Auf eine kleine Zeitreise hat Gästeführerin Andrea Braun-Henle die Besucher mitgenommen, die wissen wollten, welche Auswirkungen der Bau der Eisenbahn auf die Menschen von Meßkirch und Umgebung hatte. Während der historischen Stadtführung, die die Gäste in die sogenannte Gründerzeit führte, tauchte immer wieder Lisbeth (Karin Hapke) auf, die authentisch über das Leben im 19. Jahrhundert berichtete.

„Das brauchen wir nicht!“ – mit dieser typisch menschlichen Reaktion auf alles Neue hätten die Menschen damals auf die Eisenbahn reagiert, so Braun-Henle. Skepsis und Unsicherheit auf der einen Seite, Neugier und Jubel auf der anderen, prägten den Beginn des Eisenbahnzeitalters. Anschaulich berichtete die Gästeführerin, unterstützt von Lisbeth, die an markanten Punkten der Führung wie aus einer anderen Zeit kommend sich dazugesellte, was der Bau der Eisenbahn für die ländliche Bevölkerung bedeutete.

Erster Zug fuhr 1870

Am 3. Februar 1870 kam der erste Zug aus Richtung Radolfzell in Meßkirch an, drei Jahre später war die Strecke bis Sigmaringen und Mengen fertiggestellt. Mit dieser wichtigen Infrastrukturmaßnahme des Kaiserreichs habe sich die ländliche Gesellschaft und die Stadt entscheidend verändert. Die Stadt hat damit echten Anteil an der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung des ab 1871 im Kaiserreich vereinten Deutschlands: „Es bedeutete einen großen Einschnitt in der Geschichte jeder Stadt, wenn sie einen Bahnhof erhielt und an das Eisenbahnnetz angeschlossen wurde“, sagte Braun-Henle.

Karin Hapke ist als Lisbeth hin- und hergerissen zwischen Vor- und Nachteilen, die die Eisenbahn für die Bevölkerung mit sich brachte.
Karin Hapke ist als Lisbeth hin- und hergerissen zwischen Vor- und Nachteilen, die die Eisenbahn für die Bevölkerung mit sich brachte. | Bild: Susanne Grimm

Die Ablachtalbahn selbst sei ein Wirtschaftsfaktor gewesen. „Sie regte die technologische Entwicklung an, schuf in der Bauphase ebenso wie im laufenden Betrieb tausende neue Arbeitsplätze und rief neue Finanzierungsinstrumente hervor, die wiederum der Modernisierung des Bankenwesens zugutekamen. In Meßkirch veränderte sich durch die Bahn beispielsweise das Stadtbild nachhaltig.“

Am Beispiel des Schulgebäudes der heutigen Conradin-Kreutzer-Schule, bestehend aus Sandstein, zeigte Braun-Henle die Veränderung in der Bauart auf, denn hier wurde traditionell regionaler Baustoff, wie der in der Gegend vorkommende Kalkstein, neben Holz und Lehm, verwendet. Der Transport anderer Baustoffe von weither sei bis ins 19. Jahrhundert einfach zu aufwendig gewesen.

Probleme durch Kleinstaaterei

Allerdings galt es wegen des Eisenbahnbaus die durch Kleinstaaterei verursachten Probleme zu überwinden, denn Württemberg, Baden und das zu Preußen gehörende hohenzollerische Gebiet mussten sich einigen. Weil zwischen badischem und württembergischem Gebiet ein preußisches Teilstück überquert werden musste, wurde auf badische Kosten die Verbindung zwischen Mengen und Meßkirch gebaut.

Auch das Rathausgebäude (rechts im Bild) ist aus Sandstein gebaut, einem Baustoff, der nur durch die Bahn den Weg nach Meßkirch fand.
Auch das Rathausgebäude (rechts im Bild) ist aus Sandstein gebaut, einem Baustoff, der nur durch die Bahn den Weg nach Meßkirch fand. | Bild: Susanne Grimm

Mit der Gastwirtschaft und ehemaliger Posthalterei „Adler“ trat bei der historischen Stadtführung eine prägende Meßkircher Persönlichkeit in den Vordergrund. Johann Baptist Roder sollte nicht nur das damals rein römisch-katholische Gefüge der Stadt durcheinanderbringen, indem er die altkatholische Gemeinde mitbegründete.

Höhenfleckvieh als Verkaufsschlager

Auch in der Viehzucht setzte er mit der Einkreuzung des Simmentaler Rinds in den heimischen Viehbestand Maßstäbe. Das daraus entstehende „Meßkircher Höhenfleckvieh“ habe sich als Verkaufsschlager erwiesen, das bei der Weltausstellung 1893 in Wien seinen Durchbruch feiern konnte und sich bis nach Ungarn, Russland und Amerika verkaufen ließ. Lisbeth schwärmte noch von den Erfolgen der neuen Rasse für die Meßkircher Viehzüchter. „Ohne die Eisenbahn hätten die Simmentaler Farren nicht nach Meßkirch gebracht werden können“.

Was sie dem Roder aber echt übel nahm, war die Etablierung der Altkatholiken. Deren eher demokratisch-liberale Haltung und die Ablehnung des Unfehlbarkeitsdogmas des Papstes sorgten in Meßkirch für ein Anwachsen der Altkatholiken, was zu Unruhen bei den Römisch-Katholischen führte. „Er hat uns sogar aus der Stadtkirche vertrieben“, regte sich Lisbeth auf, als sie aus der ehemaligen Herz-Jesu-Kirche, das heutige katholische Gemeindezentrum, kam und anklagend auf das im Stil der Beuroner Kunstschule bemalte Gebäude zeigte: „Hier mussten wir hin!“

Andrea Braun-Henle berichtet während der Führung auch über den „Meßkircher Zeitungskrieg“, in dem aufs Heftigste die ...
Andrea Braun-Henle berichtet während der Führung auch über den „Meßkircher Zeitungskrieg“, in dem aufs Heftigste die Schlachten zwischen dem liberalen Lager und den konservativen Katholiken geschlagen wurden. Das Bild zeigt den SÜDKURIER-Schaukasten beim Fachgeschäft Schönebeck. | Bild: Susanne Grimm

Unter den Begriffen „Badischer Kulturkampf“ und „Meßkircher Zeitungskrieg“ seien diese Auseinandersetzung zwischen der liberalen Gesellschaft und konservativen Katholiken in die Geschichte der Stadt eingegangen.

Die Gästeführerin und Lisbeth zeigten die überaus reiche Historie Meßkirchs auf, indem sie bei dem Rundgang an bestimmten Stellen und Gebäuden schlaglichtartig die Vergangenheit aufleben ließen, die im Gefolge der Ablachtalbahn entstanden sind.

1972 fährt kein Personenzug mehr

Neben der Blüte der Bahn gab es auch deren Niedergang. So wurde die Strecke aufgrund mangelnder Wirtschaftlichkeit zuerst 1954 teilweise, dann 1972 fast vollständig für den Personenverkehr stillgelegt. „Weil 1982 in Krauchenwies ein neues Industrieanschlussgleis gelegt wurde, das ein beachtliches Verkehrsaufkommen aufweist, konnte die Strecke erhalten und gepflegt werden“, sagte Braun-Henle. Derweil hatte sich Lisbeth in die Gründerzeit zurückgezogen und Karin Hapke gesellte sich zur Gruppe.