Die Bilder von überfüllten Krematorien durch die Corona-Pandemie mit vielen Todesopfern sind auch in Deutschland angekommen. In Sachsen verzeichnen Krematorien seit der 2. Welle zum Jahresende 2020 eine „angespannte Lage“. Der SÜDKURIER hat bei Krematorien in der Region nachgefragt. Für das Krematorium in Tuttlingen gibt Arno Sprecht, Pressesprecher der Stadt Tuttlingen an: „Es ist tatsächlich so, dass wir an der Kapazitätsgrenze angekommen sind. Nur durch die Bereitschaft aller Mitarbeiter auch an Samstagen und an den Feiertagen 24. Dezember, 31.Dezember und 6. Januar zu arbeiten und durch die Verlängerung der allgemeinen Arbeitszeiten, teilweiser Schichtdienst, bekommen wir die Lage momentan noch in den Griff.“

Zahl der Einäscherungen deutlich nach oben gegangen

Allein im Dezember verzeichnete die Friedhofsverwaltung Tuttlingen 158 Einäscherungen. Zum Vergleich: In den vergangenen Jahren hatte sie im Schnitt etwa 100 Einäscherungen pro Monat in dem seit 1982 in Betrieb genommenen Krematorium. Im Regelfall werden Verstorbene dennoch bei Vollständigkeit aller erforderlichen Begleitpapiere innerhalb von drei Werktagen eingeäschert.

Offene Aufbahrung von Infizierten nicht gestattet

Verstorbene mit Covid-19-Erkrankung müssen gesondert behandelt werden, so Specht. Es gelten für die anliefernden Bestatter strenge Hygieneregeln. Eine zweite Leichenschau findet in Zusammenarbeit mit Ärzten des Gesundheitsamtes und unter strengen Hygieneregeln statt. Dabei werden Schutzanzüge, Handschuhe und selbstverständlich FFP2-Masken getragen. Auch die Augen werden zusätzlich mit einer Schutzbrille geschützt. Eine offene Aufbahrung von verstorbenen Covid-19-Infizierten ist nicht gestattet. Bei der Bestattungsart gibt es keine Eingrenzungen, Erdbestattungen sind genauso wie Feuerbestattungen zulässig. Für Trauerfeiern gelten die allgemeinen Abstandsregeln von 1,5 Metern und das generelle Tragen einer geeigneten Mund-Nasenbedeckung.

Interne Schulungen zum Thema Respekt und Würde

Kann bei einer solchen Auslastung dennoch die Würde der Verstorbenen bewahrt werden? Armin Zepf von der Friedhofsverwaltung Tuttlingen: „Die Würde des Menschen über den Tod hinaus ist oberste Richtschnur für das Personal. Diesen Leitspruch haben unsere Mitarbeiter verinnerlicht. Durch die von unabhängigen Sachverständigen regelmäßig durchgeführten Kontrollen (Zertifizierungsverfahren) der Betriebsabläufe sind wir gewohnt, schnell, zielstrebig und dennoch würdevoll vorzugehen. Auch regelmäßige interne Schulungen zum Thema Respekt und Würde unterstützen dieses Verhalten. Wir sind sehr froh, solch motivierte Mitarbeiter zu haben, die allesamt eine lange Berufserfahrung haben. Dadurch sind viele Abläufe gewohnt und selbstverständlich.“ Weitere Krematorien in der Region sind in Singen und Konstanz.

Erstes Krematorium im Kreis Sigmaringen

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Entlastung in der angespannten Lage könnte das Krematorium in Meßkirch bringen. Unterhalb des Friedhofs in der Ziegelbühlstraße, am Ortsausgang Richtung Rohrdorf baute der Investor Crema Consult das erste Krematorium im Landkreis Sigmaringen. Zu Beginn dieser Woche nahm das Meßkircher Krematorium seinen Betrieb auf.

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2020 allgemein eine höhere Rate an Sterbefällen

Das Bestattungsinstitut Stoll Meßkirch liegt in direkter Nachbarschaft zum neuen Krematorium. „Wir hatten 2020 allgemein eine höhere Rate an Sterbefällen“, sagt Bestatterin Anita Stoll. Sie konnten alle Verstorbenen in die Krematorien nach Singen und Tuttlingen zur Einäscherung bringen. Es ist auch keine leichte Zeit für Bestatterin Anita Stoll (42 Jahre): „Wir hatten acht Verstorbene mit Corona-Virus, aber nur vier Corona-Infizierte sind an der Infektion selbst verstorben“. Die Bestatter müssen sich strikt an die Vorgaben für den Umgang an Covid-19-infizierten Verstorbene halten. Dennoch ist es Anita Stoll wichtig, die Trauerfeier trotz der Vorgaben und Einschränkungen würdevoll für Verstorbene und Angehörige zu gestalten und Trost zu spenden.

In anderen Regionen bereits Überlastung sichtbar

Der Dachverband der Friedhofsvereine in Deutschland hat sich vergangene Woche angesichts überlasteter Krematorien in der Corona-Pandemie für mehr Erdbestattungen ausgesprochen. Mit Blick auf die Friedhofskultur sei jede Verschiebung einer Bestattung – zumal aus technischen Gründen – nachteilig, sagte Vereinsvorsitzender Andreas Morgenroth der Deutschen Presse-Agentur: „Es ist vielmehr zur Bewältigung der Trauer wichtig, dass Todes- und Bestattungszeitpunkt möglichst nahe beieinander liegen.“

Zuletzt hatten Bilder voller Totenhallen vor allem in Sachsen für Unruhe gesorgt. Die Städte Dresden und Zittau lagern Särge inzwischen in anderen Hallen, weil die Krematorien mit der Einäscherung nicht mehr nachkommen. Nach Angaben der Bestatterinnung werden in Sachsen 80 bis 90 Prozent der Toten eingeäschert. Laut Morgenroth kann aber nicht nur die Kapazität der Krematorien zu Engpässen führen. Bei Kremationen seien zudem besondere Vorschriften zu beachten, insbesondere die zweite Leichenschau. Diese sei bei einer Erdbestattung nicht vorgeschrieben. „Die zweite Leichenschau ist erforderlich, um unnatürliche Todesursachen auszuschließen.“

Durch die Corona-Pandemie müssten Bestatter vermehrt mit infektiösen Verstorbenen arbeiten, sagte Stephan Neuser vom Verband Deutscher Bestatter in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk. „Das heißt, Bestatter müssen sich schützen, müssen Schutzausrüstung tragen und auch entsprechend fachgerecht mit infektiösen Verstorbenen umgehen.“ Gleichzeitig seien regelmäßige Corona-Tests Mangelware, kritisiert Neuser: „Und insgesamt ist es so, dass der Beruf des Bestatters in vielen Bundesländern nicht als systemrelevant eingestuft worden ist, was für uns relativ unverständlich ist.“ Er fordert, dass auch Bestatter priorisiert geimpft werden sollten. (sk/dpa)