Ein Mann lebt vier Jahrzehnte auf der Straße – alle Bemühungen ihn in die Arbeitswelt dauerhaft zu integrieren scheitern. Jetzt hat der 57-Jährige doch noch einen Job und einen Platz im Leben gefunden. Diesen Erfolg ermöglichten die Agentur für Arbeit und das Jobcenter Landkreis Sigmaringen, wie die Behörden informieren.

In jungen Jahren schon in den „Teufelskreis“ geraten

Der 57-jährige Jörg Waligora hat eine Kindheit erlebt, die von Trennungen, Gewalt und Sucht geprägt war. Nach seinem Hauptschulabschluss 1979 hat er eine Lehre als Maurer begonnen und ist dann mit 16 Jahren zuhause ausgezogen. Auf dem Bau wurde viel getrunken, so dass er selber alkoholabhängig wurde, Fehlzeiten hatte, seine Ausbildung und dann seine Wohnung verlor. Seitdem war er „auf Platte“, lebte auf der Straße oder immer mal wieder bei Bekannten. Vor 20 Jahren kam er ins Krankenhaus, weil er aufgrund des Alkoholkonsums fast gestorben wäre. Es folgte ein Entzug; seitdem ist er „trocken“. Aber er wohnte weiter prekär, mal hier, mal dort, mal im Norden, mal im Süden; im Sommer draußen, im Winter in Unterkünften.

Dornahof bietet geschützte Bedingungen

Jörg Waligora nahm an verschiedenen Maßnahmen der Arbeitsvermittlung teil und wurde vom Jobcenter unterstützt, zunächst ohne dauerhafte Integration. Bis es ihn 2019 nach Altshausen auf den Dornahof verschlug: Hier wird Menschen, die sozial ausgegrenzt sind, neues Wachstum unter geschützten Bedingungen ermöglicht. Stationäre Hilfen mit tagesstrukturierenden Maßnahmen sind dort Teil des Angebots. Mit besonderem Fingerspitzengefühl, viel Geduld und Ausdauer begleiten Arbeitsanleiter geförderte Mitarbeiter im Arbeitsalltag. Die Aufgaben werden individuell angepasst und gewählt. Andernfalls würden die Mitarbeiter sehr schnell ihre Motivation und Antriebskraft wieder verlieren.

Teilzeitjob in der Wäscherei

Schließlich zog der 57-Jährige in eine der Einrichtung angegliederte eigene Wohnung. Mit der Unterstützung durch Sozialpädagogen und das Jobcenter Sigmaringen begann er eine geförderte Beschäftigung in Teilzeit in der Wäscherei des Dornahofes. Dort hat er sich mittlerweile so gut eingelebt, dass ihm bereits eigenverantwortliche Aufgaben übertragen werden konnten. „Mein erstes selbstverdientes Geld spare ich für besondere Zwecke: Ich bin es ja gewohnt, wenig zu haben und auszugeben. Aber einen nagelneuen Fernseher und ein Mountainbike konnte ich mir nach wenigen Monaten schon leisten“, freut sich Waligora. „Ich bin glücklich, meinen Platz gefunden zu haben.“

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Coachin ist sehr zufrieden

Anke Luks, Arbeitsvermittlerin im Jobcenter, erinnert sich: „Natürlich gab es immer wieder Einbrüche und Überforderungen. Aber mit unserem Coaching konnten wir das beim sehr verständnisvollen Arbeitgeber immer gut auffangen“. Sie freut sich über das Förderinstrument für diesen besonderen Personenkreis. „Als Coachin bin ich nach zwei Jahren seit Einführung des Projektes überzeugt, dass diese Fördermöglichkeit sehr positive Auswirkungen auf diejenigen Arbeitnehmer hat, die sich auf diese Chance einlassen. Bei nahezu allen Teilnehmern habe ich einen Stolz auf ihre Arbeit wahrnehmen können, eine deutliche Steigerung des Selbstwertgefühls und der Zufriedenheit. Die Arbeitgeber auf der anderen Seite sind in der Regel sehr zufrieden und freuen sich über die pünktlichsten und zuverlässigsten Mitarbeiter.“

„Es ist nie zu spät für einen Neuanfang“

Das bestätigt Volker Braun, Vorstand beim Dornahof in Altshausen. „Wir haben uns gern auf das Experiment eingelassen und sind froh, dass Jörg Waligora diese Chance genutzt hat. Es zeigt sich, dass es nie zu spät ist für einen Neuanfang. Wir haben mit ihm einen Mitarbeiter gewonnen, der zu schätzen weiß, welche Möglichkeiten ihm bei uns geboten werden.“

Förderung speziell für Langzeitarbeitslose

Die Förderung nach Paragraf 16i Sozialgesetzbuch II ist Teil des Teilhabechancengesetzes und richtet sich speziell an Langzeitarbeitslose. Wer mindestens sechs Jahre nicht mehr am ersten Arbeitsmarkt beschäftigt war und mehrere Vermittlungshemmnisse hat, hat oft kaum noch Hoffnung auf eine reguläre Einstellung. Diese Menschen bekommen hier eine echte Chance geboten, sozialversicherungspflichtig beschäftigt zu werden. Durch eine sozialpädagogische Begleitung, ein sogenanntes Coaching durch das Jobcenter, wird sichergestellt, dass bei auftretenden Schwierigkeiten während der Arbeit, aber auch im persönlichen Bereich, sofort unterstützt werden kann und so ein möglicher Abbruch vermieden wird. Der Arbeitgeber kann bis zu fünf Jahren mit einem Lohnkostenzuschuss von bis zu 100 Prozent gefördert werden.