So richtig hat das Festival noch gar nicht begonnen, als der Veranstalter FKP Scorpio es am Freitag um 20.15 Uhr schon wieder beendet. Dass Tom Odell, Flogging Molly, Blues Pills und Elliphant die letzten auf den vier Bühnen des Southside 2016 sind, ist zu diesem Zeitpunkt allerdings niemandem klar.

Der Festivaltag in Neuhausen ob Eck beginnt heiß, sehr heiß. Blauer Himmel, Sonne, mehr als 30 Grad, zu viel Alkohol, zu wenig Wasser. Tausende Menschen reisen noch an. Mit Rucksäcken und Bollerwagen, auf denen turmhafte Konstruktionen aus Bierpaletten, Campingstühlen, Kühlboxen und Grills gefährlich hin und her schwanken, kämpfen sie sich mit rot glühenden Köpfen übers Gelände. Der Schweiß läuft ihnen wie ein Wasserfall das Gesicht herunter. Besucher, die sich bereits niedergelassen haben, sorgen für Erfrischungen, indem sie mit einer Schleuder Wasserbomben bis zu 50 Meter weit katapultieren. "Wir sorgen für eine Abkühlung, in einer großen Reichweite, für fremde Menschen", erklärt Felix Reuter.

Zunächst macht den Besuchern noch die Hitze zu schaffen 

Die Abkühlung kommt aber für die meisten zu spät. Immer wieder quetschen sich die breiten Rettungsfahrzeuge mit ihren Sirenen, die über das ganze Gelände schallen, durch die Zeltstadt. Im Minutentakt gelangen Festivalcamper in eines der acht Sanitätszelte: vor allem Kreislaufprobleme, Sonnenbrände und Verbrennungen, aber auch Schnittwunden und Verstauchungen. "Es ist alles im Rahmen, aber man merkt, dass die Zahl der Patienten im Laufe des Tages deutlich gestiegen ist", erklärt Claudia Bangnowski von den Johannitern.

Den ganzen Tag ist klar: Am Abend soll Abkühlung kommen, Gewitter, Regen und Sturm sind angesagt. Die Wetterlage ist jedoch so unbeständig, dass niemand etwas Genaues sagen kann. Die meisten sehnen in der brennenden Hitze die Abkühlung herbei. Doch der Himmel bleibt lange Zeit wolkenlos. Selbst als die ersten Tropfen vom Himmel fallen, scheint die Sonne noch - aber nicht mehr lange. "Beim Southside angekommen und dann fängt es an zu regnen", ruft ein Festivalbesucher, der gerade aus dem Shuttle-Bus steigt. Er wird kein einziges Konzert mehr sehen.

"Wenn ihr nicht sterben wollt, dann geht jetzt": Die Evakuierung beginnt

Innerhalb von Minuten bauen sich die Gewitterwolken auf, der Regen prasselt auf Zuschauer, Blitze zucken über den Himmel. Der Veranstalter, der laut Hans-Jürgen Osswald, Bürgermeister von Neuhausen ob Eck, den ganzen Tag mit verschiedenen Meteorologen und dem Deutschen Wetterdienst in Verbindung steht, unterbricht das Festival, leitet den Notfallplan ein und evakuiert mit Hilfe der Polizei und allen Einsatzkräften das Gelände. Vor allem über die sozialen Medien verbreitet sich die Aufforderung von FKP Scorpio an die Besucher: "Bitte verlasst das Veranstaltungsgelände zu euren Fahrzeugen und nehmt andere Besucher in Euren Fahrzeugen auf. Besucher ohne Fahrzeug finden sich ansonsten bitte an den Bushaltestellen ein."

Nicht allen ist sofort der Ernst der Lage klar. Elena Conzelmann erzählt einen Tag später: "Sie sagten uns, wir sollen zu unseren Autos gehen und wir dachten so, 'klar, machen wir gleich'. Dann meinte ein anderer: 'Wenn ihr nicht sterben wollt, dann geht jetzt'." Die Polizei zieht eine Absperrung auf, fordert mit Lautsprechern die Menschen auf, sich in Sicherheit zu bringen. Die Festivalbesucher tanzen im Regen und rufen: "Die Grenze muss weg." Als das Wetter immer schlimmer wird, verlassen aber die allermeisten das Gelände, ruhig und ohne Panik. "Es war sehr entspannt, niemand verfiel in Panik. Stattdessen sangen sie alle 'Hurra, die Welt geht unter'", erklärt Ezgi Tosun am Tag nach der Sturmnacht. Auch die Polizei bilanziert am Samstagnachmittag, die 60 000 Besucher hätten überwiegend diszipliniert beziehungsweise ruhig den Veranstaltungsort verlassen.

Besucher ohne Auto kommen in Hallen unter

Die Menschen, die nicht mit Autos da sind, kommen in Hallen unter. Mehr als 30 Busse fahren sie in Notunterkünfte in der Umgebung. "Das war gut organisiert. In den Hallen gab es Wasser und es kam ein Bäcker vorbei, der uns umsonst Brötchen brachte", so Ezgi Tosun. Der Veranstalter, Sanitätsdienste und die Feuerwehr versorgen die wartenden Besucher. "Der Notfallplan ist wirklich gut aufgegangen. Es ist niemand ernsthaft zu Schaden gekommen", erklärt Hans-Jürgen Osswald. 57 Verletzte behandeln die Sanitäter während des Unwetters, 25 Leichtverletzte, die ins Krankenhaus kommen. Die meisten sind laut Claudia Bangnowksi von den Johannitern schon wieder entlassen.

Als immer noch die Hoffnung besteht, bald wieder auf das Gelände zurückzukehren, um The Prodigy, Deichkind oder Die Orsons zu hören, gibt es in den sozialen Medien bereits die nächste Unwetter-Warnung: "Wir haben eine amtliche Unwetterwarnung bis 0 Uhr mit schwerem Gewitter, Orkanböen, extrem heftigem Starkregen und Hagel! Da das Wetter extrem unbeständig ist, können wir vorher keine Aussage treffen, wann eine Besserung der Lage eintritt", so der Veranstalter.

Faustgroße Hagelkörner, Sturm, Starkregen

Das Wetter schlägt dann mit voller Härte zu, faustgroße Hagelkörner hämmern auf Bühnen, Zelte und Autos. "Der Vorläufer war ein Sommergewitter, dann kam schnell die nächste Gewitterfront", erklärt Osswald. Er selbst habe so einen Sturm in zwölf Jahren nur einmal erlebt. "Das erste Gewitter baute sich direkt über der Gemeinde auf, das zweite kam dann von Osten, was sehr ungewöhnlich ist." Das Gewitter steigert sich nach Angaben des Veranstalters in ein Unwetter mit Windstärken von 100 Kilometern pro Stunde und sintflutartigem Starkregen.

Nicht nur das Southside bekommt diese Wetterlage zu spüren, zu mehr als 90 Einsätzen muss die Feuerwehr in der Nacht in der Gemeinde ausrücken: vollgelaufene Keller, entwurzelte Bäume, abgedeckte Dächer – nur mit Hilfe des gesamten Landkreises ist die Lage in den Griff zu bekommen. "Das war eine riesige Herausforderung, das parallel zu meistern, Southside und die Situation im Ort", so Osswald.

Am Samstagmorgen zeigt sich das Ausmaß der Zerstörung

Am nächsten Tag Bestandsaufnahmen: Pavillons hängen in Absperrungen, Zelte stehen kopfüber oder unter Wasser, überall liegen Schuhe, Bierdosen und Essen. Die Wege sind nur noch mit Gummi-Stiefeln passierbar. Der Bürgermeister ist selbst immer wieder in der Nacht, am Morgen und am Vormittag auf dem Gelände. "Mindestens 50 Prozent der Zelte sind zerstört, teils stand der Platz 40 Zentimeter unter Wasser." Auch die Sanitäter glauben ihren Augen kaum, als sie zur Rettungsdienstleitstelle zurückkehren. "Zwei Zelte standen noch. Der Rest war zerstört. Ein Zelt hat es hoch gehoben", erzählt Rettungsassistent Alen Mikulcic.
 

Von 1000 mitgebrachten Infusionen, 1500 Verbandspäckchen und 280 Meter Pflaster sind nach der Sturmnacht nicht mehr viel über. Für den Veranstalter steht fest, dass die Sicherheit und Ordnung für eine Fortsetzung des Festivals nicht mehr gewährleistet ist. Am Samstag, 5 Uhr, kommt dann die Information, dass das Festival abgebrochenn ist. "Nach unserer Bestandsaufnahme des Veranstaltungsgeländes und im Hinblick auf die weiteren Wetteraussichten, können wir das #southside16 nicht fortsetzen", heißt es im Internet.

"Das war die einzige mögliche Entscheidung", sagt Hans-Jürgen Osswald. Und: "Technik und Bühne waren massiv beschädigt. Das Gelände war nicht mehr bespielbar." Das sehen auch die Southside-Besucher so, auch wenn sie enttäuscht sind. "Das war unser erstes Festival und die wirklich guten Band sollten ja erst noch kommen. Aber es war die absolut richtige Entscheidung", sagt Festival-Besucher Marvin Lakowitz. Er will mit seinen Freunden nächstes Jahr wieder mit dabei sein.


 

Das müssen Besucher wissen:

Rückerstattung: Obwohl vom Veranstalter bis Samstagabend keine Auskunft zu bekommen war, können Festivalbesucher laut Verbraucherzentrale trotz höherer Gewalt einen Teil des Geldes zurückverlangen – anteilig zu den ausgefallenen Konzerten, heißt es auf der Internet-Plattform tonspion.de. Die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz erklärt: "Müssen Teile einer Musikveranstaltung wegen höherer Gewalt ausfallen, dann entfällt dafür der Eintrittspreis. Betroffene Besucher können das gezahlte Eintrittsentgelt zurückverlangen, soweit bei dem Festival keine Leistung erbracht werden konnte." Der Veranstalter hat aber erklärt, dass es zu diesem Thema noch Auskunft geben soll.

Camping-Platz: Der Platz ist seit Samstag, 19 Uhr, geschlossen, der letzte Shuttlebus ist abgefahren. Das Fundbüro ist laut Veranstalter geöffnet, es ist an der Kasse Süd, gegenüber von Parkplatz 2.

Weitere Infos: Der Veranstalter informiert Besucher über die eigene Homepage, die Handy-App, über Twitter und Facebook.