Rock ist tot. Aber dem Rockfestival geht es besser denn je! Auch wenn die Zahl weltberühmter Gitarrengötter und Rocksänger Jahr für Jahr abnimmt, weil die Mitglieder der alten Rockstar-Riege zu Grabe getragen werden, können sich die Festivals nicht über Besuchereinbrüche beklagen. Im Gegenteil: Mehr als die Hälfte der 18- bis 35-Jährigen bezeichnen Open Airs wie Wacken oder Rock am Ring als ihre liebsten Veranstaltungsorte. Nicht einmal Kneipen und Clubs können dagegen anstinken.

Wem es schwerfällt, diesem Umfrage-Ergebnis des Online-Magazins „Virtual Nights“ zu glauben, dem sei ein Abstecher nach Neuhausen ob Eck ans Herz gelegt. Jahr für Jahr verwandelt sich die 4000-Einwohner-Gemeinde im Landkreis Tuttlingen drei Sommertage lang in eine Oase der Jugendkultur. Im Schwarzwald, am Hochrhein und Bodensee gehört das Southside zum Erwachsenwerden genauso dazu wie Pubertätspickel und der erste Kuss.

Das Southside-Festival in Neuhausen ob Eck im Kreis Tuttlingen
Das Southside-Festival in Neuhausen ob Eck im Kreis Tuttlingen | Bild: Felix Kästle (dpa)

20 Jahre Southside

Auch am 22. Juni werden mit Dosenbier und Ravioli-Konserven, Sonnencreme und Igluzelten bepackte Jugendliche karawanenweise nach Neuhausen ziehen. Das Southside wird dann 20 Jahre alt. Neben den rund 60 000 Musikfans haben die Veranstalter 65 Künstler zu dieser Geburtstagsfeier eingeladen. Vom frühen Nachmittag bis spät in die Nacht werden sie die Party von vier Bühnen aus beschallen. Die Ehrengäste: Arctic Monkeys, Arcade Fire, The Prodigy und Billy Talent. Bands, die versuchen, das totgesagte Rockgenre am Leben zu erhalten.

<strong>Die Arctic Monkeys</strong> machen melodischen Indie-Rock. Bild: Michal Nelson/dpa
Die Arctic Monkeys machen melodischen Indie-Rock. | Bild: dpa

Den Kanadiern von Billy Talent gelingt das mit punkigen Hymnen wie „Red Flag“ oder „Fallen Leaves“. Wuchtige, bretternde Lieder – wie geschaffen, um haareschüttelnd auf der Stelle zu hüpfen. Der melodische Indierock der Arctic Monkeys wiederum erinnert an die britischen Wurzeln des Rock. Nicht nur musikalisch, sondern auch durch den charmanten Sheffield-Akzent, mit dem Frontman Alex Turner seinen Sprechgesang vorstößt. Auf Songs wie „When the Sun Goes Down“ hört er sich an wie ein wütender John Lennon – dem man zur Beruhigung eine Dosis Speed verabreicht hat.

Die wuchtigen Lieder von Billy Talent sind wie geschaffen fürs Abtanzen. Bild: Dustin Rabin
Die wuchtigen Lieder von Billy Talent sind wie geschaffen fürs Abtanzen. Bild: Dustin Rabin

Eine Spur abgefahrener klingen Arcade Fire. Weniger Lennon. Dafür mehr Bowie und mehr Synthesizer. Sogar noch elektronischer wird es bei der britischen Gruppe The Prodigy. Das beste Beispiel: „Smack my bitch up“. Jeder, der irgendwann in den vergangenen 20 Jahren eine Disko betreten hat, wird die Elektro-Rock-Hymne schon nach wenigen Sekunden erkennen.

Arcade Fire (hier Frontmann Win Butler) gehören zu den diesjährigen Headlinern. Bild: dpa
Arcade Fire (hier Frontmann Win Butler) gehören zu den diesjährigen Headlinern. Bild: dpa

Einen kürzeren Anfahrtsweg als The Prodigy müssen Wanda überwinden. Die fünf Österreicher hüpfen einfach einmal über die Alpen und schon sind sie da. Aber auch wenn die Gruppe aus dem Nachbarland kommt, heißt das nicht, dass man die von Marcus Michael Wanda schmerzerfüllt vorgetragenen Rocksongs auf Anhieb versteht. Das liegt zum einen am Wiener Dialekt des Sängers, inklusive italienischer Einstreuer. Noch mehr aber an seinen Texten: „Tante Ceccarelli hat in Bologna Amore gemacht – Amore meine Stadt!“ Doch Wanda muss man nicht verstehen, Wanda muss man fühlen! Und dafür sorgen die Wiener ohne Rücksicht auf Verluste. Es wäre verwunderlich, wenn Marcus Michael Wanda am Ende nicht halbnackt, schweißtropfend und heiser die Bühne verlassen würde.

Pop mal wienerisch: die österreichische Kultband Wanda. Bild: dpa
Pop mal wienerisch: die österreichische Kultband Wanda. Bild: dpa

Aber nicht nur darauf dürfen sich die Southside-Besucher freuen: Deutschrock von Kraftklub, melancholisch Eingängiges von George Ezra, ein zu wummernden Beats rappender Marteria, Old School Hip Hop von Samy Deluxe und viel viel mehr. Die Geburtstagsfeier in Neuhausen ob Eck hat für jeden Partygast ein Geschenk im Gepäck.