Rund 30 vergilbte Seiten, geschrieben auf Schreibmaschine und datiert auf 1941: Rainer Jäckle hat eine Rarität im Fundus seines Vaters gefunden, denn ein unbekannter Schreiber dokumentierte die Firmengeschichte von Dual von der Jahrhundertwende bis in die 1920er-Jahre. Er war offenbar mit der Gründerfamilie Steidinger bekannt und plaudert aus dem Nähkästchen.

Der Vater von Rainer Jäckle stammt aus St. Georgen und hat das Meßkircher Dual-Werk geleitet, viele Dokumente zur Firmengeschichte hat sein Sohn vor einigen Monaten im Elternhaus gefunden. Aus Bildern, der Chronik und weiteren historischen Dokumenten hat Jäckle jetzt ein Buch zusammen gestellt. Und das soll erst der Anfang sein: Mit Zeitzeugenberichten möchte der 65-Jährige die Firmengeschichte im nächsten Schritt noch lebendiger schildern.
 

Räumlich ist Dual für Rainer Jäckle weit weg: Er lebt in Weyhe bei Bremen, rund 800 Kilometer von Meßkirch entfernt. Und doch ist sein Heimatort für ihn sehr präsent: Regelmäßig ist er zu Besuch und mittelfristig möchte er zurückkehren. Auch Dual ist stets präsent: "Wenn sich die Familie früher traf, war das beherrschende Thema immer Dual", schreibt er einleitend in seinem Buch "Einfach Dual. Mein Großvater war von Anfang an dabei", das er im Epubli-Verlag veröffentlicht hat.

Sein Vater habe viel über Dual dokumentiert, erzählt Jäckle im Gespräch mit dem SÜDKURIER. Er sei der einzige in der Familie, der sich dafür interessiert, und habe das mit seinem Buch erhalten wollen. Rund 140 Stück haben sich bereits verkauft, er zählt sich auch selbst zu den Kunden – seine Umgebung soll schließlich auch etwas über die Familienvergangenheit im einstigen Weltunternehmen erfahren.

 

Ein Ausstellungsstand in Meßkirch, der die Produktvielfalt von Dual zeigt: Plattenspieler gehörten ebenso dazu wie Elektrorasierer.
Ein Ausstellungsstand in Meßkirch, der die Produktvielfalt von Dual zeigt: Plattenspieler gehörten ebenso dazu wie Elektrorasierer.

Ganze Familie bei Dual

Großvater Johann Jäckle lernte bei Josef Steidinger von 1901 bis 1904 die Triebdreherei und Feinmechanik, wie der unbekannte Chronist festhielt, und kam dann als Vorarbeiter in die mit Christian Steidinger 1906 gegründete Firma "Gebrüder Steidinger – Fabrik für Feinmechanik". Er machte sich zeitlebens in der Firma verdient. Siegfried Steidinger sagte nach seinem Tod 1969: "Schließlich war Johann Jäckle für uns aber auch das Oberhaupt einer Familie, der einige wertvolle Mitarbeiter unserer Firma entstammen."

Sohn Helmut Jäckle, Vater von Rainer Jäckle, wurde zum Werksleiter in Meßkirch. Diesem Werk maß Dr. Walter Karrer als Mitglied der Geschäftsführung bei einer Feier große Bedeutung bei: „Zehn Jahre Meßkirch sind für uns das dauernde Beginnen neuer Entwicklungen. Ohne den Anfang in dieser Keimzelle wäre es für die gesamte Firma nicht möglich gewesen, die einstmals gegebene Beschränkung zu überwinden und den Sprung in eine höhere Dimension zu bewältigen."

 

Die Haberhalle war der erste Standort in Meßkirch, später gab es eine eigene Fabrik.
Die Haberhalle war der erste Standort in Meßkirch, später gab es eine eigene Fabrik.

Jäckles Erstlingswerk schildert vorrangig die guten Zeiten, als Dual vom kleinen Familienunternehmen zum internationalen Betrieb mit bis zu 3000 Mitarbeitern wurde. Der unbekannte Chronist konzentriert sich dabei auf die Anfänge, schildert beispielsweise den Streit der Brüder Christian und Josef Steidinger, der zur Teilung in Dual und Perpetuum geführt hat. Ein interessanter Einblick auch in die gesellschaftlichen Verhältnisse dieser Zeit, findet Jäckle.

Anfänge im Schwarzwald

Die Zeittafel auf den ersten Seiten des Buches nennt auch die ersten roten Zahlen 1978, Personalreduzierungen und das Konkursverfahren 1982. Diesen Teil der Geschichte möchte Jäckle im nächsten Buch weiterführen. Jäckle hat nach eigener Aussage etwa die dritte Generation der Dual-Familie im Ausland kontaktiert.

Siegfried Steidinger wurde Ehrenbürger Meßkirchs, die Urkunde übergab Bürgermeister Schühle.
Siegfried Steidinger wurde Ehrenbürger Meßkirchs, die Urkunde übergab Bürgermeister Schühle.

Die möchte sich aber nicht äußern: "Nach vielen Jahrzehnten sitzt der Schmerz noch tief", sagt Jäckle. Bereits vorliegen hat er das Tagebuch einer Frau, deren Mann bei Dual beschäftigt war. "Ihr Tagebuch dokumentiert, wie schmerzhaft der Niedergang für die Beteiligten war", sagt Jäckle. Einige Zeitzeugen habe er bereits kontaktiert, die große Suche beginne aber erst.

Was aus den Zeilen des Chronisten geworden ist, die dieser laut eigenen Aufschrieben 1941 seitens der Betriebsführung anfertigen sollte, ist ungewiss. "In dem Umfang habe ich bei meinen Recherchen nichts gefunden", sagt Jäckle. Auch die Identität bleibt vorerst unklar: Nachfragen in St. Georgen hätten nichts ergeben und die Chronik selbst dient dafür eher einer Schnitzeljagd.
 

Eine Momentaufnahme der Kristallfertigung im Montagesaal in Meßkirch.
Eine Momentaufnahme der Kristallfertigung im Montagesaal in Meßkirch.

Um die Jahrhundertwende gehörte der Schreiber nach eigenen Angaben zu den Bekannten von Christian Steidinger, die im Geheimen mitgearbeitet haben: „Wenn zu jener Zeit fremde Leute in die Stube kamen, musste das Betreffende, welches mit am Fräskopf arbeitete, sofort aufhören, die Vorrichtung mit einem bereitgelegten Tuch bedecken und den Arbeitsplatz verlassen, bis die Leute die Stube verlassen hatten. Es durfte nichts abgesehen werden, denn Späher gab es damals genug", schreibt er.

"Ich habe Vieles erfahren, was ich bisher nicht wusste", fasst Jäckle seine Erkenntnisse zusammen. Er weiß jetzt, warum Dual diesen Namen trug – wegen der Kombination aus Federlaufwerk und Elektromotor. Und er zeigt sich fasziniert vom Erfindergeist des Schwarzwalds: "Für die damalige Zeit war das herausragend, was die geleistet haben."

Zur Person

Rainer Jäckle ist 1951 in St. Georgen geboren und kam im Jahr 1959 nach Meßkirch, als sein Vater das dort eingerichtete Dual-Werk leitete. Dort besuchte er die Schule, bevor er Wirtschaftsinformatik studierte und erst in Pfullendorf bei Alno, anschließend bei Dornier in Friedrichshafen und letztlich bei Airbus arbeitete. „Meine Tätigkeit in der Firma beschränkte sich auf einen Ferienjob während meiner Schulzeit im Dual-Stammwerk in St. Georgen", schreibt er. Seit 1989 wohnt er bei Bremen, dort war er bei Airbus für die IT Finance zuständig. Sein Vater starb 1992 in Meßkirch. Da seine Mutter in ein Pflegeheim gezogen ist, richtet Jäckle mit seiner Frau Silvia sein Elternhaus. Dort fand er auch die Dokumente zu Dual.

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