Dass auf der Ablachtalbahn kaum Züge fahren, ist jedem klar, der öfter an der Bahnstrecke vorbeikommt oder in der Nähe wohnt. Dass die Bahnlinie, die Stockach über Meßkirch mit Mengen verbindet, nun in der aktuellen Denkschrift des Landesrechnungshofs vorkommt, ist hingegen neu.

Im Abschnitt über die Förderung des Landes für nicht bundeseigene Eisenbahnen hat die Ablachtalbahn in gewisser Weise die Funktion eines abschreckenden Beispiels – nämlich für Bahnstrecken, in die beträchtliche Summen investiert wurden, ohne dass viele Züge darauf fahren würden. Speziell zwischen Sauldorf und Stockach verkehren laut dem Rechnungshof überhaupt keine Züge. Damit ist gewissermaßen amtlich, dass die Fördergelder nicht zielgerichtet eingesetzt wurden. Am gravierendsten: Eine Summe von fünf Millionen Euro aus dem Konjunkturpaket II im Jahr 2009, mit der die Ablachtalbahn von Sauldorf nach Stockach saniert wurde. Seitdem ging es immer wieder mit kleineren Summen für Instandhaltungen weiter, erst im Mai hatte die Ablachtalbahn Landesgeld zugesprochen bekommen, wie aus einer Pressemitteilung des Landesverkehrsministeriums vom Mai hervorgeht.

Von einer Fehlinvestition will der Rechnungshof dennoch nicht sprechen. Man kritisiere lediglich, dass das Land bei der Förderung keine Vorgabe dazu gemacht habe, welches Frachtvolumen auf den geförderten Strecken erreicht werden soll, sagt Pressesprecher Ronny Eschler. "Dies führt dazu, dass das Land diese Güterverkehrsstrecke fördert, auf der nur in geringem Umfang beziehungsweise überhaupt kein Eisenbahnverkehr mehr stattfindet", schreibt er auf Anfrage.

Meßkirchs Bürgermeister Arne Zwick geht einen Schritt weiter: Es sei richtig, dass das Land Geld in die Schienen-Infrastruktur der Ablachtalbahn gesteckt hat, doch sollte es nun auch B sagen und sich darum kümmern, dass es mehr Verkehr auf der Strecke gibt. Die Kritik des Rechungshofs sei verständlich, andererseits handle es sich bei der Ablachtalbahn aber ganz klar um eine erhaltenswerte Infrastruktur. Denn: "Wollte man die Bahn heutzutage bauen, könnte man das vergessen."

Klaus Burger, CDU-Landtagsabgeordneter für den Kreis Sigmaringen, hält fest, dass er als gelernter Bankkaufmann viele der vorgetragenen Kritikpunkte des Rechnungshofs nachvollziehen kann. Doch auch wenn die Bahnstrecke schwach ausgelastet ist, müsse ihre Erhaltung politisches Ziel sein. Andererseits gelte es aber auch, das Entwicklungspotenzial der Strecke besser auszuschöpfen. "Für die Stärkung des ländlichen Raumes wird das Land nicht auf eine Förderung verzichten können und kann dies auch gar nicht wollen. Streckenstilllegungen gilt es in jedem Falle zu vermeiden, wenn wir die Eisenbahninfrastruktur um Land insgesamt verbessern wollen.

" Im Zusammenhang mit den nach der Sommerpause noch anstehenden Haushaltsberatungen könne er es sich vorstellen, weiter in den Erhalt der Strecke zu investieren. Ganz ähnlich äußert sich Andrea Bogner-Unden, Grünen-Landtagsabgeordnete aus Wald: "Selbstverständlich sollte bei jeder Förderung geprüft werden, ob sie sachgerecht, effizient und zielführend ist", stellt sie fest. Aber: "Die Ablachtalbahn ist eine Strecke mit Zukunftspotenzial, auch für ein Angebot zum Personenverkehr. Angesichts dieser Diskussionen und Bestrebungen in der Region, halte ich es für notwendig, die Infrastruktur betriebssicher zu halten und die Zuwendungen für Instandhaltungsmaßnahmen für gerechtfertigt."

Und auch aus dem Kreis Konstanz gibt es Reaktionen zur Kritik des Rechnungshofs. So schreibt Rainer Stolz, Bürgermeister von Stockach, in einer Stellungnahme: "Dass die Strecke dann für diese doch eher seltenen Gütertransporte auf der Schiene mit einem doch sehr hohen Zuschuss versehen wurde, halte auch ich für kritikfähig." Und Mühlingens Bürgermeister Manfred Jüppner schreibt: "Nachdem bislang kein nennenswerter Güterverkehr stattgefunden hat, abgesehen von kleineren Nutzungen (beispielsweise Holzabtransporte am Bahnhof Schwackenreute), muss in der Tat die Frage gestellt werden, ob diese Förderung sinnvoll gewesen war." Doch nicht alle Verantwortungsträger im Nachbarlandkreis teilen diese Kritik. So schreibt Dorothea Wehinger, Landtagsabgeordnete des Wahlkreises Singen-Stockach (Grüne), mit Bezug auf die kleineren Landeszuwendungen, etwa für die Instandhaltung, der letzten Jahre: "Damit wird dem verkehrspolitischen Ziel der Verlagerung von Güterverkehren von der Straße auf die Schiene Rechnung getragen.

Selbstverständlich sollte bei jeder Förderung geprüft werden, ob sie sachgerecht, effizient und zielführend ist." Alle drei Politiker bringen auch den immer wieder diskutierten Personenverkehr auf der Strecke ins Spiel. Jüppner hätte die Aufrüstung der Strecke für diesen Zweck für schlüssiger gehalten, ist sich der Kosten aber auch bewusst. Stolz schreibt, dass man die Einschätzung ändern müsste, wenn das Land sich doch noch auf die Förderung des Personenverkehrs auf der Strecke besinne. Und Wehinger begründet damit die Notwendigkeit von Instandhaltungsmaßnahmen.

Seitens der Firma Tego Metall, die Inhaberin der Strecke ist, war auch auf mehrfache Anfrage keine Stellungnahme zu der Denkschrift des Landesrechnungshofs und zur Zukunft der Bahnstrecke zu erhalten.

Weshalb sich die Ablachtal-Bahn für eine Reaktivierung des Personenverkehrs eignen würde, hatten indes schon vor vier Jahren Schüler in Stockach erkannt: ,,Man muss hier scharf trennen zwischen betriebswirtschaftlichen Kosten und volkswirtschaftlichem Nutzen", hatte der Deutsch- und Religionslehrer Markus Möhren festgehalten, der sich mit den Schülern seiner Arbeitsgemeinschaft innerhalb des Hegau-Bodenseeseminars, der Interessierten- und Begabtenförderung für Mittel- und Oberstufe im Landkreis Konstanz, mit dem Thema beschäftigt hatte. Dabei kam heraus: ,,Der volkswirtschaftliche Nutzen für eine Reaktivierung der Ablachtalbahn wäre enorm." Möhren gibt ein Beispiel: Alle Anlieger-Ortsteile des Personennahverkehrzuges Seehäsle zwischen Radolfzell und Stockach würden extrem profitieren.

Die Arbeitsgruppe ist in Stockach stationiert und die Schüler Maria Buchholz, Sarah Hornstein, Jasmin Rußow, Simon Gottowik und Daniel Muffler gehen alle aufs Nellenburg-Gymnasium. Sie haben Gutachten studiert, sind auf Exkursionen gegangen, haben Bürgermeister interviewt, bei der Bahn vorbeigeschaut, bis sie zu diesem Ergebnis gekommen sind: ,,Die beste Alternative wäre, die Strecke für den Personenverkehr zu reaktivieren und die umliegenden Dörfer mit dem Bus anzuschließen."

Ursprünglich waren die Schüler der AG das Thema allgemeiner mit dem Titel ,,Eisenbahn und Eisenbahnschifffahrt" angegangen. Sie suchten nach einer effizienten Verbindung der beiden Verkehrsverbindungen. Dann hat sie die Diskussion im Stockacher Gemeinderat über die Verlängerung der Seehäsle-Linie zuerst bis Hindelwangen und dann vielleicht bis Meßkirch auf das Thema Ablachtalbahn gelenkt. Schnell sind sie auf die Gutachten aus dem Jahr 2001 und 2002 gestoßen. Sarah Hornstein weiß jetzt, wie Verkehrspolitik gemacht wird: ,,2001 gab es ein Gutachten, das war gegen die Aufnahme des Personenverkehrs auf dieser Strecke, aber das Gegengutachten 2002 hat schon die Aussage vertreten, dass es wirtschaftlich wäre, die Ablachtalbahn zu reaktivieren."

Lehrer und Eisenbahn-Fan Markus Möhren verstärkt diese These: ,,Damals war die Strecke ja noch gar nicht ausgebaut." Jetzt sei die Strecke mit fünf Millionen Euro Steuergeldern saniert und in einem Top-Zustand. ,,Nichts spricht gegen die Wiederaufnahme des Personenverkehrs." Auch die fehlenden Stationen lässt Möhren nicht gelten. Er glaubt nicht, dass der Ausbau pro Haltestelle gleich 200 000 Euro kosten muss: ,,Es gibt Lösungen für Haltestellen mit Schotter und Schwellen, die günstig sind."

Die Arbeitsgruppe ist bei ihrer Präsentation des Projekts zum Ergebnis gekommen, dass sich der Wiedereinstieg in den Personenverkehr zwischen Stockach und Meßkirch lohnt. ,,Man kann ja am Wochenende mit Ausflugsverkehr beginnen", schlägt Simon Gottowik eine schrittweise Wiederaufnahme vor. Fernziel sei eine Bodensee-S-Bahn. Ökologische, soziale und wirtschaftliche Gründe sprächen dafür. Der Individualverkehr würde eher zurückgehen als zunehmen, sagt Lehrer Möhren. Man müsse möglichst vielen Menschen die Möglichkeit geben, einen Anschluss an diese S-Bahn zu erreichen.

 

Biber bedroht den Bahndamm

Die Ablachtalbahn machte zuletzt im Zusammenhang mit dem Biber und einem abgesagten Sonderzug zum Muttertag von sich reden:

Bei Sauldorf hat der Biber den Ringgenbach aufgestaut und so dafür gesorgt, dass sich ein veritabler See auf der einen Seite des dortigen Bahndamms gebildet hat. Die damit verbundene Gefahr: Das Wasser durchnässt den rund 120 Jahre alten Bahndamm, der so seine Stabilität zu verlieren droht. Wie Eisenbahnbetriebsleiter Bruno Knödler sagt, breche auf dem Damm zudem schon der Schotter ein, was durch den Biber gegrabene Röhren im Bahndamm hindeute. Die Ablachtal-Bahn sei dabei, ein Konzept zu erstellen, wie mit dem Problem umgegangen werden kann. Derzeit laufe ein Antrag bei der zuständigen Behörde auf die sogenannte Vergrämung, also das Vertreiben, des streng geschützten Säugetieres. Werde diese bewilligt und sei der Nager erst einmal verschwunden, könne der Biberdamm zerstört und das Wasser abgesenkt werden. Erst dann würden Röhren im Bahndamm sichtbar, die in der Folge gestopft werden könnten. Im Anschluss sollte der Bahndamm dann mit einer Schutzschicht überzogen werden, die ihn vor weiteren Wasseransammlungen infolge des Bibers schützt. Denn auch wenn der Biber vertrieben werde sei klar, dass er über kurz oder lang wieder zurückkommen werde. Schließlich seien die Lebensbedingungen für ihn am Ringgenbach ideal. (mos)