Eigentlich wollte er sich nur an einem strategisch leicht überschaubaren Treffpunkt an einer intensiv befahrenen Verkehrsstraße zur gemeinsamen Ausfahrt abholen lassen. Verabredet hatte sich der Mann unmittelbar vor dem Zebrastreifen, der vom Linzgaucenter über die Franz-Xaver-Heilig-Straße direkt in die Pfullendorfer Innenstadt führt.

Unfreiwilliger Gang über den Zebrastreifen

Seine Platzauswahl schien allerdings nicht sehr glücklich gewählt. Denn damit irritierte er die Autofahrer. Vorsorglich hielten einige an, da sie annehmen mussten, dass er die Absicht hat, die Fahrbahn zu überqueren. Mit Abwinken allein war es da nicht immer getan. Eine Autofahrerin ging ganz auf Nummer sicher, sie hupte ihn ermunternd an, sodass ihm keine andere Wahl blieb, als missmutig ihrer einladenden Gestik Folge zu leisten. So überquerte er gegen seinen Willen den Zebrastreifen, machte aber, kaum drüben angekommen, gleich wieder auf dem Absatz kehrt.

Belustigter Passant

Klugerweise stellte er sich nun bewusst ein paar Meter vom Zebrastreifen entfernt hin – in Richtung des Kreisels. Jetzt kamen ihm zwei Passanten auf dem Gehweg entgegen. Der Mann steuerte auf ihn zu und lachte vergnügt. Er fragte ihn, ob er hier der Kreiselwächter sei. Aber natürlich, dachte sich dieser. So ein Kreiselwächter hätte jede Menge zu erzählen: Über die Oldtimer, die auf der Rallye der Bodensee-Klassik mittags vom Marktplatz herunter kamen, über Schleicher und Raser, über Brummis, Biker und Tatütatas, die alle hier schon an ihm in der augenblicklichen Feierabendhektik vorbeigefahren waren. Zum Glück wurde er bei seiner Gewichtsklasse nicht mit dem Drei-Tonnen-Heinz verwechselt. Die Betonstatue gibt es tatsächlich, sie steht aber etwas weiter entfernt, in Luzern. Sie ist satte drei Meter hoch und würde gerne ihre Hüllen fallen lassen, sofern sie noch unter Tüchern steckt. Er aber wollte sich bloß als Beifahrer in jenes Auto fallen lassen, das weiterhin mit seinem Fahrer auf sich warten ließ.

Befragung des Voodoo-Orakels

In seiner Ungeduld holte er sein Mobilgerät aus der Jackentasche – höchstwahrscheinlich hatte er das afrikanische Voodoo-Orakel zu Rate gezogen. "Diese Karte hast du also gewählt", sprach der Schamane zu ihm aus dem Off und deutete seine umgedrehte Karte: "Du willst etwas erleben, das dich aus deinem Alltagstrott herausreißt. Du wirst auf einer Reise ein entscheidendes Erlebnis haben, das dich diesem Wunsch näher bringt!" Aha.

Reise zum Drei-Tonnen-Heinz

Schwuppdiwupp war das Auto da, er stieg am Linzgaucenter ins Fahrzeug ein. Zur Orientierungsfindung drehten sie im Kreisel drei Runden, dann kam ihnen die Erleuchtung: Fahrt nach Luzern zum Drei-Tonnen-Heinz. Dort zu später Nachtstunde angekommen, bemerkten sie schon von weitem, dass da mit der Betonstatue in der Stadt am Vierwaldstättersee etwas nicht stimmen konnte. Einen Uniformierten, der sie verdutzt bei ihren Beobachtungen studierte, fragten sie daraufhin: "Wissen Sie, wann dieser Drei-Tonnen-Heinz entblößt worden ist?" Da sprach der Eidgenosse: "Nei, das weiß ich nöd, ich bin ja nur hier der Kreiselwächter, oder!"

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