Was wären Narren ohne ihre Häser und was wären besonders die Meßkircher Katzen ohne ihre Rüschen? Und was wären diese Rüschen ohne Silvia Stangohr und andere fleißige Helfer? Die Damen- und Änderungsschneiderin in der Grabenbachstraße ist so etwas wie der gute Geist für die Meßkircher Häser und besonders für die Rüschen. Wenn kurz vor einem Narrentreffen mal eine Naht aufgeht, ein Fellstück lose baumelt oder ein sonstiges Textilmaleur den Fasnetsspaß zu verderben droht, weiß jeder Narr aus der Stadt, wo er schnelle Hilfe bekommt.

Hinter ihrer Nähmaschine mit gelegentlichem Blick auf die Volksbank, das Rathaus, das Storchennest und die Kirchturmuhr fühlt sich Silvia Stangohr am wohlsten.
Hinter ihrer Nähmaschine mit gelegentlichem Blick auf die Volksbank, das Rathaus, das Storchennest und die Kirchturmuhr fühlt sich Silvia Stangohr am wohlsten. | Bild: Hermann-Peter Steinmüller

Doch solche Notfalleinsätze sind, wie die 65-jährige Meßkircherin erzählt, die Ausnahme. Früher hat sie noch ganze Häser geschneidert. Doch damit ist seit einigen Jahren Schluss. Jetzt ist die Meßkircherin Anlaufstelle für Rüschen und Akutprobleme. Diese Rüschen sind nicht nur kleidsam für Katzen, sondern sie erfordern auch eine Menge Arbeit. Stangohr: "Ich habe in den letzten 40 Jahren schätzungsweise 1000 Rüschen gemacht." Diese Rüschen bestehen aus Gminder Leinen. Dazu muss eine zehn Meter lange und 35 bis 40 Zentimeter lange Stoffbahn in Form gebracht werden. Dazu gibt es in der Zunftstube eine Plissiermaschine, mit der die Rüschen ihre Knickstellen erhalten. Danach werden sie gestärkt und müssen wieder zusammengenäht werden.

Anita Stoll-Guggemos (links) kann Dank der Arbeit von Silvia Stangohr mit einer gereinigten und frisch genähten Rüschenkrause in die Fasnet hüpfen.
Anita Stoll-Guggemos (links) kann Dank der Arbeit von Silvia Stangohr mit einer gereinigten und frisch genähten Rüschenkrause in die Fasnet hüpfen. | Bild: Hermann-Peter Steinmüller

"Wieder" ist dabei wörtlich zu nehmen. Denn alle drei bis vier Jahre müssen die Rüschen gereinigt werden. Das geht dann so, dass die Rüschen zu Hause aufgetrennt werden. Danach kommen sie in die Zunftstube, von dort aus zur Reinigung, dann unter die Plissiermaschine, um danach auf dem Arbeitstisch von Silvia Stangohr zu landen. Die Damenschneiderin muss dann alles wieder zusammennähen. Diese Arbeit erfolgt natürlich nicht in den letzten Wochen vor Beginn der fünften Jahreszeit. "Die Narrenzunft, das heißt die Mitglieder, sorgen selbst dafür, dass kurz nach Aschermittwoch verschmutzte oder beschädigte Hästeile gesammelt werden", sagt Stangohr, "ich habe danach das ganze Jahr über Zeit, mich um die Arbeit zu kümmern."

Sehr aufwendig sind die Rüschen der Katzen gestaltet. Zum Reinigen müssen die Rüschen alle paar Jahre aufgetrennt und später wieder zusammengenäht werden.
Sehr aufwendig sind die Rüschen der Katzen gestaltet. Zum Reinigen müssen die Rüschen alle paar Jahre aufgetrennt und später wieder zusammengenäht werden. | Bild: Hermann-Peter Steinmüller

An diesem Punkt des Gesprächs betritt Anita Stoll-Guggemos die Nähstube. Sie möchte ihre Rüschenkrause abholen. Die Meßkircherin erzählt: "Ich habe meine Rüsche, seit ich 15 Jahre alt war. Das war vor 24 Jahren." Alle drei oder vier Jahre müsse ihre Halskrause gereinigt werden. Im vergangenen Jahr habe sie ihr Katzen-Schmuckstück erst im November zur Reinigung gegeben. Stoll-Guggemos kennt Silvia Stangohr schon seit ihrer Jugend und damit auch das Hobby der Damenschneiderin. Sie hat nämlich schon vor Jahren damit angefangen, Puppen mit den Häsern der verschiedenen Gilden und Einzelnarren der Katzenzunft anzuziehen. Im großen Glasschrank in der Nähstube sind inzwischen neun Puppen fertig angezogen. Die närrische Puppenmutter meint zu ihrem Bestand: "Es fehlen noch einige Figuren. Ich will sehen, in den nächsten Jahren noch die Narreneltern, den Katzenrat und die Nasenschleifer in meine Puppensammlung aufzunehmen."

Apropos närrisch – Stangohr ist gebürtige Meßkircherin. Ihre Mutter war närrisch, aber ihr aus Pommern stammender Vater wurde nie vom Meßkircher Narrenvirus angesteckt. Der gute Geist der Meßkircher Häser gesteht: "Ich habe in dieser Hinsicht die Gene meines Vaters geerbt" – doch wenn die Narren Meßkirchs Straßen erobern, gehört auch Silvia Stangohr zu den begeisterten Zuschauern.

 

Ein neues Häs kostet zwischen 50 und 2000 Euro

  • Historisches Hänsele-Häs: Häser geben auch immer Auskunft über die Geschichte und die Entwicklung der Narrenzunft. Deshalb ist der stellvertretende Zunftmeister Holger Schank für die Spende eines historischen Hänsele-Häses dankbar. "Das Häs wurde vermutlich nach dem Zweiten Weltkrieg getragen und sieht doch in Details und Farbe anders aus als heute", sagt Schank. Die Besitzerin war in den Schwarzwald gezogen und hatte das Häs bei häuslichen Aufräumarbeiten wiederentdeckt. Holger Schank: "Sie hat es glücklicherweise nicht in die Altkleidersammlung gegeben, sondern der Zunft gespendet." Damit ist jetzt eine Puppe bekleidet, die in der Zunftstube ausgestellt ist. Der Vize-Narrenchef appelliert an andere Besitzer alter Häser, dem Beispiel der Frau aus dem Schwarzwald zu folgen.
  • Neuware oder Gebrauchtes: Wer als Neuling zur Narrenzunft Meßkirch kommt, braucht sich nicht gleich ein eigenes Häs zu kaufen, versichert Schank. Es gebe Leihhäser. Immerhin kostet das Katzenhäs rund 2000 Euro. Davon entfallen allein auf die Maske 300 bis 400 Euro. Günstiger ist mit 50 bis 100 Euro der Start als Fledermaus in die Fasnetswelt. Etwas teurer mit 150 bis 200 Euro ist das Fasnets-Outfit für ein gestandenes Hansele.
  • So wird man ein Narr: Wer neu bei den Narren mitmachen möchte, kann sich an die Gildenmeister wenden. Bei den Katzen ist das Constanze Kirchmaier. Den Hansele steht Martin Bleile vor und als oberste Fledermaus fungiert Angelika Gmeiner. Die Gildenmeister sind, so Holger Schank, über die allgemeine E-Mail-Adresse der Zunft zu erreichen: info@katzenzunft.de (hps)