Die großen Discounter kündigen eine Butterpreissenkung von 30 Prozent an, immer mehr Landwirte geben auf, der Milchpreis sinkt und die verbliebenen Bauern warnen vor einem "Milchsee", verursacht durch Überproduktion. Zu dieser Gemengenlage veranstaltete der Kreisverband des Bundes Deutscher Milchviehhalter (BDM) eine Diskussionsrunde, und unter den Besuchern in der "Alten Aula" waren rund drei Dutzend Landwirte. BDM-Kreischef Adolf-Martin Hensler, der in Sauldorf einen Hof mit 100 Hektar bewirtschaftet und 75 Milchkühe hält, fordert eine allgemein verbindliche Reglung für Produktionsdrosselung, wenn Überkapazitäten drohen. Dabei erhalten Landwirte, die auf die Produktion einer bestimmten Milchmenge verzichten, eine Entschädigung. Dieses Instrument habe sich in der großen Absatzkrise 2016/2017 bewährt. Damals sank der Milchpreis so extrem, verdeutlichte die grüne Europaabgeordnete Maria Heubuch, dass binnen Jahresfrist in Deutschland elf Milchbetriebe aufgeben mussten, und zwar täglich.

Wenn der Milchpreis um zehn Cent sinkt, bedeutet das deutschlandweit, dass Landwirte 3,2 Milliarden Euro weniger in der Kasse haben. Dank der Entschädigungsregelung und immensen Milchaufkäufen durch die EU wurde die Krise bewältigt, wobei nun 400 000 Tonnen Milchpulver in riesigen Hallen gelagert werden, deren Haltbarkeitsdatum als Nahrungsmittel in einem Jahr abläuft. Maria Heubuch, deren Familie in der Nähe von Leutkirch einen Milchviehbetrieb bewirtschaftet, mutmaßt, dass die EU bei der nächsten Preiskrise kein Aufkaufprogramm starten wird. "Im Herbst schwimmt der Süden in Milch, prognostizierten einige Bauern. Dass manche Berufskollegen an dem Reduzierungsprogramm teilnehmen und dann noch größere Ställe bauten, kritisierten Landwirte, wobei Heubuch ein befristetes Vergrößerungsverbot ablehnte. Grünenkreischef Klaus Harter wunderte sich, dass damals trotz sinkender Milchpreise die Milchproduktpreise stabil blieben, was bedeute, dass der Milliardenmehrwert wohl in den Kassen der Discountern landete.

"Es gibt weniger Geld für den Agrarhaushalt und das wird gezielter verteilt", brachte Heubuch die künftige EU-Ausrichtung auf den Punkt, verursacht auch durch den Brexit, denn die Briten waren Nettozahler, so dass nun 10 bis 12 Milliarden Euro jährlich im EU-Haushalt fehlen. Finanzkommissar Günter Oettinger will dies hälftig durch Mehreinnahmen und Sparmaßnahmen wettmachen, wobei der Agrarhaushalt mindestens um drei Milliarden Euro gekürzt wird. "Die Zuwendung darf nicht über die Fläche erfolgen", gab die grüne Europaabgeordnete als Leitlinie vor, denn das würde Großbetriebe bevorzugen. Über die Frage, was Massentierhaltung sei, würde eifrig diskutiert, nachdem eine Bäuerin erzählte, dass sie Schulkindern, die ihren Hof besuchten, den Bienenstock mit seinen vielen tausend Tieren als Beispiel nenne. Dieser Vergleich missfiel Heubuch, die anmerkte, dass man Massentierhaltung nicht relativieren und 1000 Kühe in einem Stall nicht mit einem Bienenstock vergleichen sollte.

Dass ein Drittel der norddeutschen bäuerlichen Betriebe mittlerweile von Investoren übernommen wurde, verneinte Karsten Hansen, Mitglied des BDM-Bundesvorstandes, allerdings sei es zu einzelnen Betriebsübernahmen durch Kapitalgeber gekommen. Man könnte doch das Kraftfutter verteuern, schlug Gerhard Stumpp vom BUND mit Hinweis auf die Sojaimporte vor. Wenn die Kontinentallandwirte nur die europäischen Futterflächen nutzen würden, hätte man keine Überproduktionsprobleme, bestätigte Heubuch. Dem Hinweis, dass Landwirte durch Nischenprodukte ihr Überleben sichern könnten, entgegnete Adolf Hensler, dass diese zusätzliche Arbeit sich finanziell nicht rentiere. Sein Kollege Karsten Hansen ergänzte, dass auch der Biomarkt voll sei und dieses Segment durch stetige Mengenerhöhungen sich zunehmend der herkömmlichen Produktionsform annähere.

 

Strukturen

Im Jahr 2010 gab es im Landkreis Sigmaringen 982 viehhaltende Betriebe mit 40 859 Tieren, darunter 375 Milchviehhalter mit 12 584 Tieren, meldet das Statistische Landesamt. In Pfullendorf waren es 99 Landwirte, darunter 44 Milchviehhalter mit 1176 Kühen. Im Jahr 2016 hatte sich im Landkreis die Zahl der viehhaltenden Höfe auf 808 reduziert, die Zahl der Tiere war mit 40 475 fast unverändert. In Pfullendorf gibt es nur noch 23 Milchviehhaltende Betriebe, die 1261 Kühe haben.

Bei der Diskussion beim Bund Deutscher Milchviehhalter beklagten sich mehrere Teilnehmer, dass der Bauernverband nicht die Interessen der kleinbäuerlichen Betriebe vertrete. Maria Heubuch nutzte die Gelegenheit, um die Besucher auf die besondere Struktur des Bauernverbandes aufzuklären, der als so genannter Spitzenverband agiert. "Kein Bauer ist Mitglied dieses Verbandes", machte sie klar. Die Verein agiere als Dachverband mit ordentlichen Mitgliedern wie den Landesbauernverbänden, Kreisbauernverbänden und assoziierten Mitgliedern (mit Sitz und Stimmrechte) zu denen beispielsweise die R+V-Versicherungen, der deutsche Pferdezuchtverband oder der Milchindustrieverband oder die Berliner Messe gehöre. (siv)