Wie gut, dass sich nicht das Sturmtief Theresa durchgesetzt hatte, sonst wäre der Engel vielleicht vom Winde verweht gewesen. Doch so stand einem gelungenen Abstieg von der Kirchturmspitze nichts im Weg. Das besondere Schauspiel am Samstagabend verfolgten wieder viele Hundert Zuschauer. Gleich nach der himmlischen Landung wurde der Pfullendorfer Engel verliehen. Über den Sozialpreis durfte sich die Vesperkirche freuen. Vom 9. bis 23. Oktober war die Christuksirche wieder offen für alle Menschen, die ein kostengünstiges Essen, Begegnung und Gemeinschaft suchten.

Die Alphornruppe aus Meßkirch und der Gesangverein Pfullendorf stimmten musikalisch auf die Programmpunkte ein. Als die Fanfarenbläser aus Großstadelhofen und die Sängerin Carmen Denzler auf dem Rathausbalkon ihren Auftritt hatten, war klar, der Engel würde nicht lange auf sich warten lassen. Dann erlosch die Straßenbeleuchtung, auch die Giebelbeleuchtung wurde ausgeschaltet. Dank der Videoleinwand vorm "Deutschen Kaiser" konnten die Zuschauer den Engelsabstieg bestens verfolgen. Begleitet von Flötenklängen schwebte der Posaunenengel mit Unterstützung der Bergwacht Sigmaringen ein. An die Kinder verteilte der Engel – auf Erden in Gestalt von Sara Gharib – Hefeweckle.

Ein weiterer Höhepunkt des Adventszaubers war die Verleihung des Sozialpreises, einer Gemeinschaftsaktion von Stadt, WIP und SÜDKURIER. Die goldene Figur wurde vom Team des Kleiderlagers an die Vesperkirche weitergereicht. "Wir freuen uns sehr über die Auszeichnung", strahlte Brigitte Buchta. Die Vesperkirche zu stemmen, sei eine beachtliche Leistung, was Organisation, hygienische Anforderungen und Improvisation anbelange, stellte Bürgermeister Thomas Kugler fest. Akzeptanz und Dankbarkeit seien enorm hoch. Das kann man wohl sagen: Bei der sechsten Vesperkirche im Oktober wurden in der Christuskirche rund 3400 Essen ausgegeben. "120 bis 130 ehrenamtliche Helfer waren während der 15 Vesperkirchentage im Einsatz", sagte Gerhard Hoffmann, einer der Hauptverantwortlichen. Was ihm besonders an dem ökumenischen Projekt gefällt: "Über alle Konfessionen und Altersgruppen hinweg und quer durch alle Bevölkerungschichten hat sich die Vesperkirche zu einem Ort der Begegnung entwickelt."

Sogar zwei Engel hat die Stadt

Pfullendorf (kf) Wenn man mit Zuschauern über den „Engelsabstieg“ spricht, dann hört man öfter den Ausspruch „ganz schön mutig“. Gemeint ist damit die junge Frau, die als Engel verkleidet, vom Turm der Jakobuskirche an einem Spezialseil hinab zum Marktplatz schwebt. Immerhin gibt es, einen beträchtlichen Höhenunterschied zu bewältigen. Und die Strecke, die der Engel zurücklegt, ist 120 Meter lang. Für Judith Schönebeck aus Horgenzell ist das kein Problem.

Sie ist seit fünf Jahren bei der Bergwacht Sigmaringen und am Samstag stieg sie zum Dritten Mal vom Turm.

„Es ist immer wieder ein tolles Erlebnis“, sagt die 26-Jährige. Zu ihrer Rolle als Engel ist sie durch Zufall gekommen. Sie war als Aufbauhelfer dabei und hatte eigentlich nicht damit gerechnet, einmal vom Kirchturm schweben zu müssen. „Der Dieter hat mich einfach gefragt, ob ich das nicht machen könnte“, erinnert sie sich. „Der Dieter“, das ist Dieter Sorg, der Bereitschaftsleiter der Bergwacht. Zu seinem Team gehört auch seit vielen Jahren Judiths Vater und der fand die Idee auch prima. Beim DRK Kreuzverband Ravensburg ist Judith als Rettungssanitäterin tätig und in Altshausen stationiert. Zwölf-Stunden-Schichten sind da die Regel. Für Hobbys bleibt da wenig Zeit. Die Ausnahme ist Karate. Und ab und kommt sie auch mal zum Häkeln.

Wenn sie über der Menschenmenge im Licht des Verfolgungsscheinwerfers in der Dunkelheit ihren großen Auftritt hat, dann genießt sie die schöne Atmosphäre, auf die sie sich jedes Jahr freut. „Ein Engel sein zu dürfen, das ist schon etwas Besonderes“, lächelt sie mit viel sagenden Blick.

Auch für die 14-jährige Sara Gharib war der Samstagabend etwas, das sie wohl nicht so schnell vergessen wird. Sie dürft im weißen Engelskostüm an die Kinder auf dem Marktplatz das Engelsbrot verteilen. Im vorigen Jahr durfte das ihre kleinere Schwester Samuela tun. Für die ging damit ein Wunschtraum in Erfüllung. Auch Sara freute sich mächtig auf ihren Auftritt und als es dann so weit war und sie aus den Reihen des Gesangvereines vor die Menschenmenge auf dem Marktplatz treten durfte, da war das schon ein überwältigendes Gefühl. Der Korb mit dem Engelsbrot war schnell geleert. Bleiben wird aber die Erinnerung an einen ungewöhnlichen Abend.