Gestohlen werde Tag für Tag. "Jeden Tag entsteht so ein Schaden von 100 Euro, damit kann man rechnen", heißt es seitens eines Lebensmittelmarkts in Meßkirch, dessen Geschäftsführung den Namen des Markts nicht veröffentlicht sehen möchte. Dabei sei es überall gleich, heißt es von dort. "Davon bleibt kein Markt verschont."

Handelsverband verweist auf Dunkelziffer

Dass Diebstähle in Ladengeschäften in den vergangenen Jahren zugenommen haben und die Einzelhändler erheblich belasten, bekundet auch Utz Geiselhart, Geschäftsführer des Handelsverbands Südbaden aus Konstanz. "Offiziell registriert werden jährlich nur knapp 400 000 Ladendiebstähle. Die geschätzte Dunkelziffer beträgt aber mindestens 98 Prozent." Nach brancheninternen Informationen des Lebensmitteleinzelhandels sei allein die Anzahl der Diebstähle und Raubüberfälle seit 2015 jährlich um 50 Prozent gestiegen.

Gestohlen wird aus Gier heraus

Dabei, heißt es seitens des Meßkircher Lebensmittelmarkts, werde nicht aus Hunger, sondern aus Gier gestohlen. Gestohlen werde querbeet alles, was handlich ist. Gerne würden Artikel auch an der Kasse im Wagen liegengelassen oder versteckt, beispielsweise in Getränkekästen. Werde jemand erwischt, stellten sich die Langfinger dumm. "Das habe ich vergessen." Oder: "Das habe ich woanders gekauft", seien zwei der gängigen Ausreden.

Dass Diebstähle sehr häufig vorkommen, bestätigt auch der Leiter eines Baumarkts. "Wir finden täglich abgerissene Etiketten." Die Diebe zu erwischen, sei aber sehr schwierig. "Bei uns ist es sehr unübersichtlich und oft sind wir unterbesetzt." Wie groß der Schaden ist, zeige sich erst bei der Inventur.

Schuhgeschäft komplett leer geräumt

Die höchste Inventurdifferenzen weisen, nach der aktuellen Studie eines Kölner Forschungs- und Beratungsinstituts für den Handel, nebst Baumärkten, die an dritter Stelle stehen, der Lebensmittel- und der Bekleidungshandel sowie Drogeriemärkte und Möbelhäuser auf. In dem Zusammenhang wird auch Ladendiebstahl und hierbei besonders der zunehmend organisierte Ladendiebstahl genannt. Geiselhart verweist in dem Zusammenhang auf ein Schuhgeschäft in Singen, das jüngst in einer Nacht komplett leer geräumt wurde. Und auch in Meßkirch sind organisierte Diebesbanden schon tätig gewesen. Im DM-Markt hätten es organisierte Langfinger so vor einem und vor zwei Jahren vor allem auf Kosmetika, Elektroartikel und auf Babynahrung abgesehen, heißt von der dortigen Filialleiterin. In einem Fall sei die Bande dadurch aufgeflogen, dass beim Rausgehen die Alarmanlage anschlug, ein Kunde daraufhin die Verfolgung aufnahm und Erfolg hatte. Ein anderes Mal sei zufällig die Polizei in der Nähe gewesen.

Blaulichter von Polizeifahrzeugen. (Symbolbild)
Blaulichter von Polizeifahrzeugen. (Symbolbild) | Bild: Rene Ruprecht (dpa)

Die Fälle im DM hätten einer Serie zugeordnet werden können, heißt es seitens des Meßkircher Polizeipostens. "Aber davon wird Meßkirch sicher nicht regelmäßig heimgesucht", gibt Egon Hafner, Leiter des Polizeipostens, Entwarnung. Diebstahl sei für ihn kein riesiges Thema und die Polizei in Meßkirch werde wegen solcher Vergehen "nicht über die Maßen" gerufen. Wichtig ist es Hafner in dem Zusammenhang auch darauf hinzuweisen, dass die Diebstahl-Kriminalität nichts mit dem Thema Flüchtlinge in der Heideggerstadt zu tun habe.

Immer größere kriminelle Energie

Laut Geiselhart vom Handelsverband hat sich – obschon die Übergriffe auf das Eigentum der Einzelhändler zunehmen und mit immer größerer krimineller Energie ausgeführt werden – in der Branche aufgrund der gemachten Erfahrungen der Eindruck verfestigt, dass dem Staat der Wille zur Rechtsdurchsetzung fehle und er die zunehmenden Übergriffe auf das Eigentum der Unternehmer ignoriere oder sogar bagatellisiere. Ermittlungstätigkeiten fänden praktisch überhaupt nicht statt. "Die Möglichkeiten zur Überführung potenzieller Mehrfachtäter, Hausdurchsuchungen durchzuführen, bleiben in der Regel ungenutzt." Vor allem Händler im ländlichen Raum hätten an den Wochenenden zudem das Problem, dass ortsnahe Polizeiposten nicht mehr besetzt sind. In rund einem Drittel der Fälle seien Verfahren zudem eingestellt worden und bei rund 6 Prozent der Erwischten sei es am Ende tatsächlich zu einer Verurteilung gekommen. Begrüßt werde seitens des Verbands indes die Entscheidung von Justizminister Guido Wolf, die Bagatellgrenze abzuschaffen.

Ein Schild mit der Aufschrift "Unsere Ware ist videoüberwacht! Jeder Diebstahl wird zur Anzeige gebracht" soll in einem Bekleidungsgeschäft abschrecken. Bild: Martin Schutt/dpa
Ein Schild mit der Aufschrift "Unsere Ware ist videoüberwacht! Jeder Diebstahl wird zur Anzeige gebracht" soll in einem Bekleidungsgeschäft abschrecken. Bild: Martin Schutt/dpa | Bild: Martin Schutt

"Schäden wirken sich für die Verbraucher tendenziell preissteigernd aus"

Wie nimmt der Handelsverband Südbaden Stellung zum Thema Ladendiebstahl?

Der jährliche Schaden in der Branche liege bundesweit bei 2,26 Milliarden Euro. "Daraus resultiert eine erhebliche Belastung der Volkswirtschaft, denn die Schäden wirken sich für die Verbraucher tendenziell preissteigernd aus", teilt Utz Geiselhart, Geschäftsführer des Handelsverbands Südbaden aus Konstanz, mit. Auch der Staat werde durch Ladendiebstahl geschädigt. Jährlich gingen dem Fiskus so Steuereinnahmen von mehr als 360 Millionen Euro verloren. In der Folge müssten auch die Steuerzahler stärker zur Kasse gebeten werden.

Wie sieht die Entwicklung beim bandenmäßig oder gewerbsmäßigen Ladendiebstahl aus?

Hier sind die Zahlen in den vergangenen vier Jahren um 30 Prozent angestiegen, teilt der Handelsverband Südbaden mit. Die professionellen Täter agierten arbeitsteilig in schwer aufzudeckenden Netzwerken. Sie seien überregional tätig und technisch gut ausgestattet. Bei der einzelnen Tat beschränken sie sich nicht auf den Diebstahl einzelner Produkte, sondern würden gleich eine Vielzahl von Waren stehlen, um schon bei der einzelnen Tat eine hohe Beute zu erzielen. Geiselhart verweist auch darauf, dass die Polizeistatistik für 2013 bis 2016 bei den einfachen Diebstahl-Delikten, bei denen keine Banden am Werk waren, einen Anstieg von 5 Prozent ausweist.

Was fordert der Handelsverband?

Die Vereinbarung aus dem Koalitionsvertrag, 2000 neue Richter- und Staatsanwaltsstellen auf Landes- und Bundesebene sowie bei der Polizei 15 000 neue Stellen zu schaffen, sollte unverzüglich auf Landesebene umgesetzt werden. Zudem sollte es eine zentrale Bearbeitung der Strafverfahren und bundesweite Vernetzung geben. Die Videoüberwachung sollte erleichtert werden. Wie wirksam das ist, habe sich jüngst im Erpressungsfall mit vergifteter Babynahrung in Friedrichshafen gezeigt. Und es sollte eine Erhöhung der Mindeststrafe bei schweren und einfachen Ladendiebstählen geben sowie weniger Verfahrenseinstellungen. (mos)