„Die Welt als Narrenschiff“ lautet der Titel der neuesten Ausstellung in der Kreisgalerie im Meßkircher Schloss. Er lehnt sich an das Gemälde von Lothar Rohrer aus dem Jahr 1939 an, das ein Holzboot voller nackter Menschen zeigt, die ausgelassen der Narretei frönen, aber vor lauter Ausgelassenheit über Bord gehen. Es steht für Rohrers pessimistischen Blick auf das Tollhaus der Welt. Laudator Armin Heim nennt Rohrer, der fünf Jahre lang Kunsterzieher am Progymnasium Meßkirch war, im Hinblick auf seine surrealistische Malerei der Narrheit, der Apokalypse und des stillen Glücks den „Dalí des Hegaus“. Passend zu Rohrers Bilderwelt ist im Turmzimmer des Schlosses Monika Spiller-Helleraus Bilderzyklus „Menschen und Tiere“ zu sehen, der die Menschen in ihrer Selbstgefälligkeit zeigt.

Zahlreiche Besucher verfolgten die Ausstellungseröffnung im Festsaal des Meßkircher Schlosses. Vorne von links: Edwin Ernst Weber, Leiter der Kreisgalerie, Bürgermeister Arne Zwick und Laudator Armin Heim.
Zahlreiche Besucher verfolgten die Ausstellungseröffnung im Festsaal des Meßkircher Schlosses. Vorne von links: Edwin Ernst Weber, Leiter der Kreisgalerie, Bürgermeister Arne Zwick und Laudator Armin Heim. | Bild: Michelberger, Isabell

Bürgermeister Arne Zwick wies bei seiner Begrüßung auf den aktuellen Bezug von Lothar Rohrers Bildern hin. Wenn man das „Narrenschiff“ betrachte, fühle man sich an die politische Weltlage erinnert. Er bedankte sich bei allen Verantwortlichen, vor allem beim Leiter der Kreisgalerie Edwin Ernst Weber, dass seit 13 Jahren Ausstellungen im Meßkircher Schloss stattfinden und viele von diesen einen direkten Bezug zu Meßkirch haben.

Der Meßkircher Kulturwissenschaftler Armin Heim erläuterte den Lebensweg Rohrers. Er habe zwar nur fünf Jahre am Progymnasium in Meßkirch unterrichtet, doch habe der Lebensmittelpunkt seiner Familie 20 Jahre lang in der Stadt gelegen. Nach Tätigkeiten am Gymnasium in Karlsruhe, an der Schlossschule Salem sowie an den Gymnasien Ettlingen, Pforzheim, Konstanz und Singen sei ihm die Versetzung nach Meßkirch gelungen, der Heimatstadt seiner Frau, die dort bereits seit Kriegsbeginn gewohnt habe.

Die Besucher der Ausstellungseröffnung bestaunten die aufregende Bilderwelt von Lothar Rohrer wie Karola und Hans Burth (von rechts). Es sind Werke, die man genauer ansehen muss, um dann der Faszination zu erliegen. Bilder: Isabell Michelberger
Die Besucher der Ausstellungseröffnung bestaunten die aufregende Bilderwelt von Lothar Rohrer wie Karola und Hans Burth (von rechts). Es sind Werke, die man genauer ansehen muss, um dann der Faszination zu erliegen. Bilder: Isabell Michelberger | Bild: Michelberger, Isabell

„Lothar Rohrer hat erst in seinen späten Jahren als ‚Fasnachtsmaler‘ regional einige Bekanntheit und sogar Popularität erlangt“, führte Armin Heim aus, doch habe er sich selbst nie als solchen gesehen und hätte sich gegen eine solche Etikettierung sogar heftig gesträubt. Vielmehr seien es die Sehnsucht des Menschen nach Glück, seine Verletzlichkeit und Verführbarkeit, seine Verblendung, sein Scheitern an der eigenen Unzulänglichkeit, an seiner Narrheit, um welche Rohrers Bildthemen kreisen. Jedes Bild stellt eine enorme Fülle an Menschen und surrealer Landschaft dar, in das sich der Betrachter lange vertiefen und dabei auf Entdeckung gehen kann. Die Leitthemen in Rohrers Bildsprache, Wasser, Narren und Nacktheit, tauchen stets in ihrer gegensätzlichen Bedeutung auf. Im

Wasser kann man sich sowohl erquicken als auch ertrinken. Der Narr ist zugleich töricht und weise. Die Nacktheit steht für ein befreites Wohlfühlen und für die Verletzlichkeit des Menschen. Die hohen, sich nach unten verjüngenden Felsen der Landschaft erinnern stets an die Einsturzgefahr alles Zivilisatorischen. Es falle auf, wie Heim ausführte, wie oft Details aus dem Meßkircher Stadtbild oder die Meßkircher Katze in der Fasnacht wie selbstverständlich immer wieder in den Bildern auftauchen.

Künstlerin Monika Spiller-Hellerau (von rechts) unterhält sich mit ihren ehemaligen Sigmaringer Nachbarn Monika Fechter und Karl-Anton Wiest. Im Hintergrund ist ihr Bildzyklus „Menschen und Tiere“ zu sehen.
Künstlerin Monika Spiller-Hellerau (von rechts) unterhält sich mit ihren ehemaligen Sigmaringer Nachbarn Monika Fechter und Karl-Anton Wiest. Im Hintergrund ist ihr Bildzyklus „Menschen und Tiere“ zu sehen. | Bild: Michelberger, Isabell

Monika Spiller-Hellerau wirft in ihren Arbeiten ebenfalls einen kritischen Blick auf ihre Mitmenschen. Die in Überlingen ansässige Künstlerin, die mehrere Jahre in Sigmaringen lebte, rückt den Menschen als Kulturwesen in seiner Typenvielfalt in den Vordergrund und bringt ihn in Kontrast zu dem Naturwesen Tier. „Es ist schade, dass ich Lothar Rohrer nicht kennengelernt habe. Wir hätten uns verstanden“, erklärte die Malerin im Hinblick auf Rohrers Bilder im Gespräch mit dem SÜDKURIER.

Dorle Ferber schuf ein musikalisches Gemälde passend zur Ausstellung.
Dorle Ferber schuf ein musikalisches Gemälde passend zur Ausstellung. | Bild: Michelberger, Isabell

Musikerin Dorle Ferber fühlte sich von der Ausdruckskraft der Ausstellung stark angeregt und ließ zwei musikalische Stücke live bei der Vernissage entstehen, warnte jedoch: „Erschrecken Sie nicht, es geht vielleicht wild zu.“ Auf lautmalerische Weise mit einem Stimmenmultiplikator entwarf sie ein buntes Stimmengemälde passend zu der Motivwelt von Lothar Rohrer und Monika Spiller-Hellerau.

Begleitprogramm

Die Ausstellung ist noch bis zum 16. Februar zu sehen ist.

Am Sonntag, 17. November, führt Armin Heim um 15 Uhr durch die Ausstellung.

Am Sonntag, 5. Januar, 15 Uhr, unterhalten sich Hermann Brodmann, Armin Heim, Holger Schank, Monika Spiller-Hellerau und Edwin Ernst Weber bei einem Galeriegespräch über „Alltägliche und saisonale Narretei“.

Bei der zweiten Sonderführung am Sonntag, 19. Januar, um 15 Uhr, begleitet Monika Spiller-Hellerau die Besucher.

Am Sonntag, 26. Januar, um 15 Uhr, wird die Begleitausstellung „Gestrandet“ mit einem von Kindern der Grundschule Herdwangen unter der Leitung der Künstlerin Carola Riester gestalteten Narrenschiff eröffnet.

Öffnungszeiten: Freitag bis Sonntag sowie feiertags jeweils von 13 bis 17 Uhr.

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