Sie jucken in ausgelassener Fröhlichkeit, immer hinter der "Narrenbolizei" mit der Schelle her und der Stadtmusik voraus, zu närrischen Klängen durch die Straßen der Altstadt – die Hänsele. Bei Straßen- und den Hemglonkerumzügen sind sie stets parat. Mit ihren farbenfrohen Häsern zählen sie zum festen Inventar der Pfullendorfer Fasnet. Ausgiebig gefeiert werden darf diese Fasnet. Vor genau 90 Jahren, also 1928, ist die Narrengruppe in die damalige Narrenzunft "Narhalla" von 1895 aufgenommen worden, die wiederum Vorgänger der 1948 ins Leben gerufenen Narrenzunft Stegstrecker war.

"Plätz am Fiedla, Plätz am Loch, Hungerleider sind ihr doch!" Mit diesem Rügevers im Pfullendorfer Dialekt wurden die Hänsele von anno dunnemals gehänselt. Weil mit Stoffresten die Löcher am damaligen Stoffanzug geflickt wurden, das Häs bei weitem nicht so fein verarbeitet war wie heutzutage. In den Anfangszeiten bestand das Outfit des Hänsele aus alten Lumpen, die recht billig anzufertigen waren. Wenn sich dieser neckische Narr dann in seinen abgehalfterten Klamotten auf die Straßen wagte, bliesen sie ihm – wie heute noch in Überlingen oder Meßkirch – den Marsch: "Hänsele, du Lumpehund, hoscht it gwisst, dass d'Fasnet kunnt."

Beim ursprünglichen Pfullendorfer Plätzlekleid wirkte die schwarze Farbe dominant, wissen die Zunftgewaltigen. Das Gesicht habe ein schwarzer Lappen aus Seidenstoff bedeckt, mit rot bestickten Ornamenten. So ist es in der Zunftchronik festgehalten und im Zunfthaus ist ein solches Häs im Original erhalten geblieben. Eine Aufnahme um 1900 zeigt Hänsele und Schaaldamen, die in früherer Zeit gern gemeinsam zum Schnurren durch die Lokalitäten gezogen sind.

Das heutige Häs, das die Hänsele tragen, gilt als absolut edel. Über 1200 gleichmäßig geschnittene und angenähte Filzplätzle in 14 verschiedenen Farben zieren das Häs und die Hose, wobei die schwarze Farbe immer noch überwiegt. Die Maske ist eine Stoffhaube mit in den Stadtfarben Rot-Weiß gehaltenen Plätzchen besetzt. Auf der Haube sind Glöckchen angebracht, die beim Jucken munter bimmeln.

Ein wichtiges Utensil für den Hänsele ist die "Saubloter", hochdeutsch die Schweinsblase, vom "Fasnetspapst", dem Professor Werner Mezger, beim Narrentreffen in Bad Waldsee als "etwas anrüchig" umschrieben. Ihr historischer Ursprung liegt darin, dass früher direkt vor der Fastenzeit noch einmal geschlachtet und richtig gut gegessen wurde. Denn während der Fastenzeit war das Schlachten von der katholischen Kirche strengstens untersagt. Nachgesagt wird der Saubloter auch eine Art Fruchtbarkeitssymbol. Welche Ehre also für den Umzugsbesucher, wenn er von diesem Instrumentarium einen kleinen Schlag auf sein unbedecktes Haupt bekommt.

Beinahe so alt wie Hänselegruppe im Jubiläumsjahr wird, so viele Mitglieder hat sie im Bestand. Steffi Hauck-Schwichtenberg, seit acht Jahren dabei, bringt es auf den Punkt: "In den vergangenen Jahren sind viele Junge hinzu gekommen. Das hat uns gut getan. Wir sind jetzt in jeder Generation bestens vertreten!" Nicht eingerechnet ist der 20-köpfige Narrensamen, der Nachwuchs. Er steht bereits in den Startlöchern, um in zehn Jahren das 100-Jährige zu feiern. Überhaupt organisieren die Hänsele in jedem Jahr den großen Kinderball in der Stadthalle.

Wie die Zunft informiert, dreht sich der diesjährige Malwettbewerb unter den Pfullendorfer Grundschülern der dritten und vierten Klassen um das Geburstagshänsele. Das Siegerbild kürt dann den Fasnetspin für 2019.

 

Hänsele

Sein namentlicher Ursprung liegt im althergebrachten Hans, im Mittelalter ein häufig auftauchender Jungenname. Hänsele, Hansel oder Hänseler sind im ganzen Bodenseeraum als Narrentyp verbreitet. Auf der Baar läuft er mit dem Gretele, er als Weißnaar und sie in der landschaftlichen Tracht. (jüw)

Wer mehr über die Pfullendorfer Hänsele erfahren will, geht auf die Homepage der Stegstrecker im Internet: www.narrenzunft-stegstrecker.de

 

So sahen Hänsele und Schaalweib früher aus – eine Aufnahme um 1900. Bild: Zunftarchiv
So sahen Hänsele und Schaalweib früher aus – eine Aufnahme um 1900. Bild: Zunftarchiv | Bild: Frank Hellstern

"Wir wollen schöne Tradition bewahren"

 

Till Bauer, 49 Jahre alt, ist Hänselechef. Beruflich arbeitet der gelernte Zweiradmechaniker als Versuchsmonteur bei ZF in Friedrichshafen. Er erzählt, was ihn mit der Narretei verbindet.

Herr Bauer, wie sind Sie zur Fasnet gekommen?

Damit bin ich in Pfullendorf aufgewachsen. Für mich hat sich diese Frage nie gestellt, das lief automatisch bis heute im Erwachsenalter. Hauptsächlich geht es für mich um die Bewahrung einer schönen Tradition. Wir sind ja als Hänsele eine der ältesten Figuren in dieser Stadt. Nur die Schneller hatten wohl schon früher eine eigene Gilde gebildet.

Und wann haben Sie sich der Hänselegruppe angeschlossen?

Mit 18 Jahren. Bei und zu Hause gab es ja das Problem, dass mein Vater Hans und mein Bruder Roman sich zuvor den Hexen angeschlossen hatten. Damit es hier zu keiner Clanbildung kommt (lacht), hatte ich mich für die Hänsele entschieden. Und ich bin noch immer dabei und mache als Vollhänsele – das Probejahr zählt bekanntlich nicht – jetzt die 30. Fasnet mit.

Wie hat sich denn die Mitgliederzahl in dieser Narrengruppe entwickelt?

Gut, wir sind jetzt 86, davon sind 60 Aktive. Das Verhältnis zwischen Frauen uind Männern ist recht ausgewogen. Zwei weibliche und ein männliches Neuhänsele haben wir dieses Jahr zur Probe aufgenommen.

Gibt es etwas Besonderes zum 90-jährigen Jubiläum der Hänsele?

Wir erwarten einen Pin, den Peter Kapitza – seit vielen Jahren Narrenblattzeichner – für uns entworfen hat. Und wir haben zwei Aktive, die ihr 50-Jähriges feiern können: Wolfgang Bosch und Karl Miller. Ansonsten gehen die Fasnet genauso an, wie jedes Jahr.

Fragen: Jürgen Witt

Till Bauer
Till Bauer | Bild: Jürgen Witt