mitwirkte. Mit beiden Formationen geht er übrigens noch heute auf Tour. Durchschlagenden Erfolg erntete er mit den 17 Hippies, mit ihnen bereiste er tourfreudig die ganze Welt.

Zudem verbuchte er mit der eingängigen Popnummer „Morgens in der U-Bahn“ einen unverhofften Neue-Deutsche-Welle-Hit. In den 1980ern beweist er seine kompositorischen Fähigkeiten beim Rocktheater Reineke Fuchs. „Ich bin schon auf vielen Pfaden gewandelt und auf vielen Pferden geritten“, schmunzelt er. Gern lässt er sich auch zu seiner längeren Liaison mit Nico, der berühmten Grande Dame der experimentellen Rockband von Velvet Underground, befragen. Ihr war er als Straßenmusiker in Frankreich erstmalig begegnet und begleitete die von namhaften Rockmusikern begehrte Frau mehrere Jahre lang auf Tournee, als „Gitarrist und Lover“ – versteht sich.

Ja, und unter die Autoren gegangen ist er auch. Seine Autobiografie ist längst vergriffen. Die überarbeitete Neuauflage, sein jüngstes Werk trägt den Titel „Und ich folge meiner Spur“. Hierbei handelt er neben seinem spannungsreichen Musikerleben auch seine wilde, exzessive Drogenzeit ab, über anderthalb völlig zugedröhnte Jahre. Aber er hat die Kurve gekriegt. Lüul sagt von sich selbst, dass er gute Gene besitzt und eine junge Frau, Daniela Graf, die ihn auf Trab hält.

Vier Zugaben fordern die Zuhörer von Lüül und seiner Band beim fast dreistündigen Konzert im Moccafloor ab, den von ihnen besungenen Tourkoller, Titeltrack ihres Albums von 2011, haben sie hier nicht gekriegt.