Von außen sieht das alte Postgebäude in der Bahnhofstraße sehr sauber aus. Und innen ist es auch so. In den Gängen liegt kein Müll und es ist sehr ruhig an diesem Vormittag. Viele Bewohner der Flüchtlingsunterkunft schlafen noch. Nicht so Sham Ebido. Er hat sich als Dolmetscher zur Verfügung gestellt. „Mache ich gerne“, sagt der Syrer, der seit einem Jahr in Deutschland ist. Wir gehen einen Gang entlang. Wer sich hier nicht auskennt, der könnte leichte Orientierungsschwierigkeiten haben. Sham kennt sich aus. „Hier entlang“, sagt er freundlich, wenn ich mal wieder versuche, versehentlich falsch abzubiegen. Vor manchen Türen stehen Schuhe. Das macht deutlich: Hier wohnen Muslime. Sham führt mich zum Zimmer von Abdullah Alothman und Suha Alahmad.

Hier wohnen die beiden mit ihren Kindern Qais (2 Jahre) und Auss (1 Jahr). Die beiden Jungs sind recht munter und freuen sich über den Besuch. Sie sind noch zu klein für den Kindergarten. Mit großen Augen schauen sie den Mann an, der sich da jetzt hinsetzt. Der Kleine versteckt sich hinter dem Größeren und schaut keck von hinten vor. Ich zwinkere ihnen zu. Sie lachen. Die 27-jährige Suha bringt eine kleine Tasse mit Kaffee. „Der ist sehr stark“, lacht der Dolmetscher, der in Syrien Maschinenbau studiert hat. Doch keine Sorge. Ich kenne das schwarze Gebräu, das den Blutdruck in Sekundenschnelle hochjagen kann. Und ich weiß, dass ich keinesfalls umrühren darf. Denn sonst habe ich nur Kaffeesatz im Mund.

„Hübsche Tasse. Kommt die aus der Heimat?“ Kommt sie nicht. Sie stammt aus einem Geschäft in Sigmaringen, wo Syrer nicht nur Lebensmittel aus der Heimat kaufen können, sondern auch Geschirr. In Meßkirch teilen sich die Bewohner von sechs Zimmern eine Küche. Mit dem Kochen wechselt man sich ab. Das Einkaufen erledigt jeder für sich selbst. Eine Gemeinschaftsverpflegung gibt es hier nicht. Ohne Absprachen geht hier nichts. Auch die Toiletten und die Duschen werden geteilt. Man hat sich arrangiert. Eine eigene Wohnung ist für das Paar mit den Kindern ein Wunschtraum. Jetzt spielt sich das komplette Familienleben in einem einzigen Raum ab. Zwei große Stockbetten, ein Schrank, ein Sofa, ein kleiner Tisch und ein Fernseher. Luxus ist das nicht, aber von Unzufriedenheit ist nichts zu spüren.

Abdullah (22) ist heute besonders guter Laune. Er hat jetzt den Bescheid bekommen, dass er in Deutschland bleiben darf. „Sehr gut für mich“, freut er sich. Er hatte vor seiner Flucht in Syrien ein Jurastudium begonnen. Jura würde er gerne auch in Deutschland studieren. „Sie wissen aber schon, dass sich das Recht in den beiden Ländern deutlich unterscheidet?“, frage ich. Er nickt mit dem Kopf. Seine Frau hat die Aufenthaltsgenehmigung schon länger. Sie spricht kaum Deutsch, er ein paar Brocken. „Aber er versteht fast alles“, sagt Sham. Und den Eindruck habe ich auch.

Die Frage, ob ihnen klar ist, dass man in Deutschland ohne die Sprache keine Chance hat, die wird von allen bejaht. „Es ist in unseren Köpfen drin, dass wir die Sprache lernen müssen“, sagt der Dolmetscher, der sich immer wieder für sein angeblich schlechtes Deutsch entschuldigt. In der Erstaufnahmestelle in Sigmaringen habe ich gesehen, dass viele Flüchtlinge mittels Smartphone und speziellen Apps Deutsch lernen. Das geht hier auch. Aber es wird teuer. Denn im Gegensatz zur Erstaufnahmestelle in der Kreisstadt gibt es in der Gemeinschaftsunterkunft in Meßkirch kein WLAN.

Ein Jahr in Meßkirch, was erzeugt das für Gefühle? „Meßkirch ist okay“, sagt Abdullah. Auf sein Gesicht legt sich ein kleines Lächeln. Auch Sham macht deutlich, dass es in Meßkirch gut sei. Die Leute seien nett. Eine Ablehnung bekomme man nur selten zu spüren. Und wenn jemand nicht mit den Flüchtlingen reden wolle, dann müsse man das akzeptieren. Inch Allah. Dann ist das halt so. Mittlerweile habe man auch deutsche Freunde und dann gibt es auch mal eine Einladung in eine deutsche Wohnung. Dass sich viele Einheimische um die Neuankömmlinge bemühen, das wird sehr positiv vermerkt.

Eine Frage darf aber nicht vergessen werden. Immer wieder ist in den Medien von Problemen wegen der Religionszugehörigkeit zu lesen. „So was gibt es hier bei uns nicht“, sagt Sham. Allerdings seien aber auch alle Bewohner Moslems. Wenn auch mit unterschiedlicher Ausprägung.

<p>Sanja Mühlhauser</p>

Sanja Mühlhauser

| Bild: Fahlbusch

"Bin eine Art Mädchen für alles"

Sanja Mühlhauser ist Diplomsozialpädagogin und seit dem 15. September 2001 für die Flüchtlingsunterkunft zuständig.

Woher kommen die Flüchtlinge, die derzeit in der Gemeinschaftsunterkunft wohnen?

Sie kommen aus Syrien, Mazedonien, Gambia und Somalia. Dreizehn davon sind Einzelpersonen. Ansonsten handelt es sich um Familien.
 

Worin besteht Ihr Aufgabenbereich?

Ich begleite die Asylverfahren, bin für die Kontakte zum Jobcenter zuständig und helfe beim Ablauf. Ich unterstütze bei allen Dingen, die mit Behörden zu tun haben. Manche Flüchtlinge begleite ich auch bis zum Abflug, wenn sie abgeschoben werden. Außerdem sorge ich für die Übersetzung von Originaldokumenten, regle die Sache mit dem Müll und gebe viele lebenspraktische Hinweise. Ich bin eine Art „Mädchen für alles“.
 

Wie sieht es mit der Sprache aus?

Manche Flüchtlinge machen einen ­Integrationskurs, wo die Sprache ­natürlich auch sehr wichtig ist. Außerdem haben wir dankenswerterweise Ehrenamtlich, die Sprachunterricht machen.
 

Fragen: Karlheinz Fahlbusch