Die erste soll eine ganz besondere Wanderung werden – doch auf lange Sicht planen die beteiligten Touristiker, die Route von der Mittelalterbaustelle des Campus Galli in Meßkirch nach St. Gallen in der Schweiz für Wanderer und Radler auszuweisen. Dies sagte Henrike Müller vom Büro für Regionalkultur in einem Gespräch mit dem SÜDKURIER. Ziel sei es, dass die Routen ab 2019 gebucht werden können. An der experimentellen Wanderung, die in zwölf Tagen startet, nimmt auch der Fotograf Claudio Hils teil. Die während der Tour nach St. Gallen entstehenden Bilder werde Hils als Basis für ein neues Kunstprojekt verwenden.

Freie Plätze für Langstrecke

Die erste Wanderung nach St. Gallen, mit der der historische Bauplan an seinen Ursprungsort gebracht werden soll, startet am Dienstag, 28. August im Campus Galli – mit dem ersten Morgenlicht will die Gruppe um 5.30 Uhr starten. 

Es sei Pilgerstandard zu erwarten, eben auch einmal ein Strohlager. Die Gruppe, die den gesamten Weg bis nach St. Gallen gehen wird, werde maximal zehn Personen umfassen. Wolfgang Starke aus Konstanz gehört mit zu dieser Gruppe. Auch er will sich während der experimentellen Wanderung als "Wolf vom See" mittelalterlich kleiden, und ein Gewand tragen, das ihm im Campus Galli geschneidert wurde, wie Henrike Müller erzählt. Die Veranstalter wünschen sich, dass möglichst viele Interessierte bei den Tagestouren die historische Wandergruppe begleiten. "Das Interesse daran ist groß", sagt Müller in einem Gespräch mit dieser Zeitung. Wer die Wandergruppe begleiten will, muss sich allerdings selber versorgen, beispielsweise mit Getränken und Speisen.

Bild: Brender, Günther

Nach dem Start am 28. August am Campus Galli wird die Gruppe um Michael Skuppin als keltischer Wandermönch Angus die Bodenseeregion in Richtung Schweiz durchqueren. "Auf seinem Weg nach St. Gallen ist er beseelt von seinem verantwortungsvollen Auftrag: eine wertvolle Urkunde, den Kloster-Masterplan des 9. Jahrhunderts sozusagen, von der Insel Reichenau ins Kloster St. Gallen zu bringen und ihn unterwegs – notfalls – mit seinem Leben zu verteidigen", schreibt Meßkirchs Tourismus-Chefin Jennifer Werner in einer Mitteilung. Begleitet wird Skuppin von seiner Frau Gerlinde und einigen weiteren Getreuen sowie von drei Vierbeinern des Esel- und Schafhofs Sauldorf. Dass Esel die Gruppe begleiten, sei eine Idee von Veronika Rotthaler vom genannten Hof, schilderte uns Henrike Müller. Während der Wanderung sei es möglich, dass Kinder auf den Eseln mitreiten könnten.

Zur Verabschiedung am Campus Galli am 28. August und zum ersten Wanderabschnitt bis zum Schloss Meßkirch und dann weiter zum Kloster Wald erhoffen sich die Veranstalter viele Gäste und Begleiter. „Gerade für Kinder ist diese erste Etappe sehr geeignet“, sagt Jennifer Werner und fährt fort: „Sie müssen allerdings zeitig aufstehen, oder mit der Wandermönch-Gruppe im Brigel-Hof übernachten, damit sie den Sonnenaufgang und das Abschiedsritual am Campus Galli nicht verpassen.“ Außerdem werden Kinder ab etwa sieben Jahren gesucht, die die drei Esel ein Stück des Weges führen – auch hierfür werden Anmeldungen bei der Meßkircher Tourist-Info entgegen genommen.

Zwischenstopp am Schloss Meßkirch

Bereits um 8 Uhr wird die Wandergruppe am Schloss Meßkirch erwartet, wo ein Weißwurst-Brezelfrühstück auf alle wartet. „Für Möhren und Äpfel für die Esel werden die Meßkircher sicherlich sorgen; für das leibliche Wohl der Zweibeiner am ersten Tag erklären aber wir uns zuständig“, sagt Harry Knoll von der gleichnamigen Metzgerei. Für alle, die nicht mitwandern, bietet dieser Aufenthalt eine Gelegenheit, den Eseln Ade zu sagen, bevor sie ihren langen Weg nach St. Gallen antreten und erst am 5. September abends wieder zu Hause ankommen. „Ein wenig Schonung werden wir ihnen gönnen“, sagt Veronika Rotthaler vom Esel- und Schafhof Sauldorf, „aber Esel laufen gerne und regenerieren sich schnell. Nach einem Wochenende sind sie wieder startklar und können für eigene kleine Touren rund um Boll ausgeliehen werden“.

Doch zunächst gilt es, das Wanderabenteuer in sieben Etappen zu bestehen. Bis Stockach wird die Eselskarawane von Anita Metz aus Meßkirch geleitet, die als Wanderführerin des Schwäbischen Albvereins Erfahrung hat mit Wandergruppen aller Art. Über Radolfzell geht es dann auf die Insel Reichenau und am 1. September setzt die Gruppe der Unermüdlichen in einem alten Fischerboot nach Ermatingen über, wo sie dann Schweizer Boden betritt. Die Esel werden nicht Schiffchen fahren, wie Hendrike Müller schildert. Der Transport der Tier mit einem Schiff oder Boot sei zu aufwendig. Die Esel werden mit einem Transporter auf dem Landweg auf die Schweizer Seite gebracht – auf diesem Weg müssen auch die tierärztlichen Kontrollen erledigt werden. Über Märstetten und Bischofszell wird am 4. September St. Gallen erreicht. "Am Mittwoch, 5. September sehen sich alle Interessierten im Stiftsbezirk St. Gallen wieder, wo der Klosterplan die nächsten Jahrhunderte überdauern wird", so Werner.

Das Projekt der grenzüberschreitenden Pilgerwanderung vom Campus Galli nach St. Gallen wird als Begegnungsprojekt aus dem IBK-Kleinprojektefonds 2015 bis 2020 gefördert. IBK steht für Internationale Bodenseekonferenz. Ziel ist es, vertrauensvolle grenzüberschreitende Beziehungen auf lokaler und regionaler Ebene zu stärken sowie das gegenseitige Verständnis, das Wissen um die Region und die regionale Identität zu erhöhen.

Mittelalter hautnah erleben

Das Projekt Campus Galli ist dieses Jahr in seiner sechsten Saison. Handwerker und Ehrenamtliche bauen mit Mitteln des 9. Jahrhunderts ein Kloster auf Grundlage des St. Galler-Klosterplans. Auf der Meßkircher Mittelalter-Baustelle wird nach diesem historischen Plan gearbeitet, der einst auf der Insel Reichenau gezeichnet wurde:

  • Das Areal um die Obstgartenmauer und den Gemüsegarten ist einer der Schwerpunkte der Arbeiten in diesem Jahr. Der Obstgarten erhält einen Torbogen als Eingang, für den der Steinmetz die Steine behauen hat. Dieser freistehende Torbogen, für dessen Bau die Zimmermänner ein spezielles Holzgerüst fertigen müssen, ist eine Premiere und damit eine neue Herausforderung für die Handwerker. Das spätere Großkloster wird einmal eine Vielzahl solcher Arkaden besitzen. Im Gemüsegarten wurde in den Beeten genau das gesät, was vor 1200 Jahren auf der Insel Reichenau im Klosterplan beschrieben wurde, in genau jener Anordnung wie im Klosterplan.
  • Neben den Gärten entsteht eine große, strohgedeckte Scheune, womit eine Ecke des Klosterplans von St. Gallen dann gut im Gelände sichtbar werde. Der zweite Schwerpunkt der Bauarbeiten ist weiterhin die Holzkirche. Das Licht und die Chorschranken im Innern der Kirche sorgten bereits im vergangenen Jahr bei vielen Besuchern für Bewunderung. Die Pläne für die Saison 2018 sehen vor, dass im Außenbereich der Seiteneingang überdacht wird. Dank des in diesem Jahr erfolgreichen Gusses einer Glocke steht diese nun auch für die Kirche zur Verfügung.
  • Neben allen größeren Bauprojekten und einigen kleineren, gilt es für die im Campus Galli aktiven Menschen auch den mittelalterlichen Alltag zu bewältigen: die Landwirtschaft muss umgetrieben, die Tiere gefüttert und die Kleidung genäht werden.
  • Besichtigt werden kann der Campus Galli noch bis 4. November, dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr – ab 28. Oktober wird bereits um 17 Uhr geschlossen. Montags ist Ruhetag. Erwachsene zahlen 9 Euro, ermäßigt 7 Euro; Kinder unter 16 Jahre zahlen 6 Euro, Kinder unter sechs Jahren haben freien Eintritt. Familien mit eigenen Kindern von 6 bis 15 Jahren zahlen 21,50 Euro. (dim)