Fehler in der Ausbildung in der Pfullendorfer Staufer-Kaserne räumt eine Sprecherin des Ausbildungskommandos der Bundeswehr gegenüber dem SÜDKURIER ein. Anfang Januar mussten sechs Soldaten einen 15-Kilometer-Lauf wegen körperlicher Erschöpfung oder Verletzung vorzeitig abbrechen. Ein angehender Fallschirmjäger-Feldwebel, der an diesem Lauf teilnahm, wurde vorsorglich ins Krankenhaus gebracht.

"Es wurden Fehler in der Ausbildung identifiziert"

Das Heer nehme diesen Vorfall sehr ernst und überprüfe die möglichen Ursachen mit Nachdruck. "Nach erster Überprüfung und Bewertung des Vorfalls wurden Fehler in der Ausbildung identifiziert. Ein Ausbilder wurde daraufhin von seinen Aufgaben entbunden, gegen einen weiteren wurde eine Disziplinarmaßnahme ausgesprochen. Darüber hinaus wurden alle Ausbilder zu diesem Themenkomplex sensibilisiert", teilte die Sprecherin des Ausbildungskommandos dieser Zeitung auf Anfrage mit.

Bei den Untersuchungen sei generell überprüft worden, wie körperlich fordernde Ausbildungsabschnitte vorbereitet und durchgeführt werden. "Speziell auf diesen Fall bezogen wurde festgestellt, dass ein zielgerichtetes Training vor diesem Lauf fehlte und der Lauf im sogenannten Zugrahmen – und nicht wie vorgesehen in Laufgruppen – absolviert wurde. Insgesamt ist festzustellen, dass der Lauf einige Soldaten überfordert hat", teilt die Sprecherin weiter mit. Das Ausbildungskommando organisiere aufgrund des Vorfalls im Januar noch im März eine Weiterbildung mit den Verantwortlichen in der Ausbildung von Führungskräften über die Planung, Durchführung und Methodik der Ausbildung.

Einen weiteren Vorfall hatte es im Rahmen der Ausbildung in der Staufer-Kaserne Ende Februar gegeben. Während eines Lehrgangs hatte eine Offiziersanwärterin das Bewusstsein verloren. "Beim viertägigen Lehrgang 'Überlebensausbildung für Offizieranwärterinnen und Offizieranwärter der Luftwaffe' vom 26. Februar bis 1. März am Ausbildungszentrum Spezielle Operationen in Pfullendorf ging es darum, wie Luftwaffenangehörige nach Absturz ihres Flugzeuges im freien Gelände unter Bedrohung und widrigen Witterungsbedingungen überleben können. Dazu gehören unter anderem das Orientieren im Gelände sowie drei Übernachtungen im Freien", schildert die Sprecherin des Ausbildungskommandos.

Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer seien vor dem Lehrgang über Ziel, Zweck und Inhalte der Ausbildung informiert worden. Ebenso sei auf die erhöhten körperlichen Anforderungen bereits im Vorfeld hingewiesen worden. Jeder Offizieranwärter der Luftwaffe absolviere diesen Lehrgang, der zum Großteil im freien Gelände stattfinde. Er sei ein Anteil der Regelausbildung zum Offizier der Luftwaffe. Der Lehrgang sehe unter anderem vor, dass nur eine gewisse Menge Verpflegung für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu Beginn des Ausbildungsabschnitts bereitgestellt werde. Getränke seien immer in ausreichender Menge vorhanden. "Damit soll die Situation nach Absturz eines Luftfahrzeuges möglichst realitätsnah erfahrbar werden." Der Kommandeur des Ausbildungszentrums habe sich bei diesem körperlich fordernden Lehrgang mehrmals in der Woche persönlich vor Ort von den Rahmenbedingungen, der Methodik der Ausbildung und der Einhaltung der Fürsorgepflicht überzeugt.

Einzelne Ausbildungsabschnitte seien an die aktuelle klimatische Situation unmittelbar angepasst worden. "36 Soldatinnen und Soldaten begannen den Lehrgang, zwölf haben ihn aufgrund unterschiedlicher Ursachen im Laufe der Ausbildungswoche auf eigene Entscheidung abgebrochen. Lehrgangsteilnehmer, die aus der laufenden Ausbildung genommen wurden, übernachteten in Gebäuden. Alle übrigen Teilnehmer haben an der Ausbildung im Freien weiter teilgenommen", so die Sprecherin.

Am Abend des 27. Februar absolvierten die Soldatinnen und Soldaten dieses Lehrganges einen Orientierungsmarsch. Die Außentemperatur sei zu Beginn des Marsches gemessen worden und habe minus neun Grad betragen. "Bei diesem Ausbildungsabschnitt verlor eine Soldatin kurzzeitig das Bewusstsein. Dies kündigte sich vorher nicht explizit an. Sie wurde nach Erster Hilfe durch Kameraden umgehend in das nahe gelegene Krankenhaus gebracht. Dort wurde sie untersucht und versorgt. Am 1. März wurde die Soldatin aus dem Krankenhaus entlassen und fuhr gemeinsam mit ihren Kameraden an die Offiziersschule der Luftwaffe nach Fürstenfeldbruck zurück", heißt es in der Stellungnahme. Der Vorfall werde zusammen mit der Luftwaffe untersucht.

Was sagt die Politik?

„Auch dieser neue Vorfall muss sorgfältig untersucht werden. In der letzten Zeit mehren sich von verschiedenen Standorten die Nachrichten, dass Auszubildende bei der Bundeswehr gefährlich über ihre Leistungsgrenze hinausgegangen sind. Auch im Verteidigungsausschuss werden wir Aufklärung vom Verteidigungsministerium einfordern, ohne in vorschnelle Verallgemeinerungen zu verfallen. Es muss aber dringend diskutiert werden, ob hinter all den Meldungen der vergangenen Wochen nicht auch strukturelle Ursachen stehen", sagt Agnieszka Brugger, Verteidigungsexpertin der Bündnisgrünen im Bundestag. Es sei ärgerlich, dass das Parlament von solchen Vorgängen zum wiederholten Male erst aus der Presse erfahre und nicht vom Verteidigungsministerium unterrichtet werde. Der Ausschuss habe mehr als deutlich eingefordert, den Prozess der Neuaufstellung begleiten zu wollen. Gerade in der Ausbildung sei es wichtig, dass die Vorgesetzten ein gutes Gespür bewiesen und ihrer Fürsorgeverantwortung mit besonderer Sorgfalt gegenüber den Soldatinnen und Soldaten nachkommen, so Brugger.

Auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Lothar Riebsamen erfuhr nur über die Medien von den Vorfällen Ende Februar. In einer Stellungnahme gegenüber dem SÜDKURIER weist der Abgeordnete daraufhin, dass alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Lehrgangs für Offiziersanwärter davor umfassend informiert worden seien. Ebenso sei auf die erhöhten körperlichen Anforderungen, gerade im Hinblick auf die tiefen Temperaturen, hingewiesen worden. "Dass Soldaten den Lehrgang abgebrochen haben, ist nach meiner Ansicht nach nicht auf Fehler der verantwortlichen Ausbilder zurückzuführen."

 

Zentrum für Spezialkräfte

Die Bundeswehr betreibt in Pfullendorf eine Kaserne mit einem Ausbildungszentrum für Spezielle Operationen. Neben rund 300 deutschen Soldaten werden hier jährlich gut 400 Soldaten anderer Nationen für Kommando-Aufgaben ausgebildet. Nach Angaben der Bundeswehr gibt es unter anderem Lehrgänge für Scharfschützen. Ferner wird Nahkampf trainiert oder auf das Überleben in der freien Natur oder in Gefangenschaft vorbereitet. (dim)