Die Sonne strahlt, Vogelgezwitscher liegt in der Luft, vereinzelt huschen Menschen über die fast leergefegten Dorfstraßen von Neuhausen ob Eck. Vom regen Treiben, wie es nur wenige entfernt auf dem Gelände des Southside Festivals herrscht, ist hier an diesem Samstagmorgen nichts zu spüren und nichts zu hören.

Plötzlich durchbricht das lautstarke Hämmern eines Traktor-Motors die morgendliche Idylle: Ein grasgrüner Deuz, Baujahr 1963, tuckert mit erdbraunem Holzanhänger im Gepäck die Hauptstraße entlang. Sieben Personen, sichtlich erfreut ob der Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird, sitzen auf dem Gefährt. „Wir kommen gerade vom Festival“, erzählt Vinzenz Grießhaber, der das Steuer des Traktors in der Hand hält. Die Freunde, die alle dieselbe Klasse besuchen, sind gerade auf dem Weg nach Buchheim, einem Nachbardorf  von Neuhausen. „Wir fahren zum Weißwurstfrühstück und Duschen nach Hause“, erzählt der 17-Jährige. Später, so sagt er zum Abschied, geht es dann wieder zurück auf das Festival.

Zum Southside Festival kommen rund 60 000 Besucher nach Neuhausen ob Eck - einen Ort mit knapp 4000 Einwohnern.
Zum Southside Festival kommen rund 60 000 Besucher nach Neuhausen ob Eck - ein Ort mit knapp 4000 Einwohnern. | Bild: Lukas Reinhardt

Derartige Geschichten zählen zu den Kuriositäten, mit denen die 4000-Einwohner-Gemeinde seit etwa 20 Jahren lebt - nämlich immer dann, wenn wie dieses Jahr knapp 60 000 Besucher zum Feiern auf das Musikfestival kommen. Dann befindet sich auch das kleine Neuhausen im Ausnahmezustand.  Für Helmut Munk, der sich am Straßenrand gerade mit zwei Festivalbesuchern unterhält, kein Problem. „Wir sind das schon gewöhnt“, erzählt der 66-Jährige, der bisher jedes der 20 Festivals miterlebt hat. „Die Musik höre ich je nachdem, wie der Wind steht“, sagt er. Als störend empfindet er das aber nicht. In Neuhausen selbst sei es in den vergangenen Jahren eher ruhiger geworden, erzählt er am Ende des Gesprächs: „Früher kamen mehr Besucher in unsere Stadt, aber mittlerweile gibt es auf dem Gelände ja fast alles.“

Weiter auf der Neuhausener Hauptstraße. Eine fünfköpfige Gruppe schleppt gerade palettenweise Dosenbier in Richtung Zeltplatz. „Beim Supermarkt ist das wesentlich günstiger als auf dem Festival“, sagt Justin Bericher, der mit seinen Freunden aus Biberach angereist ist. „Außerdem haben wir zu wenig eingepackt“, schiebt Begleiter Jonas Berenz hinterher. Die Truppe  zieht weiter.

Justin Bericher (von links) und Jonas Berenz besorgen im Supermarkt Nachschub für das Festival.
Justin Bericher (von links) und Jonas Berenz besorgen im Supermarkt Nachschub für das Festival. | Bild: Lukas Reinhardt

Ilona Bergmann, Leiterin des einzigen Supermarktes in Neuhausen, ist auf  Festivalgänger vorbereitet, die Nachschub benötigen: „Es ist schon die dritte Fuhre Dosenbier, die ich in dieser Woche bestellen musste – etwa 400 Paletten insgesamt“, sagt die 31-Jährige, die selber eines der rosafarbenen Festivalbändchen am Handgelenk trägt. „Fünf meiner acht Mitarbeiter gehen auch zum Southside“, erzählt Bergmann.

Nur positive Erfahrungen mit Festivalbesuchern

Unter die Festivalgänger, die gerade ihren Bierengpass beseitigen oder säckeweise Dosenpfand zurückbringen, mischen sich im Supermarkt auch zahlreiche Einheimische. Sie besorgen Alltägliches: Obst, Gemüse, Gebäck. Patrizia Breuel ist eine von ihnen. Die Rentnerin freut sich, dass mit dem Festival Leben und Abwechslung nach Neuhausen gekommen ist. „Damals, als alles begonnen hat, habe ich Menschen auch bei mir duschen lassen“, erinnert sie sich. Negatives hat sie bisher nicht erlebt. „Die jungen Leute brauchen das auch, einen Ort, an dem sie sich ausleben können. Das weiß ich aus eigener Erfahrung“, sagt Breuel, selber fünffache Mutter. Aber nicht nur die Jugend profitiere von dem Festival. „Auch Neuhausen gehe es dadurch gut“, sagt Patrizia Breuel und begibt sich in Richtung Kasse.

Direkt an der Hauptstraße, der Hauptverkehrsader des Ortes, liegt eine kleine Bäckerei. Hier herrscht Leben. In der Warteschlange drängen sich Einheimische und Festivalbesucher gleichermaßen. Sie decken sich ein mit frischem Gebäck – oder stärken sich direkt vor Ort: wie Hartmut Fiedler und Reinhard Menzel, 55 und 56 Jahre alt, Festivalbesucher aus Freiburg und Lauchingen. Mit Kaffee und Schokocroissant starten sie in ihren Tag. „Wir wollten auch mal runter vom Festivalgelände, auch mal unter normale Leute“, sagt Reinhard Menzel schmunzelnd. Für die beiden bedeutet das Frühstück im Ort eine Art Erholung. „Danach geht es aber wieder zurück“, sagt Hartmut Fiedler.

Reinhard Menzel (von links) und Hartmut Fiedler, Festivalbesucher aus Freiburg und Lauchingen, starten in Neuhausen ob Eck mit Kaffee und Schokocroissant in ihren Tag.
Reinhard Menzel (von links) und Hartmut Fiedler, Festivalbesucher aus Freiburg und Lauchingen, starten in Neuhausen ob Eck mit Kaffee und Schokocroissant in ihren Tag. | Bild: Lukas Reinhardt

Abseits des Ortszentrums vereinsamen die Straßen an diesem Tag jedoch. Festivalbesucher findet man hier kaum. Das merkt auch Judith Schönbucher, die Leiterin der Landbäckerei Hubert Benkler: „Vereinzelt kommen bei uns schon ein paar vorbei“, sagt sie. Vom Ausnahmezustand, der nicht weit entfernt herrscht, bleibt hier aber nicht viel übrig. Bei Judith Schönbucher läuft der Betrieb deshalb auch während des Festivals normal. Eigentlich wie in ganz Neuhausen ob Eck an diesem sonnigen Samstag.