Warum haben Sie sich wegbeworben?

Mein möglicher Weggang hat nichts mit der Arbeit und den Menschen hier vor Ort zu tun. Ich fühle mich hier sehr wohl und hätte keinen Grund, mich zu verändern. Die Entscheidung hängt allein an unserer Familiensituation. Seit Ostern wissen wir, dass unsere vierjährige Pflegetochter Alma an einer unheilbaren Stoffwechselerkrankung leidet, die leider oft schon im Kindesalter zum Tod führt. Die einzige Hoffnung für Alma ist die Teilnahme an einer Studie in der Hamburger Uni-Klinik Eppendorf. Die Behandlung beginnt im April 2018 und ist nur dort möglich. Das bedeutet einen wöchentlichen Flug nach Hamburg mit mehrtägigen Krankenhausaufenthalten. Das ist von Singen und Sauldorf aus nicht zu schaffen, zumal unser Pflegesohn Justin ebenfalls intensive Pflege braucht. So fand ich eine mögliche Pfarrstelle, von der aus Hamburg schneller zu erreichen wäre und die die räumliche Nähe zu Mannheim gewährleistet. Deswegen habe ich mich auf die freie Pfarrstelle in Saarbrücken beworben.

Wann entscheidet sich, wie es weitergeht?

Nicht ich entscheide dies, sondern die alt-katholische Pfarrgemeinde Saarbrücken. Alle Alt-Katholiken ab 16 Jahren wählen am 4. Februar aus drei Bewerbern ihren neuen Pfarrer. Vorher werde ich mich mit meiner Familie am 21. Januar dort vorstellen.

Welche Projekte, Dinge konnten Sie in Ihrer Zeit in Sauldorf, Meßkirch und Pfullendorf umsetzten?

Eines der ganz großen Projekte war der Wiederaufbau der historischen Orgel in der Liebfrauenkirche und deren Weihe durch den Bischof. Die Orgel erklingt regelmäßig zu den Gottesdiensten und darüber hinaus am 29. Dezember um 19 Uhr beim Benefizkonzert "Zwischen den Jahren" durch die Pfullendorfer Organistin Dina Trost. Viel Freude und Begeisterung habe ich bei den außergewöhnlichen Narrenmessen in Sauldorf und Meßkirch erfahren. Die Seniorennachmittage und Ausflüge möchte ich ebenso nennen wie die Mitarbeit in der Ökumene, die Jugendveranstaltungen und die wunderbare Fahrt zum Kölner Karneval. Mit der Kapelle St. Georg in Brunnhausen, die uns dankenswerter Weise die römisch-katholische Kirche zur Verfügung stellt, hat sich ein neuer Standort entwickelt.

Was war schwierig umsetzen?

Die alt-katholische Pfarrgemeinde darf seit dem badischen Kirchengesetz 1874 die Notkirche St. Sebastian als "ihre" Kirche benutzen. Leider konnten auch in den letzten fünf Jahren keine Fortschritte in der Sanierung erzielt werden, weil sich die Klärung der Besitzverhältnisse über Jahrzehnte bis letztes Jahr hinweg zog. Nun wurden diese Woche die Schallläden des Glockenturms aus Sicherheitsgründen ganz geschlossen, sodass der Läutebetrieb auf unbestimmte Zeit nicht mehr möglich ist. Da hätte ich mir eine andere Lösung gewünscht.

Wie geht es mit der alt-katholischen Gemeinde dann weiter?

Bis Mitte Februar geht alles seinen gewohnten Gang. Sollte ich nicht gewählt werden, bleibt alles, wie es ist. Sollte ich gewählt werden, ist die Pfarrstelle in Singen, Sauldorf und Meßkirch frei. Das Kirchenrecht sieht dafür einen vom Bischof ernannten Pfarrverweser oder Administrator vor. Die Stelle wird dann neu ausgeschrieben. Der Kirchenvorstand vor Ort arbeitet und regelt alles Weitere. Dabei muss man aber die Situation im Pfarrhaus in Singen mit bedenken: Ab Ostern wird dieses umgebaut und ist bis Anfang 2019 nicht bewohnbar.

Fragen: Sandra Häusler

Zur Person

Robert Geßmann wurde 1975 in Köln geboren. Nach seinem Theologiestudium und der Ausbildung hat er als Laientheologe in der römisch-katholischen Kirche gearbeitet. 2012 konvertierte er mit seiner Frau Katharina ins alt-katholische Bistum. An St. Martin 2012 war seine Diakonweihe, an St. Peter und Paul 2013 seine Priesterweihe.

Seit 2012 ist Geßmann in der alt-katholischen Gemeinde Sauldorf-Meßkirch und St. Thomas Singen als Seelsorger tätig. 2016 wählten ihn die Gemeindemitglieder in Meßkirch einstimmig zu ihrem Pfarrer. Robert Geßmann ist verheiratet und hat zwei Kinder. Zur Familie gehört auch Hund Balou.