Im Zentrum der Vorträge und Diskussionsrunden im Schloss stand das vor 90 Jahren erschienene erste Hauptwerk des Philosophen mit dem Titel "Sein und Zeit", das bis heute nichts von seiner Frische verloren habe, sowie das Gespräch mit Heidegger, die sachliche Würdigung seiner Philosophie und Anregungen für das eigene Weiterdenken. Bürgermeister Arne Zwick drückte seine Freude darüber aus, dass die Gesellschaft nach, wie er sagte, Zeiten der Turbulenzen, wieder an den Geburtsort von Heidegger zurückgekehrt sei. "Wir in Meßkirch stehen weiterhin hinter ihm", gab er bekannt.

In seinem Eröffnungsvortrag mit dem Titel "Sein und Zeit im Licht von Heideggers Denkweg" definierte Harald Seubert Philosophie als zeit-, raum- und modeübergreifendes Gespräch. Heidegger gehe vom scheinbar Selbstverständlichen aus und zeige, dass es nicht selbstverständlich sei, sondern auf Tieferes verweise. Das Werk sei in relativ kurzer Zeit entstanden, weil Heidegger auf seine Marburger Vorlesungen zurückgreifen konnte, in denen die Frage nach dem Ich und die Frage zum Seinsverhältnis untersucht wurde. Der zweite Abschnitt behandle die Zeit und das zeitliche Sein als Sorge und das Verhältnis von Sein und Nichts. Auch die viel zitierte Kehre sei ein Stück des Denkwegs, nicht ein Punkt.

Jahrestagung der Martin-Heidegger-Gesellschaft in Schloss Meßkirch. Mit dabei im Gespräch sind (von links): Norbert Bolz, Bürgermeister Arne Zwick, Arnulf Heidegger sowie der Vorsitzende Harald Seubert im Gespräch mit Pater Francesco Alfieri. <em>Bilder: Günther Brender</em>
Jahrestagung der Martin-Heidegger-Gesellschaft in Schloss Meßkirch. Mit dabei im Gespräch sind (von links): Norbert Bolz, Bürgermeister Arne Zwick, Arnulf Heidegger sowie der Vorsitzende Harald Seubert im Gespräch mit Pater Francesco Alfieri. Bilder: Günther Brender | Bild: Günther Brender

Der Abendvortrag von Norbert Bolz (Berlin), der in den Siebzigerjahren angepasster Gegner von Heidegger gewesen sei, nach der späteren Lektüre von "Sein und Zeit" aber zur Überzeugung kam, das Buch sei das bedeutendste Werk des 20. und bis jetzt des 21. Jahrhunderts, trug passenderweise den Titel "Ungebrochene Faszination". Bolz gliederte seinen Vortrag in drei Teile. Erstens ging es ihm um den, wie er sagte, Rätselcharakter der Seinsfrage und der Destruktion bestehender allgemeiner Meinungen, das Wegräumen von nicht hinterfragten Sätzen, die Umformung der alten Sprache und Ausbildung einer Eigensprache. Die Substanz des Menschen, argumentierte er, sei die Existenz und nicht, wie oft behauptet, die Funktion. Zweitens ging er auf große Missverständnisse im Zusammenhang mit Heidegger ein. Er kam darauf zu sprechen, dass sich der Philosoph gegen die Gleichsetzung von christlicher Erbsünde und dem "Vorlauf zum Tode" immer verwahrt habe; andererseits, argumentierte er, sei Heideggers Daseinsfrage mit dem Schlüssel von Luthers erbaulichen Schriften leichter zu verstehen. Faszinierend sei bei Heidegger auch die Kombination von extremer Anschaulichkeit und extremer Abstraktion, der Übergang vom Alltäglichen zum philosophischen Denken. Und schließlich, kam Bolz auf die extremen Stimmungen der Angst und der Langeweile zu sprechen. Nach Heidegger führten Stimmungen früher und eher zur Erkenntnis als das Denken; Angst und Langeweile seien weder negativ noch positiv besetzt, sondern Tatsachen. In der Angst entdecke der Mensch reflektierend seine Grundbefindlichkeit in der Welt, in der Langeweile erlebe er sich zwischen Geburt und Tod.

Heinrich (links) und Arnulf Heidegger gehören mit zu den Gästen der Tagung.
Heinrich (links) und Arnulf Heidegger gehören mit zu den Gästen der Tagung. | Bild: Günther Brender

Fünfzehn Vorträge und zwei Bände pro Jahr

Zu weiteren Veröffentlichungen und den weiteren Themen der Tagung:

  • Arnulf Heidegger, der Enkel des Philosophen und Herausgeber der Martin Heidegger Gesamtausgabe, gab einen Überblick über den Stand der Edition. Von den geplanten 102 Bänden sind bisher 90 erschienen; zwei Bände pro Jahr sind in Vorbereitung; aus den Briefen mit philosophischem Inhalt von und an Heidegger sollen weitere zwei Bände zusammengestellt werden. Nach der Veröffentlichung von "Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung" von Peter Trawny, dem Herausgeber der Schwarzen Hefte, stellte der langjährige Mitherausgeber der Gesamtausgabe, Friedrich-Wilhelm von Herrmann (Freiburg) den Antrag, Trawny die weitere Editorentätigkeit zu entziehen; Arnulf Heidegger erklärte, er werde das nicht tun, dankte aber allen Herausgebern für ihre Arbeit.
  • In insgesamt fünfzehn Vorträgen und Diskussionsrunden beschäftigten sich die Teilnehmer der Heideggertagung mit dem neuartigen Denkansatz des jungen Heidegger in seinem genialen Wurf "Sein und Zeit". Eine Auswahl: Angst und Sorge, existenzial-logische Voraussetzungen personalen Seins; Dasein als Befindlichkeit; Heideggers ontologische Wende der Phänomenologie, Anmerkungen zum Verhältnis von Sinn und Sein; Die Geschichtlichkeit des Daseins; Heidegger und die Gottesbeweise; Die Frage nach dem Wahrsein zwischen Dasein und Bewusstsein; Heideggers Publikationspolitik bis 1936; Heideggers Freiheitsbegriff in "Sein und Zeit" sowie seine Überlegungen zur Todesanalyse. (wf)