Pfullendorf – Im Rahmen des Kulturprogramms hat das Publikum ein Konzert der Superlative mit Tiefgang erlebt. Im sehr gut gefüllten Café Moccafloor erfreuen sich die großartige jüdische Sängerin Nirit Sommerfeld und ihr Orchester Shlomo Geistreich einer besonderen Atmosphäre. Als Trio treten sie mit klezmerinspirierter Musik auf ihrer "Schwabentour" auf, vom Kulturbeauftragten André Heygster herzlich begrüßt. Mit Andi Arnold als Namensgeber von Shlomo Geistreich an der Klarinette und Robert Probst am Piano stellen sie eine fein abgestimmte Einheit dar. Die solistischen Ausschmückungen des Klarinettisten verstärken Schwermut oder melancholische Fröhlichkeit in wunderbar vorgetragenen Stücken.

Nirit Sommerfeld dominiert mit enormer Ausstrahlung die Bühne. Die jung-dynamisch wirkende Mitfünzigerin betreibt ausgiebige Kommunikation mit dem Publikum. Jedes ihrer in jiddisch, hebräisch, englisch, arabisch oder deutsch vorgetragenen Lieder ist mit einer persönlichen Geschichte verbunden. Denn die in Eilat/Israel geborene Künstlerin war als Kind mit ihren im Hotelgewerbe tätigen Eltern viel um die Welt gereist, zwischen Deutschland, israel und Ostafrika. Ihr unstetes Leben endet im tristkalt beschriebenen bayrischen Ebersberg. Sie erzählt von ihrem Vater aus großbürgerlichem Hause, er überlebt die NS-Diktatur und wandert nach Palästina aus, wo er auch nicht glücklich geworden sei. Ihr Großvater stammt aus Chemnitz und habe stolz das Eiserne Verdienstkreuz getragen und sei im Konzentrationslager Sachsenhausen erhängt worden. Wie überhaupt nur wenige ihrer Großfamilie, von Nazi-Schergen verfolgt, mit dem Leben davonkamen. "Wir tragen unser Erbe mit uns", sagt sie und stimmt daraufhin ein Liebeslied an.

Großes Emotionskino. Da schluckt der eine oder andere Zuhörer schon mal kräftig oder wischt sich Tränen der Rührung weg. Die Darbietungen finden weit mehr als ein anerkennendes Nicken. "Ich habe eine Gänsehaut, die kommt von den Schenkeln hoch und geht bis nach ganz oben. Ich bin froh, dass ich gekommen bin", sagt eine Lady zur einfühlsamen Musik mit einem seligen Lächeln. Denn Gänsehautmomente gibt es zuhauf.

Im zweiten Teil offenbart Nirit Sommerfeld politische Botschaften. Sie wünscht sich, dass Jerusalem eine "Stadt der Völker" sein darf. Sie erzählt von ihrer Rückkehr nach Israel 2007, wo sie viel Peace – Shalom – Salam gehört und doch so viel Zwietracht erlebt hätte. Zwei Jahre waren für sie genug. Bei ihren Reisen in die Westbank habe sie gelernt, was Besatzung bedeutet. Eine Vorstellung davon vermittelt sie über eine Parabel ihrer Freundin Linda Benedikt: Sie handelt vom Einfall der Franken in München und beschreibt Drangsalierungen auf plastische Weise. Mit Hut und Mantel zeigt die Jüdin schauspielerisches Talent bei einem amüsanten Dialog zwischen Gott, Jahwe und Allah. Sie hirnen darüber, ob sie nicht sämtliche Gewaltpassagen aus der Bibel streichen und diese als Broschüre herausbringen sollten. Einen fulminanten Schluss unter frenetischem Applaus setzt das Trio mit der Mitklatschnummer "Ale Brider" und entlässt ein erfülltes Auditorium in die kalte Nacht.

"Mein Vater hat den Holocaust überlebt"

Nirit Sommerfeld schafft nicht nur interkulturelle Verbindungen, sie setzt sich auch mit der aktuellen israelischen Politik kritisch auseinander.

Sie sind Geschäftsführerin des Vereins "Bündnis zur Beendigung der israelischen Besatzung", setzen auf Völkerverständigung in der Westbank. Gibt es schon ein Echo aus Israel?

Bisher noch nicht. Es gibt aber verschiedene Aktivitäten, die mit künstlerischen Mitteln versuchen, über diese Besatzung aufzuklären. Mitgründer war Rupert Neudeck von Cap Anamour, der dieses Jahr verstorben ist.

Haben Sie deshalb Antisemitismus-Vorwürfe zu hören bekommen?

Oh ja! Vor sechs Wochen bin ich von der evangelischen Kirche ausgeladen worden. Ich sollte eine Einführungsrede zu einem Benefizkonzert für Gaza halten. Die israelitische Kultusgemeinde hat wohl Wind davon bekommen und eine brutale Verleumdungsmail abgesetzt. Ich habe dann eine Performance vor der Kirche vor 90 Leuten gemacht, nach dem Motto: Manchmal sprachlos – niemals mundtot. Mein Vater ist Holocaust-Überlebender – mich als Antisemitin zu diffamieren, ist so lächerlich.

Fragen: Jürgen Witt