Auch im Linzgau hatte der Zweite Weltkrieg die Finanzen zerrüttet. Nach Kriegsende gab es zwar Reichsmark in Hülle und Fülle, aber nichts, was man damit kaufen konnte. Die Auslagen der Geschäfte waren weitgehend leer. Ab 21. Juni 1948 wurde schlagartig alles anders. Da gab es Sachen, die man lange entbehrt hatte. Am Tag zuvor war in der Trizone, wie drei Besatzungszonen der Westalliierten hießen, die Währungsreform in Kraft getreten. Neues und alleiniges Zahlungsmittel war die Deutsche Mark. Die bis dahin gültige Reichsmark war nun weitgehend wertlos.

Siegfried Tobey: Viele Geschäfte, aber leere Auslagen

"Ich weiß noch gut, wie das war", erinnert sich Siegfried Tobey. Er wird in zwei Monaten 82 Jahre alt und war 1947 als Flüchtling mit seiner Familie von Ostpreußen über Dänemark nach Zell gekommen. Da war er oft in Pfullendorf, wo er später auch hinzog. "Geschäfte gab es in der Innenstadt noch nicht so viele. Dafür eine ganze Menge Landwirte", erinnert er sich. Und auch daran, dass die Auslagen in den Geschäften weitgehend leer waren.

Siegfried Tobey hat noch alte Geldscheine: Reichsmark und D-Mark.
Siegfried Tobey hat noch alte Geldscheine: Reichsmark und D-Mark. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Am Sonntag, 20. Juni ging er mit seinem Vater ins Rathaus in Zell. Dort wurde das "Kopfgeld" verteilt, wie die Leute sagten. 40 D-Mark gab es für jedes Familienmitglied und einige Zeit später noch einmal 20 D-Mark. Was noch an Reichsmark vorhanden war, das wurde eingezogen und vernichtet. "Vater hatte noch viele Reichsmark gerettet", erinnert sich der Rentner. Auf der Flucht habe man das Geld in das Futter der Mäntel eingenäht. Doch leider nutzte das nichts, das Geld war nichts mehr wert.

Ausgehandelte Kaufpreise galten nicht mehr

Und natürlich galten auch ausgemachte Kaufpreise nicht mehr. "Wir hatten kaum was zum Anziehen und da hat mein Vater in einem Laden in Pfullendorf Trainingsanzüge für mich und meine Brüder bestellt und im Voraus einen Preis in Reichsmark ausgemacht. Nach der Währungsreform waren die Kleidungsstücke dann da, aber der Preis galt nicht mehr und Vater musste noch einige D-Mark drauflegen."

Sparer fühlten sich förmlich enteignet

Nach dem Umstellungsgesetz vom 27. Juni 1948 wurden private Bankguthaben in Reichsmark im Verhältnis 10:1 in D-Mark umgetauscht. Angerechnet wurde das zuerst ausgezahlte "Kopfgeld" von 40 DM. Kontenbesitzer konnten nur über die Hälfte des umgewandelten Betrags frei verfügen. Die andere Hälfte war zunächst auf einem Festkonto blockiert. Grundbesitz, Produktionsstätten und Aktien behielten ihren Wert und wurden weiter frei gehandelt. Im Oktober 1948 wurde das Umstellungsverhältnis nochmals geändert: Für 100 Reichsmark gab es 6,50 D-Mark. Viele Sparer fühlten sich förmlich enteignet.

Karl Frey hat noch sein altes Sparbuch mit dem Guthaben von 300 Reichsmark. Die waren nach der Währungsreform nichts mehr wert.
Karl Frey hat noch sein altes Sparbuch mit dem Guthaben von 300 Reichsmark. Die waren nach der Währungsreform nichts mehr wert. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

So auch Karl Frey. Der 94-Jährige holt aus einer Schublade das Postsparbuch mit einem Guthaben von 300 Reichsmark. "Davon habe ich keinen Pfennig gesehen", sagt er. Lebensmittel gab es zunächst immer noch auf Zuteilungskarten. Vor der Währungsreform konnte man viel Geld haben, aber es war nichts wert. Und zu kaufen gab es sowieso nichts.

Wurst und Brot erstmals wieder ohne Marken

Das änderte sich nach dem 20. Juni 1948 schlagartig. Schon wenige Wochen danach machte die Kolpingfamilie einen Ausflug nach Tettnang zu einer der ersten Gewerbeausstellungen. Man fuhr mit einem Lastwagen mit Holzvergaser. "Da habe ich dann erstmals wieder erlebt, dass man Wurst und Brot ohne Marken bekommen hat", schmunzelt Karl Frey.

Plötzlich gab es wieder Dinge zu kaufen, die man lange vermisst hatte

Bei der Ausstellung habe es ganz viele Dinge geben, die man lange vermisst hatte. Besonders Nähmaschinen sind ihm im Gedächtnis geblieben. "Das musste doch alles bereits vor der Währungsreform produziert worden sein", vermutet der gelernte Konditor und Buchdrucker. Nicht selten waren Waren bewusst zurückgehalten worden, um sie nach der Währungsreform auf den Markt zu bringen.

Ältere Leute verloren ihren Notgroschen gleich zweimal

Renate Kaufhold erinnert sich noch an den Mathematikunterricht. Dort hatte der Lehrer verkündet, dass jetzt alle gleich viel Geld hätten. Und das Ersparte? "Das war natürlich weg", sagt die 83-Jährige. Für ältere Leute sei das besonders schlimm gewesen, denn die hatten schon nach dem Ersten Weltkrieg alles verloren. Und jetzt waren die Notgroschen schon wieder weg. Das in einem Abstand von nur einigen Jahren.

Besuch beim Friseur kostete 8 Mark

Ein Besuch beim Friseur kostete jetzt 8 Mark. Aber es gab jetzt wieder Dinge zu kaufen, die man lange vermisst hatte, auch wenn die nicht immer bezahlbar waren. So seien Schuhe recht teuer gewesen. Man habe sich gern die Dinge angeschaut, die da in den Auslagen zu sehen waren. "Es war eine verrückte Zeit", sagt Renate Kaufhold. Später führte sie dann mit ihrem Mann selbst ein Geschäft in der Innenstadt.