Die beiden Pfullendorfer könnten locker als Groundhopper durchgehen. Das sind Fußballfans, die in ihrer Freizeit in möglichst vielen Stadien in Deutschland oder im Ausland unterwegs sind. Der eine hat den FC Bayern München in sein Herz geschlossen, der andere Union Berlin. Da diese Vereine sich nicht gerade in unmittelbarer Wohnungsnähe befinden, sind für die beiden Herrschaften jene Vereine interessant, die im Umkreis von 200 Kilometern liegen. Sie sollten zumindest Regionalliganiveau besitzen wie der SC Pfullendorf von 1998 bis 2014. So verfolgen sie seit vier Jahren auch die Heimspiele des Karlsruher SC, der nach seinem Absturz in die Dritte Liga dank seines Trainers Alois Schwartz – er schnürte von 1998 bis 2002 beim SCP die Kickstiefel – die Aufstiegsrelegation zur Zweiten Liga zwar erreichte, den Aufstieg selbst aber in Aue verpasste.

Abfahrtstermin war ganz früh am Morgen. Der Unioner war auf dem Sprung ins gemeinsame Auto, als ihm einfiel: Fanschal. So rannte er in die Wohnung zurück, suchte im Dunkeln – wegen einer solchen Lapalie braucht es kein Licht – den KSC-Schal an seiner Garderobe, an der sich, grob geschätzt, so an die 50 Schals befinden. "Ah, da isser", warf er sich das Teil um den Hals. Im Wildparkstadion setzten sie sich auf die Gegengerade, nahe des infernalischen Lärms, den die frenetischen KSC-Fans zu erzeugen wissen. Der Unioner hält sich alleine deshalb zurück, weil zwischen dem KSC und Hertha BSC Berlin eine Fanfreundschaft besteht, die bei der innerberlinerischen Rivalität zwischen Union und Hertha kaum zu ertragen ist. Trotz seines freundlich gespendeten Beifalls bei den KSC-Toren wunderten ihn einige giftige Blicke, die ihm Hardcore-KSC-Fans zuwarfen. Einer hinter ihm klopfte ihm auf die Schulter.

"Bist du ein Schweizer?", fragte er entrüstet. "Nein, sehe ich so aus?", erwiderte ihm dieser stehenden Fußes. "Dein Schal sieht so aus!" Er und sein Kumpel blickten sich entgeistert an. Tatsächlich, der Schal war nicht in royalblauweiß wie beim KSC üblich, sondern in satten Grüntönen gehalten. "Hä?" FCSG prangte darauf in großen Lettern, es knisterte in seinem Hirngebälk: Vor über 20 Jahren hatte er den FC St. Gallen im Stadion Espenmoos gegen Aarau und FC Basel besucht. Nicht auszudenken, er wäre an einen Schal des VfB Stuttgart geraten. Heil wäre er da wohl nicht mehr aus dem Stadion der Badener gekommen: Das KSC-Wildschwein-Maskottchen Willi Wildpark hätte sich wild auf ihn gestürzt. Ähnliches drohte seinem Kumpel im Gazi-Stadion der Stuttgarter Kickers. Gedankenverloren war er im Begriff, sich mit dem Kickers-Schal in den Fanblock des 1. FC Magdeburg einzureihen. "Sind Sie sicher, dass Sie da reinwollen?", fragte ihn der Ordner besorgt. Der Kasus Knacktus: Wer seinem Hobby länger frönen will, sollte bei der Wahl seines Outfits stets den Vorausblick bewahren.

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