Vor 50 Jahren, im Mai 1968, meldete der SÜDKURIER: Der Stadtrat habe in Begleitung von Studiendirektor Lode und dem Elternbeiratsvorsitzenden Kempter als Vorbereitung für die Neubauplanung des Meßkircher Gymnasiums eine ganztägige Omnibusfahrt zur Besichtigung von Schulgebäuden in Waldkirch im Elztal, in Staufen im Breisgau und in Freiburg unternommen. Alle drei Schulen, so wurde den Meßkirchern gesagt, waren kurz nach dem Bezug schon wieder zu klein geworden. Sie erhielten deshalb den Rat, im Vorfeld mehr Räume einzuplanen, das käme billiger, als nachträglich an- und auszubauen. Wie kam es aber zur Notwendigkeit, ein neues Schulgebäude zu errichten?

Seit 1904 gab es in Meßkirch die Volksschule, später Grund- und Hauptschule genannt, und das sechsklassige Progymnasium, die Nachfolgeschule der früheren Höheren Bürgerschule. Beide Schulen waren gemeinsam in einem Gebäude aus dem Jahre 1904 untergebracht, heute das Gebäude der Conradin-Kreutzer-Schule. Man stelle sich vor: 50 Jahre lang hatte es ausgereicht, alle Schüler von Meßkirch aufzunehmen. Im Progymnasiumsteil gab es sechs Klassenzimmer und zwei Fachräume; im Volksschulteil sieben Klassenzimmer und zwei Fachräume. 1961 besuchten 81 Schüler das Progymnasium, sie wurden von sieben Lehrern unterrichtet. Aber mit dieser Idylle war es 1961 vorbei. Jedes Jahr gab es mehr Erstklässler und mehr Schüler pro Klasse; damals wurden auch die Klassenfrequenzen auf 43 in der Grundschule und auf 40 + 10 Prozent (falls nötig) in der Mittelstufe gesenkt. Dadurch drohte irgendwann die Zweizügigkeit, und dafür wären keine Lehrsäle mehr da gewesen.

Die Alte Schule in der Schlossstraße, die Martin Heidegger noch besuchte, vor dem Umbau zum Progymnasium 1963.
Die Alte Schule in der Schlossstraße, die Martin Heidegger noch besuchte, vor dem Umbau zum Progymnasium 1963. | Bild: Stadtarchiv

 

Rektor Kleiner und sein Konrektor Reinauer (Volksschule) wie Direktor Lode (Progymnasium) merkten, dass wegen der wachsenden Schülerzahl und gesenkten Klassenfrequenzen eine der beiden Schulen über kurz oder lang aus dem Gebäude ausziehen musste. Die Frage war, welche der beiden? Und wohin? Geeignete größere Gebäude fehlten in der Stadt. Für welche sollte die Stadt einen Neubau errichten? Für beide gleichzeitig hatte die Stadt aber kein Geld. Ein Grundstück für einen Schulneubau hatte die Stadt vorsorglich auf dem Schafösch reserviert, oben hinter der Conradin-Kreutzer-Schule. Da kam der Stadt ein Zufall zu Hilfe: Der Kreis Stockach baute am Ende des Feldwegs, der damals noch Hofgartenstraße hieß, eine neue Kreisberufsschule mit Handelsschule, die bisher im Alten Schulhaus in der Schlossstraße untergebracht waren. Am 15. September 1962 wurde sie eingeweiht. Die freigewordenen Räume bestimmte die Stadtverwaltung für das Progymnasium.

Die 1904 erbaute Volks- und Höhere Bürgerschule, heute Conradin-Kreutzer-Schule, zur Ferienzeit 2018 – bis 1964 die Heimat des Progymnasiums.
Die 1904 erbaute Volks- und Höhere Bürgerschule, heute Conradin-Kreutzer-Schule, zur Ferienzeit 2018 – bis 1964 die Heimat des Progymnasiums. | Bild: Werner Fischer

Doch die Schülerzahlen wuchsen und wuchsen in einem beängstigenden Tempo. 1966 hatte die Grund- und Hauptschule bereits 496 Schüler in 14 Klassen, das Progymnasium 235 in 12 Klassen. Die Schlossstraße konnte nur ein Provisorium für das Progymnasium sein. Schon jetzt mussten jedes Jahr neue Räume angemietet werden, im Herz-Jesu-Heim, im Schloss, in der Alten Wache, schließlich sogar in der Kreisberufsschule am Feldweg.

Volksschule und Progymnasium im Oktober 1957; oben das für einen Schulneubau vorgesehene Baugelände auf dem Schafösch. Quelle: Stadtarchiv
Volksschule und Progymnasium im Oktober 1957; oben das für einen Schulneubau vorgesehene Baugelände auf dem Schafösch. Quelle: Stadtarchiv | Bild: Stadtarchiv Meßkirch

Im ganzen Kreis Stockach gab es damals kein Vollgymnasium. Sigmaringen hatte nur ein altsprachliches Gymnasium. Die Meßkircher Schüler mussten also mit dem Frühzug nach Radolfzell fahren und nachmittags wieder zurück. Deshalb fasste Direktor Lode 1967 die Aufstockung des Progymnasiums zur Vollanstalt und einen Neubau ins Auge. Gleichzeitig forderten aber die Rektoren Kleiner und Reinauer die Einrichtung einer Realschule. Das Tauziehen zwischen Volksschule und Progymnasium löste eine heftige Debatte unter den Bürgern und in den Parteien aus. Nach langen und heftigen Debatten entschied sich der Gemeinderat für die Aufstockung und den Neubau eines Gymnasiums.

Ab 1969 wurde gebaut, Ostern 1973 war der Einzug in das neue Gebäude. Die Räume in der Alten Schule und im Schloss wurden frei. In sie zogen Klassen der Volksschule und später der dann doch noch genehmigten neu gegründeten Realschule ein.

Die Planung und die Kosten

Am 27. April 1967 sprach Meßkirchs Bürgermeister Siegfried Schühle wegen der Antragstellung bezüglich der Aufstockung zum Gymnasium beim Oberschulamt Freiburg vor, am 12. September 1967 in derselben Sache beim Kultusministerium in Stuttgart. Am 2. Januar 1968 gibt der Gemeinderat grünes Licht für die Errichtung eines Gymnasiums statt einer Nachbarschaftsschule. Am 1. April 1968 empfehlen die Schulbauberater des Oberschulamts Freiburg nach Besichtigung der vorgesehenen Bauplätze das Baugebiet „Im Goldösch“ wegen seiner Nähe zur Kreisberufsschule und verkehrsmäßig günstigen Zufahrt. Am 29. August 1968 werden sämtliche Unterlagen für einen beschränkten Wettbewerb an fünf ausgewählte Architekten versandt. Obwohl die Architekten Gäßler & Böhmer in Sigmaringen den ersten Preis gewinnen, vergibt der Gemeinderat mit großer Mehrheit den Auftrag an den einheimischen Architekten Fritz Braun.

Eingedenk der Warnungen beim Besuch von bald wieder zu klein gewordenen Schulgebäuden plante die Stadt großzügig: 18 Klassenzimmer, 9 Sonderräume und 42 Nebenräume (insgesamt 18 500 Kubikmeter), dazu eine mittelgroße Turnhalle (4030 Kubikmeter). Der Bau einer Schwimmhalle wurde vom Land mit der Begründung abgelehnt, es sei kein Geld mehr dafür vorhanden. Die Baukosten von Gymnasium (6 900 000 DM) und Turnhalle (1 120 000 DM) betrugen 8 020 000 DM. Zur Finanzierung steuerten das Land 2 931 000 DM, der Landkreis Stockach 933 000 DM, der Gemeindeausgleichsstock 750 000 DM bei, ein Zuschuss aus Sportfördermitteln über 250 000 DM und Eigenmittel der Stadt in Höhe von 856 000 DM kamen hinzu; der Rest wurde durch langfristige Darlehensaufnahmen gedeckt.

Direktor Lode hatte alles riskiert und alles gewonnen: 1968 gab es für die erste OII, also 11. Klasse, 12 Anmeldungen; und in der neunten Klasse interessierten sich bei einer Umfrage auch nur 12 Schüler für den Besuch der Oberstufe. In dieser Lage das Progymnasium aufstocken zu wollen und einen Neubau zu verlangen, erforderte gute Nerven.

Aber im Jahr 1973, beim Einzug ins neue Gebäude, hatte die Schule 536 Schüler, davon allein 116 Sextaner (5. Schuljahr) und 17 Abiturienten, darunter so bekannte Namen wie Luzia Braun, die Moderatorin von „Aspekte“ im ARD, Dieter Splinter, heute der Beauftragte für Prädikanten in der evangelischen Landeskirche Baden, der spätere Autor und Büchnerpreisträger Arnold Stadler und der vor wenigen Wochen pensionierte Rektor der Meßkircher Realschule, Wolfgang Sauter.

Die Planung, die Finanzierung und der Baubeginn des neuen Gymnasiums fielen noch in die Zeit der Zugehörigkeit der Stadt Meßkirch zum Kreis Stockach und damit zum Regierungspräsidium Freiburg. Durch die Kreisreform am 1. Januar 1973 wurde der Kreis Stockach aufgelöst, Meßkirch kam zum neuen Landkreis Sigmaringen und damit zum Regierungspräsidium Tübingen. Zur Einweihungsfeier des neuen Gymnasiums begrüßte Bürgermeister Siegfried Schühle deshalb die Vertreter des Kultusministeriums Stuttgart und der Oberschulämter Freiburg und Tübingen sowie den Landrat des ehemaligen Kreises Stockach, Freiherr von Gleichenstein.

Martin Heidegger hätte gerne einen anderen Schulnamen gehabt

Martin Heidegger war als ehemaliger Schüler der Höheren Bürgerschule in Meßkirch eingeladen, konnte aber nicht kommen. Sein vorgesehener Vortrag wurde unter dem Titel „Statt einer Rede. Zur Einweihungsfeier für das Gymnasium in Meßkirch“ in der Festschrift abgedruckt. Darin weist der Philosoph darauf hin, dass das Gymnasium am Feldweg stehe, der ihn als jungen Mann zum Feld des Denkens geleitet habe. Und er sagt: „Das Gymnasium am Feldweg – mir scheint, dies wäre die rechte Inschrift für das neue Gebäude.“ Daraus wurde nichts. Dafür heißt die Schule nach Heideggers Tod im Mai 1976 „Martin-Heidegger-Gymnasium“. 

Das Meßkircher Martin-Heidegger-Gymnasium im Sommer 2018.
Das Meßkircher Martin-Heidegger-Gymnasium im Sommer 2018. | Bild: Werner Fischer