Meßkirch – Mitglieder der Identitären Bewegung haben am Donnerstagabend den Vortrag von Thomas Nuding rund zehn Minuten lang massiv gestört. Der Meßkircher Unternehmer berichtete über seinen Oster-Einsatz an Bord der "Sea Eye" zur Rettung von Menschenleben auf dem Mittelmeer zwischen Nordafrika und Italien. Die rechtsradikalen Störer erhoben sich schreiend von ihren Plätzen. Etwa zehn Männer drangen nach vorne und entrollten ein großes Transparent mit der Aufschrift "Heuchler".

Thomas Nuding blieb bei dem Vorfall äußerlich sehr gelassen und stellte sich der Diskussion mit den jungen Männern. Erst auf Nachfrage aus dem Publikum gaben sich die Gruppenmitglieder als Mitglieder der Identitären Bewegung aus dem Bodenseeraum zu erkennen. Der Anführer, ein großer Mann mit schwarzem Bart, warf Nuding und den Nichtregierungsorganisationen (NGOs) generell vor, durch ihr Eingreifen zur Menschenrettung den Flüchtlingsstrom über das Mittelmeer anzuheizen.

Nudings Antwort bestand in der Feststellung, dass die kriminellen Schlepperbanden schon vor dem Einsatz der NGOs Flüchtlinge auf Seelenverkäufer-Booten in Richtung Italien geschickt hätten. Ausdrücklich wies der Meßkircher den Vorwurf zurück, die NGOs arbeiteten mit den Schlepperbanden zusammen. Ein weiteres Mitglied der Störer rief dem Publikum zu: "Wir sind jung und wir sind die Zukunft." Der bereits erwähnte Anführer der Gruppe fragte Nuding: "Wie viele Leute hast Du nach Deutschland gebracht, die hier schon jemanden vergewaltigt haben?" Inzwischen war offensichtlich die Geduld des Publikums erschöpft. Bevor es zu einer Eskalation kommen konnte, verließen die jungen Männer den Saal im Feuerwehrgerätehaus.

Thomas Nuding berichtete vor und auch nach dem Zwischenfall detailreich über den Alltag bei der Seenotrettung auf dem Mittelmeer. Die Schleuser fordern von ihren Opfern 5000 Euro für die Überfahrt. Dazu verkaufen sie für jeweils 300 Euro absolut unbrauchbare Schwimmwesten. Ihre Schlauchboote können im Internet über eine chinesische Firma bestellt werden für 800 Dollar pro Stück. Nuding: "Ich habe im Internet recherchiert. Viele der Bestellungen kommen aus dem türkischen Raum. Auf ein solches Boot kommen bis zu 150 Menschen."

Wasser dringe ein, vermische sich mit Treibstoffresten und menschlichem Urin, das ergebe eine unglaublich ätzende Flüssigkeit, die zu massiven Hautablösung führe, schilderte Nuding. Oft seien die Sitzbretter in diesen Booten von unten mit Schrauben befestigt, die über den Rand ragen und ebenfalls zu Verletzungen führten. Ob die Bootsinsassen heil in Italien ankommen, sei den Schleppern egal. In einigen Fällen konnte die Crew der Sea-Eye nur noch Leichen bergen. Nuding: "Eine schwangere Frau kam noch lebend an Bord. Doch sie war so entkräftet, dass sie bald gestorben ist."

Das sind die besonders belastenden Momente, mit denen sich ehrenamtliche Helfer wie Thomas Nuding konfrontiert sehen. Die Leichen werden ebenfalls an Land gebracht und, wie Nuding berichtet, zumindest in Italien würdig auf Friedhöfen beigesetzt.

An diesem Abend hatte der Meßkircher ein besonderes Anliegen. Er wollte Geld sammeln für ein sogenanntes Centifloat für die Sea-Eye. Die Vortragsbesucher spendeten 616 Euro. Thomas Nuding legt die noch fehlenden 884 Euro aus der eigenen Kasse dazu. Centifloats sind robuste Gummischläuche, die aneinandergebunden ein stabiles Floß bilden, mit dem Menschen sicher zum Rettungsschiff gebracht werden können.

"Sie erzählen den Leuten, wie toll es in Europa ist"

Der Meßkircher Unternehmer Thomas Nuding war über die Osterfeiertage als Kapitän des Schiffes "Sea Eye" zur Seenotrettung auf dem Mittelmeer.

Warum werden gerettete Schiffbrüchige nicht nach Libyen zurückgebracht?

Dem stehen international gültige Konventionen entgegen, die das verbieten. Aus seemännischer Sicht wäre die Rückführung nach Libyen sinnvoll, aus juristischer Sicht aber unmöglich.

Welche Rolle spielen Schleuser bei den Fluchtbewegungen?

Sie kommen in manche Dörfer, erzählen den Leuten, wie toll es in Europa sei und verführen sie damit zum Aufbruch. Sie bringen sie in vielen Fällen sogar mit dem Lastwagen durch die Sahara. Wenn die Menschen dann wieder nach Hause wollten, gibt es den Transfer durch die Wüste nicht mehr. Zu Fuß wäre das unmöglich.

In welchen afrikanischen Ländern herrschen Menschenrechtsverletztungen, die die Menschen auch ohne Werbung zur Flucht veranlassen?

Beispielsweise Eritrea, der Südsudan oder Nigeria. Wirtschaftliche Verhältnisse spielen in Ghana oder Ginea-Bissau die wesentliche Rolle."

 

"Ich kenne die Sea-Eye, weil das Projekt auch vom mennonitischen Hilfswerk unterstützt wird. Von den Störern bin ich negativ ...
"Ich kenne die Sea-Eye, weil das Projekt auch vom mennonitischen Hilfswerk unterstützt wird. Von den Störern bin ich negativ überrascht." Richard Dettweiler, Elektromechaniker, Kalkofen | Bild: Hermann-Peter Steinmüller
"Die EU hat den Friedensnobelpreis und kann es nicht zulassen, dass Menschen auf dem Weg übers Mittelmeer ertrinken." Gernot Fischer, ...
"Die EU hat den Friedensnobelpreis und kann es nicht zulassen, dass Menschen auf dem Weg übers Mittelmeer ertrinken." Gernot Fischer, Baustoff-Kaufmann, Meßkirch | Bild: Hermann-Peter Steinmüller
"Ich kann die Beweggründe der Identitären nicht nachvollziehen und finde den Auftritt nur peinlich." Tatjana Sauter, Studentin, Vilsingen
"Ich kann die Beweggründe der Identitären nicht nachvollziehen und finde den Auftritt nur peinlich." Tatjana Sauter, Studentin, Vilsingen