Soll es in Neuhausen und Umgebung Jugendhäuser geben? Darauf ging Markus Sell, Jugendreferent und Koordinator des Gemeindewesens, am Dienstag in seinem Jahresbericht vor dem Gemeinderat ein. Im Ortsteil Worndorf sei das Jugendhaus derzeit geschlossen. Eine Gruppe von fünf Jugendlichen habe ein "JuHa-Team" gebildet. Die Jugendlichen wollen die Wiederöffnung des derzeit geschlossenen Jugendhauses erreichen. Wie Markus Sell ankündigte, wollen sie demnächst mit ihrer Initiative vor den Ortschaftsrat gehen.

Anders sieht es in Neuhausen aus, wo es derzeit kein Jugendhaus gibt. Hier haben sich vor allem ältere Jugendliche und junge Erwachsene gegen ein neues Jugendhaus ausgesprochen, erklärt Markus Sell. "Das Jugendhaus als Methode hat wenig positive Erfahrungen hinterlassen. Die Befragten sehen eher die Konfliktpotenziale", sagte der Jugendreferent. Darauf, so die Zusammenfassung des Jugendreferenten, hätten die jungen Leute keine Lust.

Markus Sell sieht das Problem aber noch umfassender. Er macht einen gesamtgesellschaftlichen Wandel gegenüber Jugendhäusern aus: "Heute werden Jugendliche und Jugendhäuser von weiten Teilen der Öffentlichkeit anders gesehen, als noch vor 15 Jahren." Konkret bedeute das mehr Kontrolle von außen und weniger Selbstverwaltung. Außerdem macht Sell bei vielen jungen Leuten eine Konsumhaltung aus. Nur wenige seien bereit, Verantwortung zu übernehmen. Der Jugendreferent bringt das so auf den Punkt: "Die Jugendlichen werden auf Konsum gedrillt." Außerdem würden sie heute schneller kriminalisiert. Undifferenzierte Berichte über Jugendgewalt in den sozialen Medien verstärkten dabei das Gefühl von Unsicherheit.

Dieses "Gefühl der Unsicherheit" hat den Neuhauser Gemeinderat allerdings noch nicht erreicht. Als Ratsmitglied Romana Haßler-Denzel erwähnte, dass sich Anlieger über den Lärm von Jugendlichen beschwert hätten, erntete sie dafür von den anderen Gemeinderäten Unverständnis. Bürgermeister Hans-Jürgen Osswald meinte dagegen: "Dass sich Erwachsene über Jugendliche beschweren, ist so alt wie die Menschheit."

Für die Arbeit in und mit einem Jugendhaus gibt es aus Sicht des Referenten eine Alternative. Markus Sell sprach "Cliquenarbeit" an. Damit ist eine, auf bestimmte Jugendgruppen zugeschnittene, Projektarbeit gemeint. Als erfolgreiche Beispiele der letzten Monate nannte der Referent Projekte wie "Umfrage zur Bundestagswahl", "Kochen, Backen und Gamen", "YouTube und Instagram", "Hip-Hop" oder die Teilnahme an Fußballturnieren.

Ein zweites wichtiges Arbeitsfeld der Gemeinwesenarbeit in Neuhausen ist die Integration von Asylbewerbern und anderen Zugezogenen. In diesem Bereich kann Markus Sell auf eine Reihe engagierter ehrenamtlicher Mitarbeiter zählen. Trotzdem meinte er: "Leider engagieren sich zu wenige Mitbürger im Bereich der Integration." Als Gründe für die fehlenden Helfer hat Sell unter anderem eine "Hoffnung auf Anpassung der Zugezogenen" oder eine Gleichgültigkeit ausgemacht. Die Menschen fühlten sich von den Problemen nicht betroffen, also würden sie nicht aktiv werden. Dennoch kann Markus Sell bei der Integrationsarbeit auf Erfolge verweisen. Unter anderem konnte ein Mann aus Gambia, der ein Jahr lang im Bauhof der Gemeinde für einen Stundenlohn von 80 Cent gearbeitet hatte, inzwischen in ein reguläres Arbeitsverhältnis mit normalen Verdienstmöglichkeiten vermittelt werden.

Projektarbeit

Markus Sell ist seit 2002 Jugendreferent und Gemeinwesenkoordinator in Neuhausen. Sell ist einer von 14 Jugendreferenten im Landkreis Tuttlingen. Sie sind zusammengeschlossen in der Arbeitsgemeinschaft Kommunaler Jugendreferate (AGKJ), deren Vorsitzender Markus Sell ist. Ein Beispiel für die Projektarbeit mit Jugendlichen ist das vom 3. bis zum 13. August geplante europäische Jugendcamp auf dem Klippeneck bei Denkingen. (hps)