Rund 70 Grundschüler der Sechslindenschule erlebten einen besonderen Unterricht. Beim Faustlos-Projekt stand Teamwork im Vordergrund. In gemischten Gruppen wurden dabei sechs Stationen durchlaufen. "Die Kinder sind mit Begeisterung dabei, jeder findet seine Rolle und nimmt etwas für sich mit", sagte Martina Schaepen. Sobald Schulsozialarbeiter Lars Brack mit einer Kuhglocke bimmelte, wussten die Kinder: Es ist Zeit, die Station zu wechseln. Bei der "Rückwärts-Reise nach Jerusalem", bei der sich möglichst viele Kinder auf einen Stuhl setzen sollten, ging es ebenso wie beim Bau einer großen Murmelbahn darum, sich mit den anderen abzusprechen und sich an Absprachen zu halten. Beim "Blindenparcours" war Vertrauen gefragt und bei der Coolness-Station wurde eruiert, was cool ist. "Ein Lego-Auto", stellte Erstklässler Leon fest. "Aber helfen und freundlich sein ist auch cool."

Nach dem tragischen Vorfall in Berlin, wonach vermutet wird, dass sich eine Grundschülerin aufgrund von Mobbing das Leben nahm, reagieren Eltern beunruhigt und fragen sich: Wird an der Schule meines Kindes auch gemobbt? Dass Eltern heutzutage hellhöriger sind, hat Schulleiter Thomas Randecker festgestellt. "Es wäre naiv zu glauben, dass es eine Schule ohne Mobbing gibt", sagt er. "Es nimmt nicht überhand, aber es wird gemobbt und das Mobbing übers Handy hat im Vergleich zu früher zugenommen." Um so wichtiger sind dem Rektor Präventionsprojekte wie der Faustlos-Tag. "Wir haben an unserer Schule von der ersten bis zur zehnten Klasse ein Sozialkonzept. Bei den Fünft- bis Zehntklässlern steht zum Beispiel mit Lions Quest einmal in der Woche soziales Lernen auf dem Stundenplan."

In der Theorie wüssten bereits die jüngsten Schüler, dass man andere nicht mobben darf, doch auf dem Schulhof sehe es dann mitunter anders aus, erklärte Brack. Schon in der ersten Klasse werde daher versucht, den Kindern Empathie zu vermitteln. Die Jungen und Mädchen sollen lernen, Gefühle wie Wut, Trauer oder Unzufriedenheit zu erkennen und damit umzugehen. Sie sollen lernen, dass es nicht in Ordnung ist, ein anderes Kind dauerhaft auszugrenzen, zu hänseln und zu piesacken. Sie sollen lernen, dass es kein Scherz mehr ist, einem Mitschüler ständig die Sachen zu verstecken oder ein Mädchen als die Dicke abzustempeln.

"Wenn Eltern das Gefühl haben, ihr Kind werde gemobbt – oder mobbe – sollten sie das Gespräch mit dem Kind suchen und auf das Problem aufmerksam machen. Kinder und Eltern können sich an Präventionslehrerin Nadine Royer oder den Schulsozialarbeiter Lars Brack wenden", sagt Randecker. Er hält es für wichtig, das Mobbing öffentlich zu machen – und Mobber, Gemobbte sowie Mitwisser in die Aufarbeitung einzubeziehen. Schlimm sei es, wenn Mobbingopfer die Schuld bei sich suchen und das Mobben geheim halten. Das sende zudem falsche Signale an die Täter aus, die sich dann zum Weitermobben motiviert fühlen. Lars Brack weiß, dass dies nicht immer so einfach ist: "Opfer schämen sich, Opfer zu sein und reden nicht gerne darüber." Mitwisser würden oftmals wider besseren Wissens schweigen. Hier fehle die Courage, dem Mobber Einhalt zu gebieten.