Im zweiten Anlauf haben es Ostrach und Meßkirch mit einem gemeinsamen Förderantrag geschafft, dass das Land den beiden Kommunen die Stelle eines Integrationsbeauftragten finanziert, der seine Arbeit hälftig auf die Gemeinden aufteilt. Am 3. April hat die in Rulfingen beheimatete Martina Eisele diese Tätigkeit übernommen, und bei einem Pressegespräch im Rathaus Ostrach stellten Bürgermeister Christoph Schulz und sein Meßkircher Amtskollege Arne Zwick gestern ihre neue Mitarbeiterin vor. Zu Beginn machten die beiden Rathauschefs klar, dass ihre Integrationsbeauftragte nicht mit den sogenannten Integrationsmanagern verwechselt werden dürfe, die sich ausschließlich um Flüchtlinge kümmern, und zwar in der Einzelbetreuung. Das Land finanziert auch die Managerstellen und hat entsprechend der Flüchtlingszahl für den Landkreis Sigmaringen 3,5 Stellen bewilligt. Und das Landratsamt hat einen Vertrag mit der Caritas abgeschlossen, sodass diese Manager vom Sozialverband angestellt sind. Die Mitarbeiter kümmern sich einzelfallbezogen um die Flüchtlinge, die im Rahmen der kommunalen Anschlussunterbringung in den Gemeinden untergebracht sind.

Integrationsbeauftragte Martina Eisele übernimmt in Ostrach und Meßkirch vornehmlich administrative Aufgaben. Dazu gehört die Unterstützung ehrenamtlicher Helfer oder Initiativen, die sich im Rahmen der Flüchtlingsproblematik gegründet haben. Aber der Personenkreis, den die erfahrene Sozialarbeiterin und die Kommunen im Blick haben, ist viel größer. "Wir haben immer mehr Zuzüge aus dem EU-Ausland und hier wollen wir Unterstützungsstrukturen aufbauen", nannte Bürgermeister Arne Zwick als Beispiel einen Arbeiter aus Rumänien, der Meßkirch oder Ostrach einen Arbeitsplatz gefunden und nun seine Familie nachgeholt hat. "Die Angehörigen haben meistens keine Sprachkenntnisse, kennen unseren Alltag oder Bürokratie nicht", ergänzte Zwick, dass die Integrationsbeauftragte hier als Anlaufstelle fungieren kann.

Gefragt ist also Netzwerkarbeit und hier kann Eisele auf eine vieljährige Erfahrung zurückgreifen. Sie war acht Jahre bei der Stadt Biberach exakt in dieser Position beschäftigt und initiierte dort unter anderem einen Dolmetscherpool. In der Stadt leben Angehörige von rund 100 Nationalitäten, kann sie sich vorstellen, ein solches Projekt auch im Landkreis Sigmaringen anzugehen. "In Ostrach leben Angehörige aus 48 Nationen", hatte Bürgermeister Schulz die Zahlen für seine Gemeinde parat. Zu diesen 485 Menschen mit Migrationshintergrund zählen 24 erwachsene Asylbewerber und 24 Kinder. Den Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund schätzt der Rathauschef auf etwa 23 Prozent. In Meßkirch dürfte wohl jede vierte Einwohner in diese Kategorie fallen, ergänzte Arne Zwick.

Bei der Arbeit von Martina Eisele in den beiden Gemeinden ist die Unterstützung der ehrenamtlichen Helfer sehr wichtig. In Ostrach existiert seit Jahrzehnten ein Unterstützerkreis für Asylsuchende, der von Sigrid Weydemann geleitet wird und wöchentlich treffen sich Menschen verschiedenster Kulturen im Asylcafe'. Diese Helfer stoßen oft an ihre Belastungsgrenzen und die Integrationsbeauftragte könnte ihre Motivation aufrechterhalten und sogar neue Helfer finden, hoffen die Bürgermeister. Es gibt auch schon Ideen, welche Vorhaben man anpacken will. In Ostrach will man ein interkulturelles Fest veranstalten, damit Angehörige unterschiedlicher Nationen ins Gespräch kommen. Das Organisieren solcher Projekte bedeutetet für die Ehrenamtlichen einfach zusätzliche Arbeit, die sie kaum leisten könnten.

Für Meßkirch kann sich Eisele vorstellen, ein Patenprogramm für Flüchtlinge und Migranten zu initiieren. Höchste Priorität haben für die Integrationsbeauftragte Gespräche mit Kindergärten und Schulen, denn je früher die Sprachförderung einsetzt, desto größer sind die Erfolgsaussichten, was die Integration angeht. Bei der Integration müsse man einen ganzheitlichen Ansatz wählen, ist Eisele überzeugt. Sie kann sich vorstellen, dass im Rahmen des aktuellen Kulturschwerpunktes des Landkreises zum Thema "Demokratie und Toleranz" Migranten auch mal eine Gemeinderatssitzung besuchen, oder die Bürgermeister den neuen Einwohnern die Grundlagen der parlamentarischen wie kommunalen Demokratie erklären.

Beide Rathauschefs verhehlten nicht, dass durch die neue Mitarbeiterin das Stammpersonal ihrer Verwaltung entlastet wird, das sich in den vergangenen Jahren zusätzlich zum originären Aufgabenfeld um die Flüchtlingsbetreuung zu kümmern hatte. Hier gab es von Christoph Schulz an seine Ordnungsamtsleiterin Eugenia Baron, die beim Pressegespräch mit dabei war, ein dickes Lob für dieses Engagement. "Selbstverständlich arbeite ich nicht nur mit Ehrenamtlichen zusammen, sondern auch mit den Verwaltungen der Gemeinden", bestätigte Martina Eisele. Sie warb beim gestrigen Gespräch eindringlich dafür, das Potenzial der Neuankömmlinge für die Gemeinden und die Gesellschaft zu sehen, und nicht nur die anfänglichen finanziellen Belastungen. Hier pflichtete ihr Bürgermeister Schulz bei: "Wir haben Unternehmen, die händeringend Beschäftigte suchen. Nicht zu vergessen unsere Kindergärten und Schulen, die auch ausgelastet sein sollten."

Die Finanzierung der Stelle ist vom Land vorerst auf drei Jahre befristet. Eisele wird donnerstags in Ostrach von 9 bis 12 Uhr in ihrem Büro im ehemaligen Rathaus Bürgersprechstunden für alle Einwohner abhalten, wobei sich alle Menschen an sie wenden können.

"Integration geht über Generationen"

Die Integrationsbeauftragte Martina Eisele erzählt im SÜDKURIER-Gespräch über ihre Aufgaben.

Die Stelle der Integrationsbeauftragten ist neu?

Nein. Die Stadt Sigmaringen hat schon eine solche Stelle. Die Finanzierung ist vom Land vorerst auf drei Jahre befristet. Dass sich zwei Kommunen diese Stelle teilen, ist für den Landkreis Sigmaringen neu.

Sind Sie auch für die Öffentlichkeit präsent?

Im ehemaligen Rathaus Ostrach habe ich ein Büro und werde donnerstags von 9 bis 12 Uhr dort eine Bürgersprechstunde abhalten.

Bei der Bürgersprechstunde können Flüchtlinge sich bei Ihnen melden?

Nein. Dieses Angebot richtet sich ausdrücklich an alle Bürger.

Wo sehen Sie die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Die Netzwerkbildung und die Koordination bestehender Angebote. Oft weiß man nicht, welche Unterstützungsmöglichkeiten es schon gibt und dann besteht die Gefahr, dass sich Parallelstrukturen bilden.

Ohne Sprachkenntnisse kann eine Integration nicht gelingen?

Das ist natürlich entscheidend. Wobei wichtig ist, dass man seine Muttersprache gut beherrscht. Wenn das beispielsweise arabisch ist, dann kann man in der Familie diese Sprache pflegen, aber Erwachsene sollten sich einen Rhythmus angewöhnen, während des Tages auch Deutsch zu reden, beispielsweise beim Abendessen.