Die herkömmliche Facharztpraxis könnte besonders in manchen ländlichen Regionen zum Auslaufmodell werden. Diese Ansicht vertrat am Freitag als Gastreferent bei der Jahresversammlung des CDU-Stadtverbandes Roland Beierl. Der Geschäftsführer der Krankenkasse AOK Bodensee-Oberschwaben sieht eine mögliche Alternative in „Versorgungszentren“. Insgesamt sieht Beierl für die Ärzte- und Krankenhausversorgung im Landkreis Sigmaringen für die Zukunft keine unlösbaren Probleme.

„Versorgungszentren“ sind komplett eingerichtete Arztpraxen, die an Fachärzte vermietet werden, die dann regelmäßig, aber nicht täglich in einer Kleinstadt wie Meßkirch anwesend sind und hier ihre Patienten betreuen. Beierl: „Da kann am Montag der Orthopäde, am Dienstag der Urologe oder am Mittwoch der Neurologe sein.“ Damit könnte auch ein Anliegen der Meßkircher CDU-Vorsitzenden Christa Golz gelöst werden. Sie fragte den AOK-Chef: „Bekommen wir in Meßkirch einen Augenarzt?“ Seine spontaneAntwort war ein deutliches „Nein“.

Christa Golz
Christa Golz

 

Zuvor hatte Beierl den komplexen rechtlichen Hintergrund erläutert, der eine Rolle spielt, wenn sich ein Facharzt irgendwo niederlassen möchte. Die Entscheidung darüber liegt bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Beierl: „Die KV hat Baden-Württemberg in Planungsbereiche eingeteilt. Im Kreis Sigmaringen sind das beispielsweise bei den Hausärzten die Bezirke Bad Saulgau, Pfullendorf und Sigmaringen.“ Nach einem komplizierten Berechnungsmodus wird der rechnerische Bedarf ermittelt. Ist die berechnete Bedarfszahl erfüllt, wird der Bezirk rot markiert. Damit werde, so Beierl, signalisiert, dass sich in diesem Bereich kein weiterer Arzt dieser Disziplin niederlassen darf. Bei den Augenärzten und den anderen Fachärzten wird der gesamte Landkreis als Berechnungsgrundlage herangezogen. Im Augenblick ist der Kreis Sigmaringen für Augenärzte noch grün.

"Die Telemedizin könnte meiner Einschätzung nach die Arbeit der Ärzte auf dem Land deutlich unterstützen.".Christian Ott, Geschäftsführer, Meßkirch
"Die Telemedizin könnte meiner Einschätzung nach die Arbeit der Ärzte auf dem Land deutlich unterstützen.".Christian Ott, Geschäftsführer, Meßkirch

Wieso kann dann kein Augenarzt nach Meßkirch kommen? Der AOK-Chef erläuterte, dass dies zwar theoretisch möglich sei. Der entsprechende Facharzt werde sich aber mit ziemlicher Sicherheit wegen der Patientenströme eher für Sigmaringen als für Meßkirch entscheiden. Das habe mit der Einwohnerzahl und dem Einzugsbereich zu tun. Golz: „Dann müssen eben die Sigmaringer für den Augenarztbesuch nach Meßkirch fahren!“ Roland Beierl: „Das glaube ich nicht. Eher fahren die Meßkircher nach Sigmaringen.“ Dass die Entfernungen bei der Niederlassungserlaubnis für die KV keine Rolle spielen, zeigt ein weiteres Beispiel. In Bad Saulgau hat sich jetzt ein Hals-Nasen-Ohrenarzt (HNO) niedergelassen. Damit ist der rechnerische Bedarf an HNO-Ärzten im Kreis gedeckt. Es darf sich also kein weiterer HNO-Arzt beispielsweise in Sigmaringen niederlassen. Gerade an diesem Punkt setzt die von Roland Beierl vertretene „Versorgungszentrums“-Idee ein. Diesem HNO-Arzt und anderen Fachärzten aus dem Kreis ist es nämlich nicht verboten, eine Zweigpraxis beispielsweise in Meßkirch zu eröffnen, um hier wöchentlich oder monatlich Sprechstunden anzubieten. Da die gleichen Praxisräume an den sonstigen Tagen von anderen Fachärzten genutzt werden, halten sich die diesbezüglichen Kosten für den einzelnen Arzt in Grenzen. Besonders im Hausarztbereich sieht Beierl Chancen für den Einsatz von Telemedizinprojekten. Ein Ansatz der AOK sei die Weiterbildung von Praxisassistenten, die dann für den Hausarzt Hausbesuche übernehmen könnten.

"Mich interessiert, ob die Zukunft des Krankenhauses in Pfullendorf langfristig gesichert ist.".Christian Fecht, Meßkirch, Stadtrat
"Mich interessiert, ob die Zukunft des Krankenhauses in Pfullendorf langfristig gesichert ist.".Christian Fecht, Meßkirch, Stadtrat

Aufmerksam registriert der AOK-Chef die gegenwärtigen Pläne für den Ausbau der SHR-Kliniken im Landkreis Sigmaringen. Durch die an allen drei Standorten in Bad Saulgau, Pfullendorf und Sigmaringen geplante und teilweise schon vollzogene Spezialisierung auf bestimmte Fachgebiete würden hier Kompetenzzentren geschaffen. Beispielsweise im Blick auf die im Pfullendorfer Krankenhaus geplante Einrichtung eines Geriateriezentrums erklärte Beierl: „Das ist genau die Spezialisierung, die wir zum Erhalt eines Krankenhauses brauchen.“ Er blickt dagegen besorgt auf die ständig zurückgehenden Zahlen der Pflegekräfte in den Kliniken im Land.

"Ich kann nicht nachvollziehen, warum Deutsche durchschnittlich 18 Mal im Jahr zum Arzt gehen, die Skandinavier aber nur sieben Mal".Insa Bix, Stadträtin Meßkirch
"Ich kann nicht nachvollziehen, warum Deutsche durchschnittlich 18 Mal im Jahr zum Arzt gehen, die Skandinavier aber nur sieben Mal".Insa Bix, Stadträtin Meßkirch

Zur Person

Roland Beierl wurde 1960 in Meßkirch geboren. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Nach dem Abitur am Martin-Heidegger-Gymnasium und dem Wehrdienst begann er 1981 seine Ausbildung zum Sozialversicherungsfachangestellten bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK). Von 1996 bis 2007 war der Meßkircher Geschäftsführer der AOK Sigmaringen. Seit 2007 ist er Geschäftsführer der AOK Bodensee-Oberschwaben. (hps)

"Wir müssen neue Wege gehen"

Interview mit Christa Golz, der Vorsitzenden des CDU-Stadtverbandes Meßkirch.

Frau Golz, wie haben Sie den über einstündigen Vortrag von Roland Beierl empfunden?

Ich fand den Vortrag informativ. Das lag auch daran, dass der Referent die komplizierten Sachverhalte in einer einfachen Sprache darstellte, mit der auch wir Laien etwas anfangen können.

Sind Sie über die negative Einschätzung des Referenten über einen Augenarzt für Meßkirch ernüchtert?

Meine Hoffnung war ohnehin gering. Als ich zum ersten Mal in den Gemeinderat gewählt worden war, dachte ich, es sei einfacher, einen Augenarzt oder einen sonstigen Facharzt nach Meßkirch zu holen.

Könnte das von Beierl vorgeschlagene Konzept von Versorgungszentren, also der mehrfachen Nutzung von Praxisräumen durch Ärzte verschiedener Fachrichtungen eine Lösung darstellen?

Das glaube ich schon. Wir müssen einfach neue Wege gehen, wenn wir die medizinische Versorgung besonders unserer älteren Mitbürger in Zukunft sicherstellen wollen. Das gilt auch vor dem Hintergrund, dass ein hoher Anteil der jüngeren Ärzte Frauen sind, die nach Baby- und Kinderpause als Teilzeitkräfte zurückkehren möchten.