Im Pfullendorfer Ortsteil Auch-Linz gibt es zwar kein Meer, aber trotzdem eine Insel. Dieses Wort benutzt Hildegard Blocherer oft, wenn sie von ihrem Garten spricht. Der Garten liegt in Richtung Sportplatz und wenn Fußgänger auf dem Weg zu einem Fußballspiel sind, bleiben sie nicht selten stehen. Denn was Hildegard Blocherer da geschaffen hat, bekommt man nicht alle Tage zu Gesicht.

Bei der Deko greift Hildegard Blocherer auf nostalgische Küchenutensilien zurück, sei es die alte Kaffeemühle, der Bräter aus den 1950ern oder, wie hier, Kaffee- und Milchkannen.
Bei der Deko greift Hildegard Blocherer auf nostalgische Küchenutensilien zurück, sei es die alte Kaffeemühle, der Bräter aus den 1950ern oder, wie hier, Kaffee- und Milchkannen. | Bild: Kirsten Johanson

Das Gartenjahr neigt sich dem Ende, noch blühen Rosen, Herbstastern und Herbstanemonen. Doch es sind weder die rosa Blüten des Zierklees noch die Dipladenien in den Kübeln, die zum Stehenbleiben animieren. Es sind die unzähligen Dachwurz‘ und vor allem sind es die Schuhe.

Pflanzen in alten Schuhen

Sie stehen auf der Treppe vor der Haustür und im Vorgarten. Bei Hildegard Blocherer verhält es sich nicht so, wie man es bei Frauen mit einem „Schuhtick„ normalerweise annimmt. Sie kauft keinen neuen Schuhe, um sie zu tragen, sondern sie bepflanzt alte Schuhe, die für sie eine besondere Bedeutung haben.

Zehn Jahre war Enkelin Emily alt, als sie diese Ballerina-Schuhe trug. Seit neun Jahren zieren die Schuhe nun den Garten.
Zehn Jahre war Enkelin Emily alt, als sie diese Ballerina-Schuhe trug. Seit neun Jahren zieren die Schuhe nun den Garten. | Bild: Kirsten Johanson

So etwa die Arbeitsstiefel ihres vor zwei Jahren verstorbenen Mannes, die er bei der Forstarbeit getragen hat. Auch die ersten Schühchen ihrer inzwischen 19 Jahre alten Enkelin Emily sind dabei, ebenso wie die Ballerinas, die sie als Zehnjährige trug. Dass sie mal silberfarben waren, ist nicht mehr zu erkennen. Die ältesten Schuhe sind 30 Jahre alt, sie verwittern mit der Zeit, setzten Moos an und sehen ganz außergewöhnlich aus. Wüsste man es nicht besser: man könnte sie für Exponate der Kassler Documenta halten.

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Seit 51 Jahren lebt die gebürtige Odenwälderin in Aach-Linz. „Vier Generationen Förster haben hier gelebt, mein Mann Helmut war auch Förster“, berichtet sie. „Der Forst und die Jagd waren sein Leben.“ Für Hildegard Blocherer gilt das genauso, muss aber um „Holz und Steine“ ergänzt werden. Sie platziert beides zwischen den Pflanzen in ihrem Garten.

In Scheiben gesägte Baumstämme sind zu Säulen gestapelt. Hinzu gesellen sich Wurzeln und Bretter.
In Scheiben gesägte Baumstämme sind zu Säulen gestapelt. Hinzu gesellen sich Wurzeln und Bretter. | Bild: Kirsten Johanson

Ein Stück von der Berliner Mauer liegt ebenso in den Beeten wie Steine aus Österreich oder dem Tessin. Es dominiert der rötliche Sandstein aus dem Odenwald in allen Größen. „Es dürften um die 25 Steine aus dem Odenwald sein“, sagt sie.

Wenn Freunde und Bekannte zu Besuch kommen, ist Hildegard Blocherer ein schöner Stein mindestens ebenso lieb wie ein Strauß Blumen. Manche Steine sind mit Edding beschriftet, etwa „Rügen 95“ oder „Maria Alm 8/19“. Besonders stolz ist sie auf einen Stein, in den die ein Männergesicht und die Worte „Schmuggi Luggi“ eingemeißelt sind. Er stammt vom Schmugglerweg aus den Gargellen.

Dekorative Wurzeln

Woran es nicht mangelt, sind urig aussehende Wurzeln. Zwei besonders schöne Exemplare hat Helmut Blocherer von einer Jagdreise aus Ungarn mitgebracht, andere stammen aus dem Wald bei Aach-Linz. Nicht nur Wurzeln, auch zu Säulen aufeinander gelegte Baumscheiben blitzen zwischen den Bäumen und Sträuchern hervor.

Markante Bretter in der Erde

In der Erde stecken markante Bretter, die durch Wind und Wetter eine besondere Patina angenommen haben. Sie stammen aus der Sägemühle in Owingen und weil sie dort als Ausschuss ausgesondert wurden, griff Holz-Fan Hildegard Blocherer mit Freuden zu.

Edelrostig: Vier Generationen Förster und Jäger, da passt ein Hirsch natürlich besonders gut.
Edelrostig: Vier Generationen Förster und Jäger, da passt ein Hirsch natürlich besonders gut. | Bild: Kirsten Johanson

Neben dem Zierklee gehören eindeutig die Haus- oder Dachwurz zu Hildegard Blochers Favoriten. Diese werden in der Botanik als Sempervivum bezeichnet, was soviel wie „Immerlebend“ heißt. Sie eignen sich für Gefäße und Balkonkästen, für Steingärten, in Trockenmauern sowie als Grab- oder Dachbepflanzung.

Die robusten, genügsamen Pflanzen überstehen Trockenheit und verzeihen Kälte. Die Gattung gehört zur Familie der Dickblattgewächse. Als Freilandsukkulenten, also wasserspeichernde Pflanzen, sind sie in unseren Breiten frosthart. Sie sammeln den Wasservorrat in ihren Blättern oder Wurzeln. Die fleischigen Blätter sind in Form eines Balls, einer Halbkugel oder eines Sterns angeordnet.

Im Garten gibt es in jeder Ecke etwas zu entdecken.
Im Garten gibt es in jeder Ecke etwas zu entdecken. | Bild: Kirsten Johanson

Die Blüte schiebt sich als langer Stängel aus der Blattrosette heraus. Es gibt über 6000 Sempervivum-Sorten. Den auf Dächern siedelnden Hauswurzen sagte man früher magische Kräfte nach. Sie sollten Häuser und Ställe vor Blitzschlag schützen.

Sempervivum sind Sonnenkinder

Der Staudenzüchter Karl Foerster bezeichnete Hauswurze aufgrund ihres Aussehens als Steinrosen. Sempervivum sind Sonnenkinder und lieben es möglichst vollsonnig in durchlässigem Substrat. Witterungsbedingt kann es vorkommen, dass Rosetten in aufeinander folgenden Jahren in ihrer Färbung deutliche Unterschiede zeigen.

Leider hat der Buchsbaumzünsler im Garten gewütet, und zwar dermaßen, dass sämtliche Sträucher demnächst von einer Gartenbaufirma herausgerissen werden. Manche sind fast zwei Meter hoch. Gezogen hat Hildegard Blocherer sie alle selber aus Stecklingen. „Der Gedanke tut zwar weh, aber ich trauere dem Buchs nicht nach. Er muss zwei Mal jährlich geschnitten werden, das ist eine Heidenarbeit“, sagt sie.

Sie gehe auf die 80 zu und nach einer Rückenoperation müsse sie in Sachen Garten kürzer treten. Da sie im gleichen Haus mit Tochter Ilka und Schwiegersohn Uwe wohnt, übernimmt nun die jüngere Generation den Großteil und gestaltet diesen auch nach eigenem Gusto um. Doch sicher ist: ein paar Inseln bleiben in der Obhut von Hildegard Blocherer.