Nach über 70 Jahren traf die Kreenheinstetterin Gertrud Fecht die Person wieder, zu deren glücklicher Geburt sie wesentlich beigetragen hatte. Ihr beherzter Mut sorgte dafür, dass die Mutter von Margreth Hubertus, Charlotte Roth, im schneereichen Winter 1946 gerade noch rechtzeitig im Meßkircher Krankenhaus eintraf, um ihr Kind auf die Welt zu bringen. Gertrud Fecht steuerte damals, als junge Frau von 18 Jahren, das Postauto durch den hohen Schnee. Dieses „Kutschomobil“, eine Mischung aus Auto und Pferdegespann, hatten ihr und ihrem Vater im Krieg dazu gedient, die Post von Kreenheinstetten nach Meßkirch und zurück zu befördern.

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„Schon lange Zeit beschäftigte es mich, wer das war, der meine Mutter am Tag meiner Geburt, während die Wehen schon eingesetzt hatten, ins Meßkircher Krankenhaus fuhr“, erzählt Margreth Hubertus, deren Vater Fritz Roth von 1945 bis 1953 Lehrer in Kreenheinstetten war. Am Rande habe sie von ihrer Mutter erfahren, dass an diesem Tag eine Frau am Steuer gesessen habe. Dies habe sie wissbegierig gemacht.

Recherche nach dem damaligen Postauto erfolgreich

Als Margreth Hubertus, die jetzt im Deggenhauser Tal wohnt, das Buch „Im Schatten des Denkmals“ mit Aufsätzen zur Geschichte von Kreenheinstetten in die Hände bekam, entdeckte sie das eigenwillige Gefährt, von dem ihr die Eltern berichtet hatten. Das half ihr bei ihrer Recherche. Während einem Besuch in ihrer alten Heimat Kreenheinstetten habe sie Helmut Utz dazu befragt. Der meinte, dieses Auto habe immer Landwirt Franz Fecht gefahren – und keine Frau. Dann plötzlich erinnerte sich dessen Frau Christa Utz: „Das muss die Fecht Trudl gewesen sein.“ Die Tochter habe das Postauto ebenfalls gesteuert und sie lebe noch in Kreenheinstetten.

Beide Frauen freuen sich herzlich über das Treffen

„Ich war so glücklich als ich hörte, dass die Frau noch lebt“, erzählt die ehemalige Kreenheinstetterin. Gleich darauf habe sie bei Gertrud Fecht angeklopft und sich vorgestellt. „Ich traf eine total freundliche, offene Frau an. Ich habe mich so gefreut“, beschreibt Margarethe Hubertus das erste Treffen. „Ich hatte auch immer den Wunsch, die Frau mal kennenzulernen, die damals auf die Welt kam“, erzählt Gertrud Fecht. Die Seniorin erinnert sich noch gut an diesen 29. Januar vor 74 Jahren.

Gertrud Fecht überwindet mutig den hohen Schnee

Obwohl es die Tochter des Landwirts Franz Fecht gewohnt war, mit dem Gespann aus BMW Dixi und Pferd zu fahren, sei sie doch aufgrund der Wetterverhältnisse und der gebotenen Eile sehr aufgeregt gewesen. „Ich weiß gar nicht, was ich hätte tun sollen, wenn das Kind schon unterwegs gekommen wäre“, erzählt die 92-Jährige.

Gertrud Fecht vor ihrem Elternhaus in Kreenheinstetten, in das sie Anfang der 1970er Jahre zurückkehrte und das sie renovieren ließ.
Gertrud Fecht vor ihrem Elternhaus in Kreenheinstetten, in das sie Anfang der 1970er Jahre zurückkehrte und das sie renovieren ließ. | Bild: Isabell Michelberger

Fritz Roth, der werdende Vater, und seine Frau Charlotte hätten sie angespornt: „Lass laufen!“ Und die junge Frau habe ihr Pferd springen lassen. Kaum seien sie im Krankenhaus im Kreißsaal angekommen, sei das Kind auch schon auf die Welt gekommen.

Mit dem „Kutschomobil„ wurde im Winter im Wald Holz gemacht

Getrud Fecht meint, dass es ihr zugute gekommen sei, dass sie bis zu diesem Zeitpunkt bereits viel Fahrpraxis besaß. Ihr Vater hatte im Krieg den Postdienst übernommen und für diese Zwecke einen BMW Dixi gekauft. Da es kein Benzin gab, habe er den Motor ausgebaut und eine Vorrichtung ergänzt, mit der sich ein bis zwei Pferde einspannen ließen. Die hinteren Sitze habe er zugunsten einer Pritsche entfernt, um Platz für Päckchen zu schaffen. So entstand eine Art „Kutschomobil“. Da Franz Fecht im Winter im Wald Holz machte und im Sommer auf dem Feld tätig war, übernahm Tochter Trudl einige Fahrten.

Mit 13 Jahren schon zum ersten Mal auf dem Postgefährt

Sie war die älteste von fünf Kindern und musste im Feld seit jungen Jahren kräftig mithelfen. Mit ungefähr 13 Jahren musste sie zum ersten Mal alleine mit dem Postgefährt in Richtung Meßkirch fahren. Der Vater hatte noch auf dem Feld zu tun und sagte, er komme mit dem Fahrrad nach. „In Rohrdorf habe ich geweint, weil ich nicht mehr wusste, ob ich nach links oder rechts abbiegen muss“, erzählt die Seniorin. Daraufhin sei ihr Pferd von alleine in die richtige Richtung weitergelaufen und habe erst vor dem Gasthaus Adler in Meßkirch wieder angehalten.

Nach Hause gehetzt, bevor die ersten Bomben niedergingen

Während der Kriegszeit sorgte Getrud Fecht mit ihrem Vater Franz dafür, dass die Post zwischen Kreenheinstetten über Leibertingen, Thalheim und Heudorf nach Meßkirch und zurück transportiert wurde. Doch erst im Alter von 17 Jahren habe sie offiziell die Fahrten alleine antreten dürfen. „Großes Glück hatte ich, dass mein Vater am 22. Februar 1945 mitfuhr“, blickt sie zurück. An diesem Tag wurde Meßkirch bombardiert.

Getrud Fecht (rechts) mit Margreth Hubertus, dem damaligen Baby, das nach der dramatischen Fahrt mit dem Postauto im Januar 1946 zur Welt kam.
Getrud Fecht (rechts) mit Margreth Hubertus, dem damaligen Baby, das nach der dramatischen Fahrt mit dem Postauto im Januar 1946 zur Welt kam. | Bild: privat

Der Vater, der Anfang des Krieges eingezogen worden war, aber bald wieder zurückkehren durfte, wusste die Geräusche am Himmel richtig zu deuten. Er habe seine Tochter zur Eile angetrieben, um Meßkirch so schnell wie möglich zu verlassen. Es gelang ihnen rechtzeitig, bevor die Bomben niedergingen. „Normalerweise haben wir uns immer noch ein bisschen dort aufgehalten“, erzählt sie, da das Pferd Ruhe und Futter gebraucht hätte.

Als eine der ersten Frauen im Ort den Führerschein gemacht

Getrud Fecht erinnert sich auch, dass sie zu einer der ersten Frauen im Ort gehörte, die einen Führerschein machten. „Es war mir fast ein bisschen peinlich, als einzige Frau hier herumzufahren“, erzählt sie. In jener Zeit habe es in Kreenheinstetten nur acht Autos gegeben. Und gleich am Tag nach ihrer Prüfung, habe der Kreenheinstetter Busunternehmer Janzen bei ihr angeklopft, weil ihm ein Fahrer ausgefallen war. Er bat die Trudl, eine Fahrt für ihn zu übernehmen. Darauf ließ sich die mutige junge Frau ein und chauffierte eine Beerdigungsgesellschaft mit einem Kleinbus nach Trossingen.

Mit 21 Jahren verließ Gertrud Fecht ihre Heimat und arbeitete über die Jahre hinweg in verschiedenen Städten im Restaurant-Service. Erst 1972 kehrte sie nach Kreenheinstetten zurück. Noch heute spürt man ihr zupackendes Wesen und ihre Gastfreundschaft. So erlebte sie auch Margreth Hubertus, die mittlerweile regelmäßig Kreenheinstetten besucht und sich immer Zeit für eine Einkehr bei der Trudl nimmt, wie Getrud Fecht im Dorf genannt wird.

Mit Kreenheinstetten liebevoll verbunden

Mit Kreenheinstetten fühlt sich Margarethe Hubertus noch eng verbunden, obwohl sie das Dorf bereits 1953 mit ihrer Familie verließ. Sie war sieben Jahre alt, als der Vater ein Haus in Offenburg erbte und mit Frau und den beiden Töchtern dorthin zog. Bis dahin hatte Fritz Roth acht Jahre lang in der dortigen Schule unterrichtet. „Mein Vater hat in dieser Zeit viel in die Wege geleitet. Er war ein Macher“, erzählt sie. Er habe einige Vereine gegründet, darunter den Sportverein oder den Gesangverein, und Theater gespielt.

Bei Schulausflügen habe sie stets mitfahren dürfen. „Dabei wurde immer viel gesungen“, berichtet sie von ihren angenehmen Erlebnissen. Meist habe sie hinter dem Fahrer auf einem Koffer gesessen, da es keinen Platz für sie gegeben habe. „Ich habe viele liebe Erinnerungen an Kreenheinstetten“, sagt sie voller Wärme.

Da die Franzosen nach dem Krieg im Schulhaus eingezogen seien, habe die Familie des Lehrers in eine Hütte umziehen müssen. In dieser Armut habe die Familie jedoch viel Hilfe von den Kreenheinstettern erfahren. „Wir haben von geliehenen Tellern gegessen und aus geliehenen Tassen getrunken“, beschreibt sie ihr Leben. „Der Zusammenhalt in dieser Zeit war enorm“, lobt sie die Gemeinschaft. Zu Fuß hätten sie Kollegen ihres Vaters in Leibertingen besucht und einen Ausflug auf die Burg Wildenstein unternommen.

„Mein Vater war freundlich und fröhlich, er hat aber wohl die Klasse mit strenger Hand geführt und konnte auch jähzornig werden“, beschreibt sie die beiden Seiten von Fritz Roth. Doch als sie von Kreenheinstetten wegzogen, sei es ein unheimlich großer Abschied gewesen. „Unser Umzugswagen war bekränzt wie ein Hochzeitswagen“, erinnert sie sich. Die Leute seien Spalier gestanden und hätten gewunken.

Fritz Roth habe sich auch später immer noch nach Kreenheinstetten gezogen gefühlt. Als Margreth Hubertus das Buch „Im Schatten des Denkmals“, welches die Gemeinde Leibertingen im Jahr 1993 herausgegeben hatte, durchblätterte, habe sie leider keinen Hinweis auf ihren Vater entdeckt, obwohl er für den Ort viel bewegt habe. Auf der Webseite des Sportvereins Kreenheinstetten Leibertingen findet sich jedoch ein Hinweis: „Hauptlehrer Fritz Roth nahm sich der Jugendlichen an und führte den Schriftwechsel mit den Besatzungsbehörden. Im April 1949 erteilten diese schließlich die Erlaubnis zur Vereinsgründung.“

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