Mit so einem Interesse hatte niemand gerechnet: Begeistert beobachteten Referent Eberhard Schockenhoff und die Veranstalter, die Mitglieder der evangelisch-katholischen Erwachsenenbildung (EKE) und der Hospizgruppe, den Besucherandrang in der Christuskirche. Über 100 Personen aus Pfullendorf und Umgebung wollten den Vortrag „In Würde sterben“ des bekannten Moraltheologen hören.

Schockenhoff erläuterte die Unterschiede zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe: Die erlaubte, passive Sterbehilfe bedeute ein Absetzen von lebensverlängernden Maßnahmen: „Ein künstliches Hindernis, das das Sterben aufhält, wird weggenommen.“ Bei der aktiven Sterbehilfe, sei das Handeln des Arztes hingegen die direkte Ursache für den Tod anstelle der natürlichen Krankheit: Bei der Tötung auf Verlangen spritze er ein tödliches Medikament, bei der Beihilfe zum Suizid stelle er es zur Verfügung. Beide Möglichkeiten der aktiven Sterbehilfe sind in Deutschland für Ärzte und Pflegepersonal verboten, unabhängig vom Wunsch des Patienten. Wäre organisierte aktive Sterbehilfe erlaubt, wäre das Thema öffentlich und ein enormer Druck würde auf Sterbende ausgeübt, warnte der Redner. Als Beleg führte er die steigende Suizidrate in Ländern wie den Beneluxstaaten an, in denen die aktive Sterbehilfe erlaubt ist. Die Befürworter würden behaupten, dass die Entscheidung zur Sterbehilfe der letzte Ausdruck der moralischen Selbstbestimmung wäre und manchmal auch die einzige Hilfe. Aber damit würden sie übersehen, dass die Palliativmedizin, deren Ziel Schmerzlinderung ist, stets angewandt werden kann und auch zu den Aufgaben des Arztes gehört. Und Sterbewünsche seien oft nicht wohl erwogen und stabil. „Sie sind eher Notschreie als echte Todeswünsche“, ist Schockenhoff überzeugt.

Darüber hat sich auch Pastoralreferentin Judith Kah ihre Gedanken gemacht: Es sei wichtig, die Begleitung Sterbender auszubauen, dann sei sicher auch der Sterbewunsch schwächer, erklärt die 33-Jährige.

„Das Thema ist hochaktuell und kann jeden betreffen“, meinte der 54-jährige Peter Berdnik, der theologisch sehr interessiert ist. Bei den ethischen und legalen Aspekten sei es perfekt, jemanden zu haben, der sich damit auskenne, da sei Schockenhoff ein Topreferent und Topansprechpartner. Der aus Ravensburg stammende Eberhard Schockenhoff wurde 1987 in Rom zum Priester geweiht, lehrte und forschte als Professor für Moraltheologie in Freiburg und Regensburg und war stellvertretender Vorsitzender im Deutschen Ethikrat. Er selbst ist Gegner der Sterbehilfe. Das sei er schon, seitdem er sich mit dem Thema beschäftige, beantwortete er eine Publikumsfrage. Er erklärte, dass der Bundestag entschieden hätte, dass organisierte Sterbehilfe verboten, private Suizidbeihilfe aber weiterhin straffrei sei. Das sorgte für Erstaunen: „Die gesetzlichen Regelungen sind für mich neu, ich hoffe, dass Suizidbeihilfe bei nahe stehenden Personen für mich nie Thema wird, dass ich nie in die Lage komme“, erklärte die 66-jährige Ulla Barry.

„Mir hat es sehr gut gefallen, es regt dazu an, auch die eigene Position noch mal zu überdenken. Gut dass der Wert des menschlichen Lebens hervorgehoben wird“, stimmte die Katholikin dem Referenten zu.
 

Sterbehilfe

Im Jahr 2015 gab es eine Gesetzesänderung im Bundestag zur Sterbehilfe: Jede Form der organisierten, geschäftsmäßig durchgeführten aktiven Sterbehilfe wurde verboten, unabhängig davon, ob sie finanziellen Ertrag einbringt oder nicht. Straffrei bleibt die Suizidbeihilfe bei nahe stehenden Personen, da das zum Kernbereich der privaten Lebensgestaltung gehört. (mal)