Die Deutschen stöhnen angesichts einer ausufernden Bürokratie. Wissen Sie wie viele Paragrafen und Verordnungen Sie als Hauptamtsleiter kennen beziehungsweise bei Entscheidungen berücksichtigen müssen?

Allein die Gemeindeordnung hat 150 Paragrafen, dazu kommen Ordnungsrecht, Polizeiverordnung, Landes- und Bundesgesetze, Tarifverträge, Schulgesetze bis hin zu Ortsrecht. Klar ist, dass man wiederkehrende Paragrafen auf dem Schirm hat, aber man kann natürlich nicht alle kennen. Man muss wissen, wo man sie findet.

Hauptamtsleiter? Welche Bereiche verbergen sich hinter dieser Bezeichnung?

Das Hauptamt ist der Dienstleister für die Innenverwaltung. Dazu gehören Personal, EDV, Organisation, Gemeinderat, Ordnungsverwaltung wie Bürgerbüro und Standesamt. Dazu kommt bei uns in Pfullendorf noch der Sozialbereich mit Schulen und Kindergarten, Ehrenamt bis hin zu Senioren- und Jugendarbeit. Und freiwillige, weitere Zusatzaufgaben wie Kultur, Bücherei oder Tourismus.

Wie haben Sie überhaupt den Weg in die Verwaltung gefunden?

Nach der Volksschule habe ich eine Verwaltungsausbildung gemacht. Darauf aufbauend mehrere mehrmonatige Verwaltungslehrgänge in Karlsruhe absolviert, die ich als Verwaltungswirt abgeschlossen habe.

Das heißt, Sie mischen überall mit?

Es ist wirklich sehr abwechslungsreich und die Vielseitigkeit ist das Beste an meinem Beruf. Es ist nie eintönig und im Prinzip ähnelt kein Tag dem anderen. Was mir besonders viel Freude macht, ist der Umgang mit Menschen und es ist immer was am Laufen.

Wollten Sie irgendwann mal wechseln? Gab es Angebote, als Bürgermeister zu kandidieren?

Wegen Bürgermeister gab es zwei Gelegenheiten. Einmal hat eine Partei einer Nachbargemeinde angefragt und das zweite Mal habe ich auf eine Kandidatur verzichtet, nachdem ein Freund es in der Gemeinde versuchte, und im Übrigen auch gewann.

Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit ist das Personalwesen. Welche Voraussetzungen benötigt man, um ein guter Personaler zu sein?

Ich bin zwar aus dem Personalwesen ins Hauptamt gekommen, aber seit vielen Jahren macht das bei uns Personalleiterin Marlies Matheis, wobei wir uns natürlich abstimmen. Im Personalwesen braucht es eine gerade Linie und keine Ausnahmen von der Ausnahme. Jeder muss sich gut aufgehoben fühlen und jeder muss gleich fair behandelt werden.

Die staatlichen Einrichtungen stöhnen, dass sie keinen Nachwuchs mehr finden.

Das stimmt nur bedingt. Für spezifische Funktionen wie Technik oder Bauamt ist es schwierig, geeignete Bewerber zu finden. Hier konkurrieren wir mit der Industrie, die ja boomt und deutlich höhere Gehälter zahlt. Im klassischen Verwaltungsbereich bekommen wir immer noch genügend Bewerbungen, und bislang konnten wir auch jeden Auszubildenden übernehmen.

Was macht den Öffentlichen Dienst aus Ihrer Sicht attraktiv?

Es ist ein krisensicherer Arbeitsplatz, dazu die zusätzliche Altersversorgung, und die Verwaltung ist sehr vielseitig.

Sie haben ein halbes Jahrhundert die Entwicklung der Stadt miterlebt? Können Sie die Veränderungen beschreiben?

Keine Frage, das rasante Wachstum der Gesamtgemeinde. Als ich anfing, gab es viele Siedlungen wie den Sonnenrain noch gar nicht. In den 60er Jahren war Pfullendorf im Prinzip ein verschlafenes Städtchen und ab den 70er Jahren gab es eine rasante Entwicklung. Damals fand die gesamte Verwaltung in zwei Gebäuden Platz. Wie schnell das alles ging, das hat mich schon überrascht, wobei die wachsenden Industriebetriebe das Tempo auch vorgegeben haben. Nach der Eingemeindung hatten wir noch zusätzlich sieben Ortsteile, die heute auch teilweise rasant wachsen. Unser Bauboom hält ja bis heute an. Kaum ist ein Wohnbaugebiet ausgewiesen, folgt das nächste.

Wie haben sich die Pfullendorfer verändert? Ist die Akzeptanz der Verwaltung geringer/höher geworden? Ist die Anspruchshaltung geringer/höher geworden?

Das Anspruchsdenken hat zugenommen. Früher war man genügsamer. Die Bürger sind heute kritischer, was ich gut finde, aber es herrscht auch eine große Unzufriedenheit und jeder pocht auf seine Rechte. Der Kunde Bürger ist anstrengender geworden.

Wo sehen Sie Pfullendorf in 10/20 Jahren?

Ich wünsche mir, dass sich Pfullendorf weiter so gut entwickelt, wobei das Tempo durchaus ein Tickchen langsamer werden kann. Bei der Infrastruktur wie Kindergärten oder Schulen sehe ich uns für die Zukunft sehr gut aufgestellt oder auf einem guten Weg. Wichtig wäre, dass das Wachstum uns nicht überrollt. Bezüglich der Einwohnerzahl denke ich, dass man die 15000er-Marke anpeilen wird.

Noch ein Wort zu Ihren Vorgesetzten während der vergangenen 50 Jahren, also den Bürgermeistern Hans Ruck, Hartmuth Dinter, Heiko Schmid und Thomas Kugler.

Mit allen vier Bürgermeistern bin ich gut ausgekommen. Hans Ruck war ein liebenswürdiger Mensch, eine Respektsperson. Er handelte öfters nach dem Motto „Wir sind Pfullendorfer“. Auch mit Hartmuth Dinter klappte die Zusammenarbeit. Heiko Schmid erhöhte das Tempo enorm und brachte vieles ins Rollen. Mit Thomas Kugler verstehe ich mich sehr gut, das ist ein richtig gutes Miteinander. Er hatte mich auch gefragt, ob ich noch ein paar Jahre weitermachen will, wobei ich ja schon vor einem Jahr hätte in Rente gehen können. Aber Ende des Monats ist Schluss, und es gibt junge und gute Nachfolger.

Pläne für den Ruhestand haben Sie sicher – wird man Sie in einem Ehrenamt in der Öffentlichkeit wieder sehen?

Die nächsten Monate stehen Reisen an. Afrika ist so ein Wunschziel.

Und dann?

Wenn ich in den Kreistag gewählt werde, freue ich mich auf diese Aufgabe. Ansonsten sehen wir weiter.