100 Maschinen, die miteinander kommunizieren, selbstständig agieren und Kontakt zum einzigen Menschen halten, der sie kontrolliert, unterstützt und immer noch anleitet: Für Michael Schmid, kaufmännischer Leiter der Firma HFM in Kalkreute und Geschäftsführer der Firma NHW, ist das kein Schreckenszenario, sondern die Fabrik der Zukunft. Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten benötigt der einzig verbliebene Arbeitnehmer in diesem Produktionsprozess und welche Herausforderungen kommen auf die Betriebe zu?

„Es entsteht ein neuer Arbeitsmarkt, für den es noch keine Berufsbilder gibt“, weist der 29-jährige Schmid darauf hin, dass auch die Unternehmen bei der Arbeitswelt 4.0 Neuland betreten müssen. Es gelte beispielsweise, Bewertungsmaßstäbe für bislang unbekannte Tätigkeiten zu entwickeln. Zunehmende Digitalisierung bedeute auch, dass die IT-Sicherheit sich erhöhen müsse. Und die Entgeltregelungen müssten angepasst werden, wenn beispielsweise ein Beschäftigter nachts von der Maschine informiert werde, dass Material benötigt und der Beschäftigte dann aktiv werden müsse. „Wir müsen diese Herausforderungen pro-aktiv angehen und besonders den internationalen Austausch pflegen“, ist Schmid optimistisch, dass dies auch gelingt, denn der „Open Source“-Gedanke“ sei bei der jungen Generation weit verbreitet. Dass die sich stetig beschleunigende Technologieentwicklung zu immer kürzeren Verfallsdaten von Berufsbildern führt, ist für Michael Schmid nicht ausgemacht: „Ein Berufsbild hat immer solange Bestand, bis eine disruptive Technologie ihn verändert oder überflüssig macht.“

„In der Tat sind wir als Arbeitgeber gefordert, nicht nur einen Ausbildungsplatz mit der Möglichkeit zur späteren Übernahme bieten, sondern es zählen immer mehr andere Faktoren“, pflichtet Ralf Doll, Geschäftsführer der Firma Langer, bei. Das 1975 in Illmensee gegründete Maschinenbauunternehmen beschäftigt rund 160 Leute und ist als Zulieferer unter anderem für die Auto-, Luftfahrt- und Raumfahrtindustrie tätig. Für die Arbeitnehmer der Zukunft müssten Unternehmen künftig mehr bieten und nennt übertarifliche Lohnzahlungen, Physiotherapeuten, Leasingmöglichkeiten, Ausflüge, moderner Maschinenpark, Weiterbildungsmöglichkeiten, Freiräume für innerbetriebliche Projekte wie Internetauftritt/Facebook als Beispiele.

Die Herausforderung für den Arbeitgeber bestehe schon heute darin, Interessenten für gewerbliche Berufe zu begeistern, sagt Ralf Doll. Wenn man jemanden gefunden habe, gelte es, diesen nicht nur zu fordern, sondern auch zu fördern, beispielsweise durch die gezielte Betreuung während der Ausbildung. „Bei Langer betreuen drei Ausbilder rund 24 Auszubildende“, ergänzt Doll, man überlege derzeit, sogar einen vierte Ausbilder ins Team zu holen. „Wir als Arbeitgeber dürfen also nicht nur einen Arbeitsplatz anbieten, sondern eine Perspektive, was man mit der Ausbildung später anfangen und man auf ihr aufbauen kann“, zählt er Meister, Techniker oder FH-Studium als Möglichkeiten auf. Unter den bereits genannten Aspekten und dem Aspekt der heutigen Generation, die heute deutlich mehr hinterfrage, werde der Ausbildungsbetrieb immer aufwändiger und dadurch kostenintensiver. Arbeitsplätze der Zukunft erfordern nach seiner Erfahrung zudem auch den Einsatz neuer Techniken mitsamt modernem Maschinenpark, was wiederum eine vermehrte Kapitalbindung mit sich bringe.

Dass auf die Arbeitnehmer der Zukunft neue Herausforderungen wie lebenslanges Lernen zukommen, bestätigt Managementtrainer Martin Braun aus Illmensee. Der neue Arbeitnehmertypus ist nach seiner Überzeugung jemand, der eben nicht zuerst nach Zuständigkeit und abgesicherten Prozessen frage, sondern der sich traue, Überlegungen, Bedenken und Teillösungen in Teams offen einzubringen. Und sich dabei der sachlichen Kritik aussetze, um auf diese Weise gemeinsames Weiterdenken zu ermöglichen. Es gebe schon entsprechende Arbeitstechniken, sagt Martin Braun, allerdings falle es Kollegen und Chefs noch ganz schön schwer, beispielsweise mit Kritik umzugehen. Als „überlebenswichtige und strategische Aufgabe“ bezeichnet Braun das Gewinnen von Mitarbeitern, genauso aber das Aus- und Weiterbilden. Der Experte ist überzeugt, dass dies machbar ist, aber die Unternehmen beziehungsweise Unternehmer brauchten dazu einen viel intensiveren Blick auf die Menschen und deren Entwicklungsmöglichkeiten als bisher. Davon ist er überzeugt.

Die Digitalisierung verändert auch die Wirtschafts- und Arbeitswelt des Handwerks, das weiß Harald Hermann, Präsident der Handwerkskammer Reutlingen, wobei sich branchenabhängig immer mehr Betriebe auf diese Entwicklung einstellten. Klar sei, dass auch im Handwerk die Weiter- und Fortbildung der Beschäftigten entscheidend sei, sagt der Handwerkskammer-Präsident, damit diese auf dem neuesten Stand und der Betrieb zukunftsfähig bleibe.

Handwerker bleiben weiter gesucht

Harald Herrmann, Präsident der Handwerkskammer Reutlingen, über die Arbeitswelt

Die Digitalisierung verändert die Wirtschafts- und Arbeitswelt und damit auch das Handwerk. Ist das Handwerk darauf eingestellt?

Pauschal kann man das nicht beantworten. Sie müssen sich einfach die Vielfalt des Handwerks vor Augen führen. Während manche Betriebe in Sachen Digitalisierung schon sehr fit sind, spielt sie bei anderen keine so große Rolle. Denken Sie nur an die feinwerktechnischen Zulieferer und Prototypen-Modellbauer, denen völlig neue Formen der Kooperation und Kommunikation mit industriellen Auftraggebern abverlangt wird.

Wie zukunftsfähig ist das Handwerk im Zeitalter von Robotern und dem Zusammenspiel von Mensch und Maschine?

Das Handwerk hat sich immer verändern müssen. Zum einen hat es Entwicklungen durch seinen Erfindungsreichtum vorangetrieben, auf der anderen Seite hat es sich selbst anpassen müssen. Schließlich wird es künftig darum gehen, die Praxistauglichkeit der von hochtechnisierten Handwerkern entwickelten und installierten Maschinen und Produktionsstraßen zu gewährleisten oder etwa das vernetzte Haus umzusetzen und später für Wartung oder Reparatur zu sorgen.

Wie beurteilen Sie generell die Zukunftsfähigkeit des Handwerks im ländlichen Raum – auch vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und dem Trend zur Urbanisierung?

Das Handwerk hat natürlich eine Zukunft. Vielleicht sogar mehr denn je. Handwerker werden auch dann gefragt sein, wenn die Digitalisierung noch weiter vorangeschritten ist. Eine wesentliche Grundlage im ländlichen Raum ist, dass der Breitbandausbau vorangetrieben wird. Hier gibt es leider immer noch einen großen Nachholbedarf. Thema demografische Entwicklung: Wenn man an den aktuellen Fachkräftemangel denkt, dann kann man jetzt schon sagen, dass Handwerker gesucht sein werden.

Welche Berufe haben eine gute Perspektive und welche nicht?

Hier kann ich keinen Beruf ausschließen, auch wenn einzelne Gewerke in der Entwicklung vielleicht verschwinden werden: Aber auch das gab es schon immer. Nehmen Sie zum Beispiel den Handschuhmacher, den Glockengießer oder den Wagner, die heutzutage kaum noch eine Rolle spielen. Aber wenn Handwerker weiterhin „Problemlöser“ für private und industrielle Kunden sind, dann sehe ich nicht schwarz für unseren Wirtschaftszweig.