Der Diskussionskreis „Philosophisches Café“ im Schlosskeller, veranstaltet vom Martin-Heidegger-Archiv und der Stadt, ging mit dem Thema „Gesundheit“ in eine neue Runde. In entspannter Atmosphäre, zwar ohne Kaffee, aber mit Getränken und Käsestangen, trafen sich „Stammteilnehmer“ mit Neuen, die erst am gleichen Morgen die Ankündigung in der Zeitung gelesen hatten. Bodenständige Rentner tauschten ihre Meinungen, Auffassungen und Assoziationen mit Menschen, die in der ganzen Welt herumgekommen sind, aus. Auf die Frage eines Teilnehmers, warum ein Philosoph ausgerechnet Themen wie „Gesundheit“ und „Liebe“ anbiete, antwortete der Moderator Alfred Denker, Leiter des Martin-Heidegger-Archivs, er wolle kein philosophisches Seminar veranstalten, sondern mit allgemein interessierenden Themen eine breite Öffentlichkeit ansprechen; eigentlich umfasse Philosophie aber alle Bereiche des Lebens.

Tatsächlich begann die Unterhaltung mit persönlichen oder familiären Erfahrungen mit Gesundheit, Krankheit und Heilung, sie kam aber bald bei philosophisch-ethischen Fragen an. Die von einer Teilnehmerin zitierte Definition der Welt-Gesundheits-Organisation „Gesundheit ist die Abwesenheit von körperlichen, geistigen und seelischen Beeinträchtigungen“ löste eine lebhafte Diskussion aus: Gibt es den völlig „gesunden“ Menschen? Bei welcher Abweichung vom „Normalen“ ist man „krank“? Wer legt fest, dass jemand krank ist? Ist die Krankheit immer eine Beeinträchtigung? Setzt sie nicht manchmal ungeahnte Kräfte, geistige oder seelische Höchstleistungen frei, wie die Romantiker meinten? Warum definiert man Gesundheit negativ, als „Abwesenheit“ von etwas?

Der Bericht vom 102-jährigen gesunden Australier, der in der Schweiz einen unterstützten Suizid unternahm, führte zu ethischen Überlegungen zum Freitod, die Beachtung oder Nichtbeachtung der Patientenverfügung, zum Zeitpunkt, wann lebenserhaltenden Geräte abgeschaltet werden sollten oder müssten und wer die Verantwortung dafür übernimmt, wie Krankheit individuell an- und aufgenommen wird. Auch hier schöpften die Anwesenden aus ihrem Erfahrungsschatz, etwa wenn eine Frau berichtete, dass die Patientenverfügung beim Großvater nicht beachtet wurde, er wieder zu sich kam und weiterlebte oder ein Arzt von einem Dilemma berichtete: Wenn es zwei Patienten gibt, die beatmet werden müssen, aber nur ein Gerät zur Verfügung steht, welchen lässt man sterben? Und wie verhält man sich gegenüber einer Krankheit, mit Wut, Fatalismus oder Gelassenheit? Womit man wieder bei Heidegger angekommen war.