Der Gebärdensprachenkurs des Bildungswerks Meßkirch ist im Landkreis Sigmaringen einmalig. Familienangehörige und Freunde von gehörlosen Menschen sowie diejenigen, die mit einer weiteren Sprache ihren Horizont erweitern wollen, müssten ansonsten weite Wege auf sich nehmen, um die Gebärden zu erlernen. Gerhard Heinzle, selbst durch eine Krankheit im Kindesalter gehörlos, übernahm vor zwei Jahren im Haus der Musik die Leitung von gleich zwei Kursen, die schnell belegt waren. Der neue Kurs dieses Jahr startet am Mittwoch, 23. Januar, von 18.30 bis 20 Uhr im Haus der Musik.

Bianca Metz ergriff vor zwei Jahren die Initiative

Die hörgeschädigte Meßkircherin Bianca Metz ergriff vor zwei Jahren die Initiative für einen Gebärdensprachenkurs, da sie den Bedarf von Freunden und Familienmitgliedern erkannte, sich mit Gehörlosen oder Gehörgeschädigten auszutauschen. Die 21-Jährige ist seit 2014 Mitglied der Deutschen Gehörlosen-Radsportnationalmannschaft. "Wenn ich mit ihr und ihren Teamkollegen zusammenstand, die mit Gebärdensprache kommunizierten, konnte ich nachempfinden, wie ausgegrenzt sich ein Gehörloser inmitten von Hörenden fühlen muss", erzählt ihr Vater Jochen Metz von seiner Erfahrung als Außenseiter, weil er damals die Gebärdensprache noch nicht konnte. Es war selbstverständlich, dass er und seine Frau zu den ersten Interessenten gehörten, die vor Ort am Kurs des Bildungswerks teilnehmen wollten.

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"Es ist anstrengend, man muss lernen und üben", berichtet Annette Kempter aus Zoznegg. "Aber es hat unglaublich viel Spaß gemacht", sagt die Oma des zweieinhalbjährigen Finn strahlend, der wegen seiner zu frühen Geburt gehörlos ist. Gerhard Heinzle, der auch die Lautsprache beherrscht, habe ihnen mit viel Humor und Geduld die Gebärdensprache beigebracht. "Er hat das so gut vermittelt", stimmt auch Opa Berthold Kempter zu. So ganz nebenbei habe sich auch die eigene Mimik verstärkt, was er als zusätzlichen Gewinn betrachtet. "Gerhard hat uns die Hemmungen genommen, die Gebärdensprache anzuwenden", ergänzt Annette Kempter. Es ist den beiden anzusehen, wie glücklich sie mit ihrer neuen Sprache sind.

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Petra Kempter aus Thalheim, Finns Mutter, nahm mit ihrem Mann ebenfalls am ersten Kurs teil. Wie selbstverständlich gehen ihre Hände mit, wenn sie etwas erzählt. Die Situation mit einem gehörlosen Kleinkind sei schon etwas schwierig. "Man muss sich bewusst machen, dass ein Austausch nur möglich ist, wenn Blickkontakt besteht", beschreibt sie die Situation. Man könne dem Kind beispielsweise nicht einfach hinterherrufen: Bleib stehen! Oder man müsse kräftig auf den Tisch klopfen, um Vibration zu erzeugen und damit die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Petra Kempter wünscht in der Gebärdensprache: Ein gutes ...
Petra Kempter wünscht in der Gebärdensprache: Ein gutes ... | Bild: Isabell Michelberger

Doch der Zweieinhalbjährige sauge jetzt alle Informationen auf. Um ihm die Gebärdensprache beizubringen zeige Petra Kempter auf einen Gegenstand oder eine Abbildung in einem Buch und mache dann die Geste dazu. "Wir haben erlebt, dass sich auch hörende Kinder gerne die Gesten abschauen, um sie nachzumachen", erzählt Finns Mutter.

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... neues ... | Bild: Isabell Michelberger

Früher habe man die gehörlosen Kinder dazu gezwungen, nur die Lautsprache zu erlernen. "Man war lange der Ansicht, dass die Gebärdensprache schädlich ist", berichtet Gerhard Heinzle, doch heute habe sich der besondere Wert der Gebärdensprache etabliert. Sie sei die Muttersprache der Gehörlosen.

... Jahr. Wobei sie für das Wort "Jahr" eine Kreisbewegung ausführt.
... Jahr. Wobei sie für das Wort "Jahr" eine Kreisbewegung ausführt. | Bild: Isabell Michelberger

Erzieherin Annette Kempter ergänzt, dass Fingerspiele im Kindergarten das Lernen unterstützen. Gerade Kinder, die sprachlich nicht ausdrucksstark sind, könnten sich mit einer gleichzeitigen Bewegung beim Sprechen steigern. Wenn bei diesen Fingerspielen die Gebärdensprache eingesetzt werde, wäre das ein riesiger Gewinn. "Es ist eine richtige Sinnesbereicherung", bestätigen alle, die den Gebärdensprachenkurs bisher belegten. Wenn man mit der Gebärdensprache nicht weiterkommt, weil eine entsprechende Geste fehlt, dann helfen das Fingeralphabet und das Ablesen der Lippen. Die Gehörlosen sind froh darüber, dass ihre Situation in den vergangenen Jahren stärker ins Bewusstsein gerückt ist.

Was ist Gebärdensprache?

Gebärdensprachen sind visuell-manuelle Sprachen. Sie bestehen neben Handzeichen aus Mimik und Körperhaltung. Sie verfügen über ein umfassendes Vokabular und eine eigenständige Grammatik, die grundlegend anderen Regeln folgt als die Grammatik gesprochener Sprachen. Sie sind ebenso komplex wie gesprochene Sprachen, auch wenn sie anders aufgebaut sind. Von der Sprachwissenschaft sind Gebärdensprachen als eigenständige, vollwertige Sprachen anerkannt.

Kann man mit Gebärdensprache alles ausdrücken? Ja. Gebärdensprachen sind zwar visuelle Sprache, aber sie sind keine Pantomime. Sie verfügen neben der eigenen, vollständigen Grammatik über konventionelle Zeichen. Damit lassen sich auch abstrakte Sachverhalte ausdrücken. Die Vollwertigkeit von Gebärdensprachen wurde im Zuge sprachwissenschaftlicher Forschungen bereits in den 1960er Jahren festgestellt. Trotzdem wurde die Gebärdensprache in Deutschland erste durch das Inkrafttreten des Behindertengleichstellungsgesetzes 2002 anerkannt.

Informationen im Internet:
http://www.gehoerlosen-bund.de