Das Sterben von gemeinnützigen Beschäftigungsprojekten, das 2012 einsetzte, hat das Pfullendorfer Werkstättle überlebt. Doch nach wie vor gibt es keine nachhaltige finanzielle Absicherung des Staats für das vor 30 Jahren ins Leben gerufene Projekt, das Menschen mit Handicaps eine Arbeitsstelle bietet. Und nach den Angaben von Rüdiger Semet, Chef des Trägervereins des Werkstättles, sei die Nachfrage nach Arbeitsstellen nach wie vor größer als es die finanziellen Möglichkeiten des Vereins zulassen würden. Dank einer Spende in Höhe von 2000 Euro aus Mitteln der gemeinnützigen Pfullendorfer Bürgerstiftung könne nun die Stelle einer 60 Jahre alten Mitarbeiterin des Werkstättle im kommenden Jahr finanziert werden. Danach gibt es sehr wahrscheinlich eine weitere Förderung über Mittel der Diakonie, sodass diese Mitarbeiterin wohl im Werkstättle in Rente gehen könne und nicht wieder arbeitslos werde. Für den zweiten Vergabetermin der Bürgerstiftung im Herbst erhofft sich Semet eine weitere Spende in Höhe von 2000 Euro, denn mit diesem Geld soll dann die Stelle einer 46-Jährigen so lange finanziert werden, damit diese es möglicherweise schafft, im so genannten ersten Arbeitsmarkt unterzukommen. Nach einer schweren Krankheit kann sie bis jetzt im Werkstättle arbeiten. Sie benötige allerdings noch den hier möglichen Schonraum, sagte Semet. Und er adressierte am Donnerstag den Wunsch an Michael Zoller, Chef des Stiftungsrats der Bürgerstiftung, dass es eine weitere Spende gebe.

Hoffnungsfroh stimmt Semet, neben Hermann Billmann, einer der beiden zentralen Väter des Werkstättles, dass das Bundeskabinett diese Woche neue Regelungen für Beschäftigungsmaßnahmen auf den Weg gebracht hatte. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil will bis zu 150 000 Menschen aus der Langzeitarbeitslosigkeit holen. Für entsprechende Projekte stünden vier Milliarden Euro zur Verfügung. Nach Heils Vorstellungen sollen Stellen für Langzeitarbeitslose fünf Jahre lang gefördert werden. Voraussetzung ist, dass die Betroffenen mindestens seit sieben Jahren Hartz IV beziehen und in dieser Zeit nur kurz erwerbstätig waren. Alleine der Förderzeitrahmen stimmt Semet hoffnungsfroh, auch wenn in den fünf Jahren die Höhe der Förderung zurückgefahren wird. Denn bisher werde eine Stelle für einen Langzeitarbeitslosen ein Jahr mit 50 Prozent gefördert. Eine Beschäftigung für ein weiteres Jahr sei Voraussetzung, sodass unter dem Strich ein öffentlicher Zuschuss von 25 Prozent übrig bleibe, wie Semet vorrechnete. Unter anderem diese relativ geringe Förderung war die Ursache dafür, dass 2012 in Deutschland rund 30 Prozent aller Projekte, die dem Werkstättle ähnlich waren, aufgegeben werden mussten. Bei Entscheidungen fürs Werkstättle sei stets ein Spagat zwischen einem wirtschaftlichen Beschluss zu Gunsten des finanziellen Überlebens des Beschäftigungsprojekts und der Sorge um die Zukunft der Beschäftigten zu machen, schilderte der 69-jährige Semet.

Zurzeit finden 150 Menschen im Pfullendorfer Werkstättle sowie in den dazu gehörenden Golfanlagen im Seepark eine Arbeitsstelle. Darunter sind auch 25 Langzeitarbeitslose, wie Semet in einem Gespräch mit dem SÜDKURIER sagte. Aufgrund der für das Werkstättle schwierigen Lage der öffentlichen Förderung schrumpfte in der jüngeren Vergangenheit die Zahl der Langzeitarbeitslosen. Der erfahrene Sozial-Manager kritisiert die bisherige Praxis der Bundesförderung. Er empfindet es als ein Unding, dass Menschen, die aus einer langen Zeit der Arbeitslosigkeit kommen würden, im Werkstättle eine für sie sinnstiftende Tätigkeit gefunden hätten, wegen des Wegfalls der Förderung wieder arbeitslos würden.

Niedrigzins wirkt sich auf Pfullendorfs Stiftung aus

Die Bürgerstiftung Pfullendorf verfügt über ein Kapital von rund einer Million Euro. Ausgeschüttet werden dürfen nur die Gewinne, die damit erwirtschaftet werden:

Wie Pfullendorfs Bürgermeister Thomas Kugler bei der Übergabe von zwei Spenden im Werkstättle deutlich machte, leidet die Stiftung unter der Niedrigzinspolitik in Deutschland. Heute könnten nur zwischen 6000 und 8000 Euro jährlich ausgeschüttet werden, während es in früheren Jahren schon bis zu 25 000 Euro gewesen seien. Jeweils im Frühjahr und im Herbst trifft sich der Stiftungsrat und entscheidet über die Anträge auf Spenden. Für die erste Vergaberunde 2018 waren vier Anträge eingegangen, sagte Kugler. Das erste Kapital für die Stiftung hatten Stadt und Sparkasse sowie die verstorbene Gemeinderätin Gisela Franke finanziert. Kugler warb während des Termins im Werkstättle, dass auch weiter Spenden aus der Bürgerschaft willkommen seien, um das Kapital der Stiftung weiter aufstocken zu können. Bei der Vergabe der Spenden werde auf eine „gewisse Nachhaltigkeit“ geachtet. Unterstützt wurden in der Vergangenheit beispielsweise der Pfullendorfer Tafelladen oder es gab Essenszuschüsse für Förderschüler. Unterstützt wird jetzt neben dem Werkstättle auch das Projekt von Pfarrer Hermann Billmann. Dieser will Spazierwege für Senioren einrichten und mit Bänken ausstatten.