Dröhnender Sound, ekstatische Menschenmassen und freie Liebe im Schlamm: Das war Woodstock. Ein legendäres Konzert, das eine ganze Generation prägte. Später kam die Zeit für linkes Anti-Establishment, Eliten-Kritik, politische Parolen. Bands waren Idole mit ihren provozierenden Texten.

Heute ist das anders. Festivals, wie das Coachella in den USA, sind Feten für Influencer, die mit Schmink-Videos ihr Geld verdienen. Ein Wettbewerb um Follower. Eine Plattform für Sternchen der sozialen Medien. Mit Tofu-Schnitte, Quellwasser, Champagner. Die einstigen Vorbilder mutieren zu Promis, die nicht mehr auf der Bühne stehen, sondern sich selbst im Publikum inszenieren.

Die gute Nachricht: Von einem deutschen Coachella sind wir weit entfernt. Aber auch das Southside in Neuhausen ob Eck wandelt sich. Und der Trend geht in eine grüne, innovative, familienfreundliche Richtung.

Jens Michow, Präsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft, beobachtet die Szene seit vielen Jahren und bestätigt: „Heute gleicht ein Festivalgelände einer Kleinstadt mit Supermärkten und Poststellen.“ Das Einzige, das Früher und Heute verbinde, seien Zäune und Künstler, die auf Bühnen performen. „Besucher erwarten Komfort, Service und Sicherheit. Die Veranstalter richten sich nach den Bedürfnissen ihrer Kunden“, so Michow.

Bild: Manuel Dobisch

Dass darunter kulturelle Tradition leiden und der ursprüngliche Festivalcharakter verloren gehen könnte, müsse man hinnehmen. „Ich verstehe die Sorgen der Menschen, die das kritisch sehen. Aber was nutzt Bewahrung der Tradition, wenn sich die Bedürfnisse und Erwartungen der Besucher geändert haben?

Am Ende sind die Veranstalter Wirtschaftsunternehmen“, sagt Michow. Der Wandel scheint unvermeidbar. Wer sich nicht anpassen will, muss wohl zu Hause bleiben.

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Eine repräsentative Studie der Plattform Eventbrite aus dem Jahr 2018 bestätigt diese Thesen. Über 1000 Festivalbesucher wurden befragt, nach welchen Kriterien sie ihr Festival aussuchen. Das Ergebnis: 75 Prozent gaben an, dass sie darauf achten, ob es Wasserspender oder Recyclingmöglichkeiten gibt und Plastik vermieden wird.

Das Ende der Dosen-Ravioli?

Dosenbier, Grillwürste und Ravioli aus der Dose sind auch heute noch Festival-Klassiker. Diese Kulinarik bekommt aber Konkurrenz. Seit einigen Jahren rollt tonnenschweres Gerät in Neuhausen ob Eck an. Im Gepäck: Burger, vegetarische Falafel mit Sesamdressing, vietnamesisches Gemüsecurry, Eis aus Bio-Rohmilch und, und, und. Die Liste ist endlos. Manche Speisekarten Konstanzer Restaurants können da nicht mithalten.

Laut Southside-Veranstalter FKP Scorpio sind dieses Jahr etwa 100 Foodtrucks, also Speisewägen, auf dem Gelände vertreten. Man habe das Angebot vor vier Jahren qualitativ und quantitativ überarbeitet. Die Nachfrage nach vegetarischen und nachhaltigen Angeboten steige.

Auch bei der Übernachtung hat sich einiges verändert. Früher gab es einen großen Zeltplatz, auf dem sich die Besucher auf engstem Raum zusammenquetschten. „Der Komfort ist vielen Besuchern heute sehr, sehr wichtig. Schlafsack und Isomatte reichen nicht mehr“, erklärt Jens Michow. Das bestätigt auch FKP Scorpio. Diesem Bedürfnis komme man nach. Steckdosen, Kühlschrank, Federkernmatratze: heute Alltag auf dem Southside. Dem Charakter schade das nicht, sofern es weiterhin für jeden Geldbeutel das passende Ticket gebe.

Welche Musik wollen die Besucher hören?

Was Festivals aber eigentlich ausmacht, ist ihre Musik. Und die wurde beim Southside immer vom Rock geprägt. Heute ist das nur noch bedingt der Fall. Bis auf 2012 verschwanden Rockbands immer mehr von der Bühne in Neuhausen ob Eck. Dafür stieg die Anzahl anderer Genres, wie etwa HipHop. Das ist das Ergebnis einer Analyse des SÜDKURIER. 1 180 Auftritte wurden seit dem Jahr 2006 unter die Lupe genommen.

Ein Grund: Hip-Hop und Rock gleichermaßen zu hören ist heute kein Gegensatz mehr, weil viele Menschen heute nicht mehr einen einzigen Musikgeschmack haben. Laut FKP Scorpio sei Musik nach wie vor identitätsstiftend, aber sie diene weniger der kulturellen Abgrenzung als es noch vor einigen Jahren der Fall gewesen sei.

Besucher des Southside-Festivals 2010 gaben sich mit einfachen Zelten und Klappstühlen zufrieden. Heute erwartet das Publikum immer mehr Komfort.
Besucher des Southside-Festivals 2010 gaben sich mit einfachen Zelten und Klappstühlen zufrieden. Heute erwartet das Publikum immer mehr Komfort. | Bild: Danny Jungslund, dpa

Trotzdem reiche ein hochkarätiges Musikangebot allein nicht mehr aus, um genügend Besucher aufs Festival zu locken. Das behauptet Robert Stolt von der Festivalberatung „Fuchs&Hirsch“ in Berlin. „Die Menschen legen teilweise mehr Wert auf Öko-Toiletten“, sagt er.

Mehr kleine Festivals

Die Folge: Es entstehen immer mehr kleine Festivals, die auf die Bedürfnisse der Besucher passgenau zugeschnitten sind. Denn in sozialen Medien können Fans der Szene den Veranstaltern genau mitteilen in welche Richtung sich Festivals entwickeln sollen.

Die Gäste suchen sich aus, ob sie auf dem riesigen Zeltplatz übernachten oder lieber die Luxus-Variante im großen Zelt bevorzugen und entscheiden mit, ob Pfandmarken aus Plastik oder Naturstoffen hergestellt werden. „Heute gibt es ungefähr 1500 Festivals, von denen wir in Deutschland wissen. Das sind viel viel mehr als früher“, sagt Stolt. Tendenz weiter steigend.

Ist das Southside nun vom Aussterben bedroht? „Ich glaube, dass es diese Festivals in Zukunft verdammt schwer haben werden“, schätzt Stolt ein. Trotzdem werde es immer genug Menschen geben, die traditionelle Festivals besuchen wollen.

Weil Ravioli aus der Dose einfach lecker sind, verregnete Zeltplätze Charme haben und Rocker mit Gleichgesinnten ausgelassen feiern wollen. Wie viele Großveranstaltungen den traditionellen Festivalcharakter verkörpern werden, bleibt allerdings abzuwarten.

Bild: Manuel Dobisch

Es gibt noch einen anderen Grund, warum sich das Southside berechtigte Hoffnungen machen darf, auch in Zukunft noch Menschenmassen zu begeistern: Trends sind endlich. Vielleicht kommt schon bald eine neue Generation auf uns zu, die wieder traditionelle, spartanische und dreckige Festivalstimmung fordert?

Denn an einer Grundfeste halten auch moderne Festivals weiter fest: Gesellschaftskritik. Wer glaubt, dass Besucher von heute nicht mehr politisch sind, täuscht sich. Auch wenn Fans ihre Meinung nicht mehr in die Menge schreien und provozierende Plakate Mangelware sind – dass sich Besucher für grüne, nachhaltige Festivals einsetzen, ist auch ein Statement. Ein stilles Statement vielleicht. Aber wer weiß? Vielleicht verteilen fröhliche Hippies bald wieder Blumen und werben für den Weltfrieden.

Das Southside-Festival in Neuhausen ob Eck

  • Das Festival: Am Freitag startet in Neuhausen ob Eck das 21. Southside-Festival. Bis Sonntag sind dann auf vier Bühnen insgesamt hundert Bands zu erleben. Zu den Höhepunkten zählen die Foo Fighters, die Toten Hosen, The Cure sowie Mumford & Sons.
  • Bedrohung: Wer auf dem Festivalgelände ungewöhnliche Vorkommnisse beobachtet oder sich unwohl fühlt, kann sich mit der Frage „Wo geht‘s nach Panama?“ an Mitarbeiter wenden, die ein grün-violettes Armband mit dem Schriftzug „Panama“ tragen. Er wird dann ohne weitere Rückfragen oder Kommentare in eine geschützte Umgebung gebracht.
  • Evakuierung: Ein Verantwortlicher des Festivals wird die Besucher auf der Bühne über eine anstehende Räumung informieren. Die Besucher werden dann gebeten, das Gelände ruhig, aber zügig zu verlassen und im Auto oder in Shuttlebussen vorübergehend Schutz zu suchen.
  • Polizei: „Die Sicherheit der Festivalbesucher hat für uns oberste Priorität. Die Polizei ist auf alle Lageentwicklungen vorbereitet“, erklärt Pressesprecher Michael Aschenbrenner vom Polizeipräsidium Tuttlingen. Eine genaue Aussage über die Zahl der eingesetzten Polizisten will er aber nicht treffen.
  • Rettungskräfte: Für den Sanitätsdienst beim Southside-Festival werden mehr als 450 Johanniter im Einsatz sein. „Alle Sanitäter sind auf alle Fälle, wie Evakuierung oder Räumung, vorbereitet und geschult“, so die Johanniter auf Anfrage.
  • Informationen für Eltern: Die Polizei ist über Notruf 110 und unter der Rufnummer 07461/941 0 erreichbar. Der Veranstalter hat zudem eine Betreuungs-Hotline eingerichtet. Die Rufnummer lautet 0800 555 2014.