Du spielst dieses Jahr auf dem Southside. Hier spielen Bands aus  unterschiedlichen Musikrichtungen. Hip-Hop-Festivals begrenzen sich auf ein Genre. Ist das für dich als Rapper ein Unterschied?

Chefket: Früher waren reine Hip-Hop-Festivals mein Ding. Da kann man ein abwechslungsreicheres Angebot innerhalb einer Musikrichtung anhören. Das geht mehr ins Detail. Man kommt dort nur mit Menschen ins Gespräch, die einen ähnlichen Geschmack haben. Zudem gibt es oft Breakdance-Shows oder Graffity-Künstler, die ihre Werke ausstellen. Mittlerweile steht aber auch das Southside und Hurricane dem in nichts nach und ist sehr beliebt - auch unter den Rappern. Auf dem Southside kann man sich mal Sachen anschauen, die man sonst nicht sehen würde. Das gilt dann auch für mich und meinen Auftritt: Ich hoffe, dass ich Leute begeistern kann, die ich sonst nicht unbedingt erreiche.

Wir wollen uns mit dir über Grenzen in der Musik unterhalten. Beim Rap stehen die Texte und die Ausdrucksweise im Vordergrund. Wie weit darf Sprache deiner Meinung nach gehen?

Wir leben in einer freien Gesellschaft. Da sollte es so wenig Grenzen wie möglich geben. Ich finde es schwierig, wenn sich eine Instanz über eine Gruppe erhebt und von oben herab delegiert, was geht und was nicht geht. Der Springer Verlag benutzt auch oft eine Sprache, die grenzwertig ist. Da gibt es selten einen Aufschrei in der Gesellschaft. Die sind zu mächtig. Bei Rappern wird aber die Keule geschwungen - schwierig.

Gibt es denn für dich Tabus in deinen Texten? 

Ich würde das gerne mit der Dichtkunst vergleichen. Man schreibt und singt von Sachen, die einen umgeben. Je nachdem wie man sein Leben führt, entwickelt sich auch die Ausdrucksweise. Je schlimmer die Erfahrungen, desto härter wird die Sprache. Waffen und Modemarken versuche ich aber so gut es geht zu vermeiden. Viele sind beeindruckt vom schnellen Geld und einer gewissen Maskulinität. Das kommt in dem Genre häufig vor. Ich glaube, dass sich viele daran ein Beispiel nehmen. Es scheint: Je männlicher man ist, desto erfolgreicher kann man werden.

Du hast wahrscheinlich die Echo-Diskussion verfolgt. Findest du, dass bei der viel diskutierten Textzeile von Farid Bang eine Grenze überschritten wurde?

Ich finde, dass man die Textzeile innerhalb dieses Genres bewerten muss. Farid Band ist ein rappender Serdar Somuncu. Und der meint, jeder hat das Recht zu diskriminieren. Natürlich ist vieles geschmacklos. Es geht in unserem Genre auch darum zu schockieren. Unter Rappern und deren Fans weiß man, um was es geht. Die Öffentlichkeit hat das zum ersten Mal mitbekommen. Das ist für die meisten wohl ungewohnt. Für Rap-Hörer ist die Sprache normal. Die können das richtig einordnen. 

Glaubst du wirklich, dass die Jugendlichen solche Textpassagen richtig reflektieren können?

Am Echo konnte man sehen: Viele Erwachsene können anscheinend nicht reflektieren. Sie hören diese schockierenden Zeilen zum ersten Mal und können damit nicht umgehen. Wenn die Textzeile in Amerika zu hören gewesen wäre, dann wäre es dort gar nicht aufgefallen.Die Quintessenz: Es kommt immer darauf an, was man gewohnt ist und woher man kommt. Wir sollten eine Plattform schaffen und darüber diskutieren. Ein Diskurs in der Öffentlichkeit ist ein guter Anfang.

Findest du, dass die falsche Einordung von Aussagen sich nur auf den Rap begrenzen?

Man kann das auch in der Politik finden. Die AFD ist nicht besser als wir. Die hantieren mit Begriffen, die da nicht hin gehören. Aber das sind Volksvertreter und keine Künstler. Das ist ein fundamentaler Unterschied. Künstler nutzen die Sprache in ihrem Genre und in ihrem Klientel. Der Künstler hat meiner Meinung nach nicht die Aufgabe ein Vorbild zu sein. Das kann man machen, wenn man will. Aber so würde ich einen Künstler nicht definieren. Michael Jackson hat sich auch nicht gefragt, ob es vorbildlich ist, sich in den Schritt zu fassen. Kunst soll etwas auslösen und darf schockieren. Es ist ein Denkanstoß. Nicht mehr und nicht weniger.

Aber viele Jugendliche nehmen sich an dir ein Beispiel und sehen dich als Vorbild. Müssen Künstler also deutlich machen, dass ihre Musik Kunst ist?

Die Kunstfigur und die Privatperson sollte streng voneinander getrennt werden. Wir verdienen damit unser Geld. Das müssen wir unseren Fans zeigen. Was ich in meinem Privatleben tue und sage, steht auf einem anderen Blatt Papier. Auf der Bühne bin ich Chefket. Das ist Show. Die Künstler werden respektiert, weil sie Geld verdienen und nicht dafür, was sie sagen. Das ist in der kapitalistischen Gesellschaft genauso. Wie der Banker sein Geld verdient hat, ist für die meisten irrelevant. Nicht die guten Menschen werden reich. Bei uns Rappern wird das gerne genutzt. Viele haben den Anreiz, viel Geld zu verdienen. Sie zeigen, was sie erreicht haben. Sie denken, sie müssten böse sein, oder sich zumindest so anhören. Die Crux liegt darin, mehr Musiker zu unterstützen, die sich davon lösen. Diejenigen, die Inhalt vermitteln, sind wichtig.