Vor fünfzig Jahren feierte die Landwirtschaftsschule Meßkirch das 100-jährige Bestehen. Warum nicht schon im November zu Beginn des Winterhalbjahres, erklärte der Leiter der Schule, Regierungsoberlandwirtschaftsrat Dr. Binkert, so: „Wir wollten den Schülern helfen, dieses Fest mitgestalten zu können. Wir begehen das große Ereignis daher erst am 4. Februar mit Gottesdienst in der St. Martins-Kirche, einem Festakt im Martinssaal und einem Festbankett in der Stadthalle.“ In seiner Festrede ging Eugen Leibfried (CDU), baden-württembergischer Minister für Ernährung, Landwirtschaft, Weinbau und Forsten, auf die Umbrüche in der Landwirtschaft durch die rasante Entwicklung der Technik, den Zusammenschluss in Europa und die Einführung eines gemeinsamen Agrarmarktes samt freiem Wettbewerb ein. „Von unseren Bäuerinnen und Bauern wird daher heute mehr geistige Beweglichkeit, fachliches Können und betriebswirtschaftlicher Weitblick verlangt als je zuvor.“ Dies setze eine umfassende und gründliche Fachausbildung in Landwirtschaftsschulen voraus, meinte der Minister.

Sie war die älteste ihrer Art im gesamten Bodenseeraum. Nach der Gründung von Winterschulen in Heidelberg, Karlsruhe und Bühl wurden 1867 vier weitere in Offenburg, Müllheim, Waldshut und Meßkirch eingerichtet. Maßgeblichen Anteil daran hatte der Meßkircher Posthalter und Adlerwirt, bekannte Viehzüchter und Reichstagsabgeordnete Johann Baptist Roder. Die Verhandlungen mit dem Land verliefen erfolgreich. Durch den Vertragsabschluss am 5. Oktober 1867 übernahm das Großherzogliche Handelsministerium die Besoldung des Vorstandes der Schule, während die Gemeinde Räume im Schloss zur Verfügung stellte und für die Einrichtung und Erhaltung, Beleuchtung und Heizung, die Besoldung der Hilfslehrer, die Beschaffung der Lernmittel und die Bestreitung der Bürokosten aufzukommen hatte.

Der Grundstein der neuen Kreiswinterschule am 9. Oktober 1954. (Quelle: Stadtarchiv).
Der Grundstein der neuen Kreiswinterschule am 9. Oktober 1954. (Quelle: Stadtarchiv). | Bild: Stadtarchiv Meßkirch

Der erste Unterricht war am 4. November 1867 im Schloss. Den ersten Jahrgang besuchten elf Schüler aus den Bezirken Meßkirch, Überlingen und Breisach, der erste Lehrer war Wilhelm Martin. Bis 1894 bewegte sich die Zahl der Schüler zwischen sieben und zwanzig. Weil aber immer mehr Schüler die Kurse in zwei Winterhalbjahren besuchten, um ihr Wissen und Können zu vertiefen und zu erweitern (im Sommer war die Schule wegen der anstehenden Feldarbeiten geschlossen), übernahm Meßkirch im Schuljahr 1894/95 den vom Großherzoglichen Ministerium des Innern herausgegebenen Lehr- und Stundenplan für zweiklassige Winterschulen mit wöchentlich 14 Stunden und mit neuem Lehrstoff.

Am 1. Juli 1900 trat eine wichtige Änderung in Kraft: Die Winterschulen wurden zu staatlich unterstützten Kreiswinterschulen. Nach dem Bau der Neuen Schule 1904 bei der evangelischen Kirche zogen die Landwirtschaftsschüler in das alte Volksschulgebäude in der Schlossstraße ein, die Schüler aus größerer Entfernung mussten sich eine Bleibe in der Stadt suchen. 1931 übergab die Stadt dem Kreis die Jugendherberge als Internat.

Die Regierung ordnete im November 1933 die Fachschulpflicht für bäuerliche Werkschulen an. Dadurch stiegen die Schülerzahlen in den fünf Landwirtschaftsschulen des Kreises Konstanz stark an, obwohl sich manche Bauern dagegen wehrten, ihre Söhne in die Schule zu schicken. Im Winterhalbjahr 1938/39 wurde erstmals Unterricht in einer angegliederten Mädchenklasse erteilt.

Bis 1939 betreute der Kreis Konstanz die Winterschule, danach der 1936 neugebildete Landkreis Stockach. 1955 erhielt Meßkirch eine vom Kreis finanzierte neue Winterschule mit Internat (beim Jahn-Stadion). Hier konnte auch regelmäßig eine Mädchenklasse unterrichtet werden. Im März 1972, vier Jahre nach der Hundertjahrfeier, lud der Schulleiter Dr. Binkert zum 105. Semesterabschluss ein, dem „voraussichtlich letzten“ Festakt in der Geschichte der Meßkircher Landwirtschaftsschule. Als eine der Folgen des Schulentwicklungsplanes II des Landes wurde die Schule nämlich noch im Sommer 1972 offiziell geschlossen. 

Nach der Schließung der Kreislandwirtschaftsschule 1972 zog 1973 die damalige Sonderschule für Behinderte, später Sonderpädagogisches Bildung- und Beratungszentrum (SBBZ) in das Gebäude ein. Heute trägt sie den Namen „Goldösch-Schule“. Bild: Wener Fischer
Nach der Schließung der Kreislandwirtschaftsschule 1972 zog 1973 die damalige Sonderschule für Behinderte, später Sonderpädagogisches Bildung- und Beratungszentrum (SBBZ) in das Gebäude ein. Heute trägt sie den Namen „Goldösch-Schule“. Bild: Wener Fischer | Bild: Dr. Fischer, Werner

Roder tritt als großer Förderer auf

Am 2. Mai 1866 beschloss der Gemeinderat, eine landwirtschaftliche Winterschule zu errichten. Am 5. Oktober 1868 wurde der Vertrag zwischen dem Großherzoglichen Handelsministerium und dem Gemeinderat Meßkirch abgeschlossen, am 4. November 1867 der erste Unterricht im Schloss erteilt.

Am 1. Juli 1900 wurden durch Erlass des Landes alle Landwirtschaftsschulen zu Kreiswinterschulen. Der Schulvorstand wurde Staatsbeamter, der Kreis Konstanz übernahm die Besoldung der Hilfslehrer, die Beschaffung der Lehrmittel und die Bestreitung der allgemeinen Bedürfnisse, während die Stadt die Räumlichkeiten stellte, für den Unterhalt sorgte und einen Barzuschuss leistete. Ab 1904 war die Schule in beengten Verhältnisse im alten Volksschulgebäude in der Schlossstraße untergebracht. Die Gründung des Vereins ehemaliger Winterschüler, datiert vom 23. November 1913, dokumentiert die enge Verbundenheit der Landwirtschaftsschüler mit „ihrer“ Schule bis in die Gegenwart.

Zweimal drohte die Schließung: Der Plan des Kreises Konstanz, die Winterschulen Meßkirch und Hegne 1879 zusammenzulegen und in Radolfzell weiterzuführen, scheiterte an der Ablehnung Meßkirchs. Die Schließung der Schule und Verlegung nach Pfullendorf 1927 mangels Räumlichkeiten konnte die Stadt nach einjährigen Verhandlungen abwenden; sie erklärte sich im Vertrag vom 4. Mai 1928 bereit, für die erforderlichen Räume zu sorgen und innerhalb von zehn Jahren einen Neubau zu errichten. 1931 übergab die Stadt dem Kreis die Jugendherberge als Internatsgebäude.

Nach der Schließung der Kreislandwirtschaftsschule 1972 zog 1973 die damalige Sonderschule für Behinderte, später Sonderpädagogisches Bildung- und Beratungszentrum (SBBZ) in das Gebäude ein. Heute trägt sie den Namen „Goldösch-Schule“ – aktuelles Bild aus 2018. Bild: Manfred Dieterle-Jöchle
Heute trägt sie den Namen „Goldösch-Schule“ – aktuelles Bild aus 2018. | Bild: Dieterle-Jöchle, Manfred

Die Einführung der Fachschulpflicht für bäuerliche Werkschulen am 24. November 1933 ließ die Schülerzahlen stark ansteigen. Nach der Landkreisreform vom 1. Oktober 1936, bei der die Bezirke Stockach und Meßkirch aus dem Kreis Konstanz herausgelöst wurden, unterstand die Winterschule in Meßkirch ab 24. Juni 1939 dem Kreis Stockach. Ab Winterhalbjahr 1938/39 wurde eine Mädchenklasse eingerichtet. Die erste Lehrerin war Regine Nober vom Schuhhaus Nober (heute Schuh-Müller), die spätere Ehefrau von Tierarzt Dr. Werner Fischer in der Jahnstraße. 1954/55 baute der Kreis Stockach ein neues Gebäude mit Internat beim Stadion. Dazu spendeten die Landwirte im ehemaligen Amtsbezirk Meßkirch 60 000 DM. Nach Schließung der Meßkircher Winterschule zog 1973 die Sonderschule für Behinderte, heute Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ), seit einigen Wochen „Goldösch-Schule“, von Sigmaringen in das Gebäude um.

Zum Anreger, Gründer und Förderer der landwirtschaftlichen Winterschule wurde Johann Baptist Roder, seit 1839 durch Heirat mit Sophia Schalk Meßkircher Adlerwirt und Posthalter, Landtags- und Reichstagsabgeordneter, Landwirt und Viehzüchter. Durch den Kauf von landwirtschaftlichem Gerät aus England verbesserte er die Arbeit der Bauern auf den Feldern, durch die Einfuhr von Simmentaler Bullen aus der Schweiz, die Gründung der ersten Zuchtgenossenschaft in Baden und Züchtung einer neuen Rinderrasse, dem Meßkircher Höhenfleckvieh, wurde er europaweit bekannt. Der Aufschwung der Stadt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist maßgeblich dem Export des Höhenfleckviehs in osteuropäische Länder zu verdanken. Sein Porträt, das bis zur Auflösung in der Landwirtschaftsschule hing, befindet sich nun im städtischen Heimatmuseum. (wf)